Wo die Gitarre ein Zuhause hat

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Die neue EP von Father Midnight ist da. Das ging schnell — ein Glück. 

Schon wieder Father Midnight, diesmal in: Wie das Leben spielt. Durch Zufälle bedingt bringen die drei Berliner Jungs keine zwei Monate nach der letzten schon die nächste EP. Name: had it coming. Der Korrektheit halber allerdings müsste man vom Plattencover zitieren. Father Midnight Had It Coming. Philipp Stolterfoht — Sänger, Gitarrist und Lyrizist des Trios — nämlich sagt, der Titel solle auch immer eine kleine Geschichte erzählen, wie schon bei der letzten Publikation Father Midnight Lost His Shit. Die Cover-Artworks sind selbst gestaltet, Bassist Jochen Stückrath und Philipp collagierten jeweils.

Nun also die neue EP mit neuem Material. Das hört klingt alles sehr eingespielt als Ganzes, keiner als wäre er ein Lückenfüller, sondern wohl erwählt. Ein Sound, der an Früheres erinnert, das höchstens aber als Inspirationsquelle diente, den Staub abgeschüttelt, ein ganz neuer Klang. Der Twang der Fender Jazzmaster unverkennbar. Für die Aufnahmen nutzte die Band DDR-Nachbauten von Verstärkern aus den Sixties, arbeitete dann zwar digital, für den finalen Sound aber noch mit Tape Recordern. Dafür zogen sich die drei in ein Haus in Brandenburg zurück, um ungestört vom Trubel der Großstadt fertig zu produzieren. Am Ende stehen vier Lieder, die Sound und Geist vergangener Tage transportieren, ohne die Zeit ihrer Entstehung zu verleugnen. Sehnsucht an Gewesenes wird überdeckt von der Freude, solche Töne frisch zu erleben.

Tom Shaked, seit Jahreswechsel der Drummer von Father Midnight, ist zum ersten Mal auf einem ihrer Records zu hören und fügt sich ganz wunderbar in den Klang ein, gibt den Takt an und lässt Luft für Philipps Kopfstimme, die, so sagt er selbst, mehr Kontrolle ermöglicht, auch wenn er auf der neuen EP hier und da mit tieferen Stimmlagen experimentiert. Schon bekannt von Lost His Shit, diesmal aber noch entschlossener umgesetzt sind die teilweise langen Soli. Father Midnight haben den Mut dazu, nehmen sich Zeit für ausgedehnte Gitarrenparts. Eine lang verloren geglaubte Kunst. Allein dafür gebührt ihnen alle Ehre im immer erlesener werdenden Kreis der Gitarrenmusik-Fans.

Das Bassy, ein Berliner Club in dem sie schon spielten, schloss gerade erst für immer die Türen. Solche Hiobsbotschaften halten sie aber nicht auf, die Antwort ist eine kreischende Klampfe und die Flucht nach vorne. Die nächste Veröffentlichung steht auch schon ins Haus: Am 20. Juli erscheint eine Split mit der Band Ryl — Auftritt in der Kantine am Berghain inklusive. Vielleicht übertönt die Gitarre an diesem Abend dann kurz die Bassboxen des Technoclubs. Nicht nur wegen der Insolvenz des legendären Gitarrenbauers Gibson das bitter nötige Lebenszeichen massivhölzerner Saiteninstrumente.

Der Song „Words“ von der neuen EP:  

Wenn das Schlachten vorüber ist

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Udo Lindenberg mit Benjamin von Stuckrad-Barre und dem Ensemble bei „Panikherz“ am 29. April 2018 © Moritz Haase

Laut, leise, schnell und Leid: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie „Panikherz“ wird im Berliner Ensemble unter Regie von Oliver Reese aufgeführt.

Keine Panik, ich bin nur zappelig. Der Abgrund der Kokainsucht, dieser Droge, die eigentlich aufdrehen soll, Kreislauf anregt in ihrer Urform, Menschen zum Reden bringt, ist Müdigkeit. Regungslosigkeit. Tod. Wenn nicht physisch, nicht endgültig, dann wenigstens seelisch. Wenn es so etwas gibt. Sie macht dich zum Spießer. Sagt zumindest Benjamin von Stuckrad-Barre. Und der muss es ja wissen.

Sein autobiographisches Panikherz wird im Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht und wie sich das für ein solches Stück gehört, sollte man es natürlich an einem Wochenende besuchen, lieber ausschlafen und Tickets auf den letzten Drücker besorgen. Also die Kateraufführung. Da passiert sicher was. Wie sich das wohl anfühlt, das eigene Leben auf der Bühne zu sehen, selbst dargestellt zu werden von vielen, wie in einem schizophrenen Albtraum? Und wie erst, wenn es das Leben eines Freundes ist, das man da betrachtet, in einem dunklen Theatersaal und durch die Gläser einer eckigen Sonnenbrille?

Selbstbildnis erfordert Mut, der auf der Bühne nicht immer zu finden ist

Große Teile des Publikums an diesem lichtreichen Sonntagnachmittag sehen so aus, als kämen sie gerade aus dem Berghain. Spricht für die Theorien jener, die das Werk weniger als abschreckendes, pamphletisches Exempel denn viel mehr als Motivationsspritze für drogeninduzierten Absturz sehen. Für Berghaingänger ist das wohl höchstens Blasphemie. Panikherz hat es kaum gebraucht, um Stuckrad-Barre als den großartigen Beobachter zu outen, der er ohne jeden Zweifel ist. Panikherz legt aber, zumindest auf dieser Bühne an einem Sonntag in Berlin, dar, dass diese, seine Gabe bei dem Blick auf sich selbst ins Schwammige driftet.

Sein Innerstes nach außen zu kehren, zumal öffentlich, erfordert Mut, man setzt sich einigermaßen ungeschützt Unbekannten aus. Diesem Mut fehlt in der Darbietung hier und da ein authentisches Moment, der Funke will nicht immer überspringen. Zumindest wenn man die Geschichte kennt, Interviews mit Stuckrad-Barre, ältere wie jüngere Kommentare zum eigenen Leidensweg.

Den Teufelskreis der Süchte hat er schon weit vor der Fertigstellung dieser, ja, irgendwo Abrechnung mit sich selbst, erklärt: Eine Sucht bedingt die andere, will man von einer loskommen, braucht man stets eine neue. Diese Geschichte ist eine, die Uneingeweihte auf Distanz hält, Kenner wohl aber in ihren Bann zu ziehen vermag. Schwer zu sagen, wie groß der Graben zwischen dem Geschilderten und dem Berliner Nachtleben ist, das ja zumindest auf dem Papier Freude suggeriert. Diese Freude, der schnelle Weg dahin und zum schnellen Leben, wird im Großen Haus des Berliner Ensembles so zügig und kurzweilig dargestellt wie er ist, schnell eben und laut, und schrill.

Leider verfällt die Besetzung teils in zu zappeliges Auftreten, das weniger panisch als nervtötend wirkt, soll es auch sein, der Weg zur Affektiertheit aber ist mindestens als kein weiter zu erkennen. Das unterschiedliche Gebaren der vier Benjamins kennt gerade Nuancen, die durch die verschiedenen Phänotypen aber verstärkt werden, somit Zerrissenheit im gemeinsamen Sumpf durchaus symbolisieren können. Sie stellen je die verschiedenen Epochen dieses Lebens dar, die Phasen von Kindheit, Aufstieg, Fall und dem Geläuterten, wenn man das so nennen darf, von Heute dar, die Grenzen aber sind fluid und verschwimmen so wie die diversen Ichs die ein jeder in sich trägt.

Der Soundtrack überzeugt und auch Authentisches ward noch gefunden

Ein wirkliches Highlight ist vor allem auch die Musik, die Band, die Gitarre, schaffen einen eigenen Soundtrack auch mit bekannten Titeln für die Vita des Benjamin von Stuckrad-Barre. Auch die Darsteller singen, herausragend vor allem Carina Zichner. Einzig die Darbietung der Oasis-Hymne „Don’t Look Back In Anger“ von Nico Holonics kann keinem echten Fan der Britpop-Legenden gefallen, unsäglich ist das Cover gar. Holonics überzeugt dafür schauspielerisch umso mehr, nicht zuletzt seiner herausragenden Authentizität wegen .

Das Highlight bleibt dennoch anderen überlassen: Denn hinter der eckigen Sonnenbrille, ganz hinten im dunklen Saal, versteckte sich natürlich Udo Lindenberg, nebst dem Autoren höchstpersönlich. Den abschließenden Ringelpiez auf der Bühne lassen sich beide nicht entgehen, Udo trällert bassig wie eh noch etwas mit und vor sich hin, ehe sich die ganze Bagage, Regisseur Oliver Reese inklusive, selbst feiert auf dieser Bühne mit dem großen Perser und dem kleinen Balkon, der dem Chateau Marmont entnommen sein könnte. Ebendiesem Hotel, in dem das Buch einst entstand und die Freundschaft dieser beiden Ausnahmeerscheinungen in jeder Hinsicht blühte.

  • Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin 
  • nächste Aufführungen: 10.05., 22.05. und 27.06.2018 
  • Mehr Infos und Karten 

April 2018

Am Löwenzahn der Zeit wird jedes Leben noch zur Pusteblume

Wenn die Sonne strahlt, dass der Kopf ganz neblig ist,
der Löwenzahn blüht und die Gedanken frisst,
dann ist der Frühling leider ausgeblieben,
wurden der Pflanzen Blüten zu früh ausgetrieben.

Dabei hat diese Zeit des Jahres doch ihre ganz eigne Magie,
macht sanften Übergang für Mensch und Vieh,
die der Gewöhnung an das Wetter doch bedürfen,
bevor sie wieder Kaltes schlürfen.

Jetzt schon wieder vom Herbst zu sprechen,
scheint ob der lang gewordnen Tage ganz vermessen.
Doch ward auch der zuletzt häufiger vergessen,
als würd‘ die Natur sich für irgendwas rächen.

Unschuldslämmer gibt’s nur weidend auf den Wiesen,
die die Menschen mit ihrem Gifte gießen.
Damit die Obstbäume immer früher entbinden,
so wird der Mensch sein Ende als Fallobst finden.

Jann-Luca Zinser

Father, where have you been?

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Was der Musik in der letzten Dekade gefehlt hat? Die Frage trieb so manchen um, doch das Warten hat ein Ende, die Antwort ist gefunden: Father Midnight.  

Wo Rock’n’Roll ist, sind Sex und Drogen selten weit. Eine wahre Lendenfreude und Aufruf zum Exzess ist die EP „Lost His Shit“ von Father Midnight. Die drei Jungs aus Berlin zeigen testosterongeladen, wie gute Rockmusik auch mit nur einer Gitarre funktioniert. Dabei halten sie jedem Vergleich mit historischen Granden des Genres stand, schon weil sie ihn hinfällig machen. Wenn sie loslegen, möchte man am liebsten seinen nackten Körper an einem anderen reiben und der Vollendung der Ästhetik solch einer Situation halber im Zuge des Rausches einander vor die Füße kotzen. In der einen Hand ein Bier, in der anderen eine Flasche Whiskey. Kippe im Mund, Bier ins Gesicht.

Zur Einstimmung auf dieses Stück Musikgeschichte — das ist es, das wird es, da sind wir uns ganz sicher — wollen wir diese ein bisschen mitschreiben und haben „Lost his Shit“ in einer Audioreview besprochen. Hört auf Spotify oder direkt hier rein:


Father Midnight auf Bandcamp

 

The Deconstruction der Eels

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Oder auch: Schnarchen in 15 Songs

„Life is hard and so am I.
You’d better give me something so I don’t die.“

Mit diesen Worten starteten die Eels vor über 20 Jahren ihr wohl bestes Album Beautiful Freak.  Inzwischen scheinen sie recht viel vom falschen „Something“ bekommen zu haben und dennoch ein hartes Leben zu führen. Denn  „The Deconstruction“ ist eine melancholische Schlaftablette, die verschwurbelnd, verkomplizierend und überproduziert keinen Aal mehr aus seiner Höhle locken kann.

Ähnlich gut wie der Wortwitz mit dem Aal (englisch: Eel) sind übrigens auch die Texte einiger der deutlich zu lang geratenen Songs auf „The Deconstruction“. Glaubt ihr nicht? Bitteschön:

I love that you’re my best friend and my wife
And I love our little family and our life

Was es sonst noch so zu „The Deconstruction“ von den Eels zu sagen gibt und ob die ganze Redaktion das so sieht, hört ihr in dieser aktuellen Audio Review von „Konzeptfreiheit bespricht“. Direkt im Player unter diesen Zeilen, oder auf Spotify.


Eels live 2018:

  • 25.06. München, TonHalle
  • 26.06. Köln, E-Werk
  • 28.06. Berlin, Tempodrom
  • 29.06. Hamburg, Mehr!Theater

 

Zeichen einer Zeit

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Irving Penn wird bis zum 01. Juli 2018 anlässlich seines 100. Geburtstags mit einer einzigartigen Retrospektive in der C/O Galerie gefeiert.

Unzählige warten auf Einlass, Irving Penn anlässlich seines 100. Geburtstages mit der großen Retrospektive „Centennial“ in der C/O Galerie im Amerika-Haus zu feiern. Nachdem drinnen im Kreise Ausgewählter die Vernissage eröffnet und die ersten Weinfalschen geköpft wurden, werden nun hunderte Fotografieenthusiast*innen in den beengten Eingangsbereich gespült.

In der Luft hängt ein Gemisch aus schwerem Parfüm und Weißwein. Vorbei an Blusen, Sakkos und individuellen Hornbrillen empfängt am Ausstellungseingang endlich Irving Penn die Besucher*innen höchstselbst in Form eins übergroßes Selbstporträt, das ihn leger an seiner Großformatkamera lehnend zeigt. Beginnend mit Penns Stilleben, die er in den frühen 1940ern als erste Auftragsarbeiten für das Modemagazin Vogue arrangierte, entwickelt sich die Ausstellung chronologisch.

„Theatre Accident“ zählt wohl zu seinen bekannteren stilllebendigen Kompositionen: 1947 arrangierte er den durch ein Malheur auf dem Boden zerstreuten Inhalt einer Damenhandtasche während eines Theaterbesuchs. Auf den ersten Blick erscheint alles als heilloses Chaos, im zweiten aber lässt sich die Sorgfalt einer eigenen Ordnung erkennen, nämlich die einer symbolischen Beschreibung kleiner Zeitkapseln, die in ihrer kontrollierten Anordnungen auf etwas Nicht-Anwesendes verweist – wie aus Kaffeesatz lassen sich hier aus dem Tascheninhalt Zeichen der Zeit, der Begegnungen und der Identität der Taschenträgerin erahnen. Kleine Rätsel, die manche Besucher*innen erfolglos in frontaler Distanzlosigkeit zu den Bildern zu erraten versuchen. Leider.

1945 kehrte Penn nach einem Kriegseinsatz wieder zur Arbeit bei der Vogue zurück. Im Angrenzenden Teil der Ausstellung zeigt sich, dass Penn die technische Kontrolle seiner Stillleben auf seine ersten ruhmreichen Porträts übertragen konnte. Es entstanden seine „Existenziellen Porträts“, die nicht nur aufgrund der abgebildeten Prominenzen zu zeitgeschichtlichen Bildern wurden. Penn war ein Meister darin, Subjekte außerhalb ihrer habituellen Kontexte zu inszenieren, denn seinen Modellen ließ er zwar jede Entfaltungsmöglichkeit, doch stets vor einem minimalistisch kontrollierten Hintergrund.

Eine Technik, die er auch während seiner Reise 1948 ins Peruanische Cuzco exportierte. In einem geschichtslosen Studio porträtierte er die hiesige Dorfgemeinschaft. Die Form des Beschreibens in seinen sogenannten „Ethnografischen Fotografien“ bleibt aus anthropologscher Sicht unbedingt fragwürdig, denn er nimmt Anlehnung an den zeitgenössischen Primitivismus mit dessen Inszenierungen des Edlen Wilden – einem Idealtypus vorzivilisatorischen Lebens. Andererseits erzeugte er mit der Übersetzung seiner Technik der Existenziellen Porträts in diesem Peruanischen Kontext eine Art der Gleichzeitigkeit: Ob US-Amerikanischer Glamourstar oder provinzieller Marktverkäufer, für Penn ergeben sich daraus keine Unterschiede aber zeitlose Fotografien.

So bemerkt er mit Hinblick auf seine Modefotografien: „Ich hatte immer das Gefühl, dass wir Träume verkaufen, nicht Kleider.“ Ein Zitat mit welchem auch koloniale Sehnsuchtsgefühle der Moderne interpretiert werden können, für die Penn plastische Metaphern schuf. Dennoch: Penn verstand es, in seinen Fotografien Zusammenspiele von Formen und Zeiten zu inszenieren. Darin liegt wohl sein meisterhaftes Können, das sich lohnt, bestaunt zu werden.

 

Sommergäste gefangen im eigenen Wahnsinn

Sommergäste
Foto: Arno Declair

Im Deutschen Theater ist derzeit Maxim Gorkis „Sommergäste“ zu bewundern. Zeitlos, aber im Geiste der Moderne inszeniert. 

Es ist doch immer wieder beeindruckend, wie zeitlos Theaterstücke sein können. Ob geschrieben in Zeiten größter Gelassenheit oder in der Krise, manches, so scheint es, ändert sich eben nie. Die Inszenierungen vielleicht, sie werden drastischer. Oder doch das Publikum empfindlicher? In Gorkis’ „Sommergäste“, im Deutschen Theater inszeniert von Daniela Löffner, stimmt wohl beides.

Nachdem sich kurz vor der Pause des vier Stunden langen, aber äußert kurzweilig aufgeführten Dramas die Julija Filippowna, gespielt von Kathleen Morgeneyer, im Rahmen ihrer Gesangseinlage schwarze Farbe erst auf die Beine, dann in den Schritt schmiert, kehren nach dem erneuten Gong jedenfalls viele der Zuschauer nicht zurück in den Saal. Dabei war ihre Performance wahrlich eindrucksvoll. Im goldenen Paillettenkleid schreitet sie zum Mikrofon, das Gewand wirft Lichter zurück in den Saal wie eine Discokugel und ihr vormals zarter Charakter erfährt eine langsame, intensive Steigerung, um am Ende doch zu explodieren.

Dem Publikum den Rücken zugewandt, streift sich Morgeneyer die schmalen Träger des Kleides von den Schultern, die Erregung auf der Bühne wie im Publikum ist greifbar, selbst bei den anderen Darstellern hat man das Gefühl, dass sie nicht wissen, ob sie sich umdrehen wird.

Komisch bis bissig auch in der aktuellen Debatte um Mann und Frau  

Sie dreht sich um. Schwarze Tassels verdecken die Brustwarzen an ihrem unglaublich drahtigen, muskulösen und hocherotischen Körper. Zuckend — kein orgasmisches Zucken, wohlgemerkt — vollendet sie großartig singend die Performance, die Aufführung in der Aufführung. Die Geschichte an sich aber funktioniert sprachlich wie inhaltlich auch im Heute, Sätze aus dem Vorabend der Revolution zitierend genauso wie pointierte Sprüche aus dem Jetzt.

Maxim Gorki wusste schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die moralische Zerrissenheit der Bourgeoisen und um die Stärke der Frauen, die gerade in dieser Zerrissenheit umso mehr zutage tritt. Regisseurin Löffner weiß das komisch bis bissig auch in die aktuelle Debatte um Mann und Frau zu integrieren. Auch die anderen, größtenteils aus dem Ensemble des Deutschen Theaters bekannten Darsteller wissen zu überzeugen mit jeder Menge Witz, bisweilen mit Tragik ihrer Figur wie in der ödipalen Beziehung des jungen Wlas (Marcel Kohler) zur älteren Schon-Mutter Marja Lwowna (Regine Zimmermann).

Die ständige Präsenz aller auf der Bühne, einem bronzenen Kasten, führt zu einer im besten Sinne kleinteiligen weil somit kurzweiligen Darbietung, die nicht mit Spannung und nie mit Gesellschaftskritik geizt.

  • Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, 10117 Berlin  
  • nächste Aufführungen: 18.04., 05. und 20.05.2018  
  • Mehr Infos

März 2018

Fastenzeit

Und es begab sich, dass ein Blinder sich verirrte
Durch goldene Pforten in der Hesperiten Garten,
Betört von wohlig klingenden Gesängen,
Sieh hin! Schau Her!
Was unter der Sonne Kraft so funkelnd vor dir lacht.

Am Ort an dem die Quellen nie versieben,
stößt lieblich zarter Hauch
die Worte der Versuchung aus
und trifft auf taube Ohren, harter Brauch,
enthaltsam, von nun an nicht zu lieben.

Nach einem Tag und einer Nacht,
den Samen sicher an sein Ziel geschafft,
Geht auf die Knie er nieder
Inmitten ewig blühender
Wiesen
Und gräbt ein Loch.
So möge doch
Ein endlich Keim hier für ihn sprießen.

Und um die Saat zu wässern, folgt er nun dem Rauschen,
Aus dem verwunsch‘nen Weiher streift die Nymphenhand
Um am Schopfe ihn zu packen,
Unentwegt, dem Pfade treu
Versagt er ihrem Zauberbann
Und schöpft drei Tropfen
Sobald zurück, beginnt er neu.
und bringt die nächsten Drei heran.

40 Tage lang.

In stummer Frömmigkeit,
Kein Wasser er getrunken,
Durstend nach der schönsten aller Blüten.

Und es begab sich, dass ein Finder unbeirrt
Durch goldene Pforten verlässt der Nymphen Wundergarten,
Gesäumt von zartesten Geränken.
Sieh hin! Schau her!
Was ohne seiner Augen Kraft so blühend er gebracht.

Ein Opfer
Dir zu zeigen
Ihr Kopf, er soll an deiner Stelle
sich in Endlichkeit
verneigen.

Kenneth Koslowski

George soll mal bei Tamara bleiben

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Kennt ihr das? Der Motor will nicht so richtig durchstarten? Er schnoddert, stöhnt und ächtzt, nur kurz heult er richtig auf. Und am Ende ist dann doch nicht genug Power da, um das Auto zur nächsten Kneipe zu bringen. Ähnlich verhält es sich mit dem neuen Album „Staying at Tamaras“ von George Ezra. Wer das so noch nicht versteht, der sollte in die neue Folge „Konzeptfreiheit bespricht“ reinhören! Denn: ob „Paradise“ oder All my Love“ als Kickstarter des Albums taugen, hört ihr in der Review: George Ezra – „Staying At Tamara’s“.

Von den Fratellis nichts Neues

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Review zum Hören: „In Your Own Sweet Time“ von den Fratellis

Wie viel Teenagerschweiß die Fratellis mit ihren Indiehüpfhymnen bereits vergossen haben, lässt sich nur schwer einschätzen. Mit ihren ersten beiden Alben haben die „Gebrüder“ (das bedeutet der Bandname nämlich ins Deutsche übersetzt) aber anscheinend sämtliche Asse ausgespielt, die sie in ihren engen Indiehemdsärmeln verstecken konnten. Nach den Scheiben „Costello Music“ und „Here We Stand“ kam nämlich: gar nichts mehr. Und so geht es auch mit den neuen Tracks auf „In Your Own Sweet Time“ weiter. Was genau da schief lief und ob man die ehemaligen Helden trotzdem noch gern haben, das kann erfahrt ihr in dieser liebevollen Audiofolge von „Konzeptfreiheit bespricht“.


  • The Fratellis: „In Your Own Sweet Time“, erschienen bei Cooking Vinyl
  • bislang keine Tourtermine für Deutschland