Gute Filme, versteckte Messer und ein Ministerpräsident

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© Jonathan Auer

Ein Bericht von Deutschlands größtem Sommer-Filmfestival: dem 36. Münchner Filmfest vom 28. Juni bis 7. Juli 2018.

Es regnet in Strömen. Kein kurzer, freundlicher Regenschauer und auch kein kleines erfrischendes Sommergewitter. Nein, eher so die Art Regen, die in ewigen Fäden aus dunkelgrauen Wolken fällt und gar nicht mehr aufhören möchte, sich über dich zu ergießen. 

Geplant war eigentlich anderes: Sommerfeeling. Tatsache aber ist: Lange Gesichter und durchnässte Gestalten bei 15 Grad Celsius an diesem Juni-Donnerstag. Auf dem roten Teppich vor dem Münchner Gasteig bilden sich erst kleine und dann große Pfützen. 

Kurze Zeit später bricht dann auch das lang erwartete Gewitter herein. Diesmal eines aus Blitzlicht. Und: Diesmal im trockenen Matthäser Filmpalast. Stolz marschiert das, was man in München die „Schickeria“ nennt, über den roten Teppich in den Eröffnungsfilm des 36. Internationalen Filmfest München,  „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenoper“. 

Alles was  zumindest irgendwie einen – mehr oder weniger bekannten – Namen hat, ist da. Der Regisseur des Eröffnungsfilms, Joachim A. Lang, ein Brecht-Experte, die als Ehrengast geladene englische Schauspielerin Emma Thomson, der „supergeile“ Lebenskünstler Friedrich Liechtenstein und last but not least natürlich auch der bayrische Ministerpräsident Markus Söder, denn auch der wird heute Abend zum Eröffnungsfilm anwesend sein, der „new godfather of bavaria“ auf der Suche nach Abwechslung zum Asylstreit.

Bevor aber endlich der erste Film über die Leinwand flimmern darf, muss noch geredet werden. Natürlich über das Filmfest, den Film als solchen – und natürlich auch über die bittere Niederlage der deutschen Nationalmannschaft am Abend zuvor gegen Südkorea. 

Aber, sagt die Filmfestleiterin Diana Iljine, dass wäre doch gar nicht so schlecht, dann hätte man eben mehr Zeit fürs Kino. „Und wenn Sie das Spiel gesehen haben, dann hätte ich hier eine Liste für Sie“, erklärt der zweite Moderator des Abends. Das sei eine Sammlung der südkoreanischen Filme, die auf dem Filmfest laufen, und die würde er jetzt mal herumgeben. Eine großartige Fußballnation wie Südkorea könne nämlich auch gute Filme machen. Fünf sind es an der Zahl. 

So plänkeln Diana Iljine und ihr Kompagnon noch ein bisschen durch den Abend, singen gemeinsam mit dem Publikum „Die Moritat von Mackie Messer“, den Titelsong des Eröffnungsfilms (Und der Haifisch, der hat Zähne / und die trägt er im Gesicht / und Macheath, der hat ein Messer, / doch das Messer sieht man nicht.). 

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„Godfather of Bavaria“, Markus Söder, etwas verwirrt auf dem roten Teppich (© Jonathan Auer)

Und dann ist Hans-Georg Küppers an der Reihe. Der fraktionslose Kulturreferent der Stadt München erzählt von Kultur in und aus Bayern, über das Filmfest, seine Bedeutung für den Freistaat und über München als Filmstadt: Natürlich gebe es gute Filme aus Bayern, man müsste nur lange genug suchen.

Und dann wäre da noch „Mackie Messer“. Und obwohl der ja so gar nichts mit München zu tun hat, hätte der Kulturreferent bei diesem Mackie mit seinem versteckten Messer gleich an einen bestimmten bayrischen Minister denken müssen. Gelächter im Saal. Und von diesem Minister hätte er gelernt: bayrisch denken heißt groß denken. Aber, erklärt Küppers, „ich wäre angesichts der politischen Lage froh, wenn nicht nur größer, sondern überhaupt gedacht würde“. 

Applaus und Gelächter aus dem Publikum. Nur genannter Ministerpräsident, „godfather of bavaria“ Markus Söder (wie er vom Moderator angekündigt wurde) schaut etwas verdattert drein, bedankt sich zu Anfang seiner Rede  noch über die häufige Erwähnung seines Namens und erzählt danach von seinen Erfahrungen mit dem Film, und vor allem von seiner Vorstellung, das Münchner Filmfest national und international wieder bedeutender zu machen – mit Virtual Reality und einem um rund drei Millionen Euro erhöhten Etat. Denn „Berlin ist ja ganz schön, aber München ist schöner“. Und nach einer „Liebeserklärung an das Filmfest“ kann dieses dann endlich mit dem ersten Film beginnen.

Der Startschuss ist also gefallen. Jetzt heißt es auf ins Kino! Denn das 36. Münchner Filmfest hat einiges zu bieten: 185 Filme aus fast 50 Ländern gibt es zu sehen. Vom kanadischen Teenie-Film (eher selten), bis zum afghanischen Independent, vom koreanischen Thriller bis zur deutschen Tragikomödie fehlt wirklich nichts. 

Politisch wird es natürlich auch. Etwa in „Foxtrot“, einem Film über den immer noch schwelenden Nahostkonflikt, in „ANON“, einer Dystopie über totale Datentransparenz  oder „Anna’s War“, der Geschichte eines jüdischen Mädchens das den zweiten Weltkrieg in einem KZ überlebt. 

Aber nicht nur düster ist das Programm, auch witziges, kritisches, ironisches, unterhaltsames, cleveres, verstricktes ist auf dem Filmfest zu finden, gleich neben Podiumsdiskussionen zu allen nur erdenklichen Themen.

Und bald, wenn der Regen endlich mal kurz nachgelassen hat, kommen dann auch doch noch die sommerlichen Vibes auf, für die man das Filmfest sonst kennt. Spätestens wenn man an lauen Sommerabenden vor Kinokassen steht und Q&As über einen afghanischen Film auf Farsi geführt werden, ja, dann weiß man, jetzt ist es wieder so weit.

Denn ob mit Regen oder ohne (lieber ohne), ob mit Ministerpräsident oder ohne (lieber ohne), ob mit guten Filmen oder ohne (natürlich lieber mit), am Ende ist das Filmfest München doch etwas besonderes. Kein unglaublich großes vielleicht, wie die Berlinale und auch keines mit unglaublich hochgehandelten Preisen wie das von Cannes, aber immerhin eines, das zeigt, was es soll: Immer wieder großes Kino!

#2 Von Holländern und Klienten

Ein guter Freund von mir weilt von Berufswegen gerade in China. Wir kommunizieren unregelmäßig häufig über Facebook, Telefonieren wäre zu teuer. Er sagt dann oft, dass er sehr einsam sei. So oft man das in drei Wochen, die er jetzt da ist, sagen kann. Er ist der Landessprache (noch lange) nicht mächtig, bei der Arbeit sprechen zwei Vorgesetzte sehr gebrochenes Englisch, ab und zu trifft er zwei ständig betrunkene Holländer, die er vor Ort kennengelernt hat. Da kann man sich schon mal einsam fühlen.

Um ihn etwas aufzuheitern habe ich ihm dann vorgeschlagen, dass wir ja mal über Skype gemeinsam einen trinken könnten. Vielleicht während eines Fußballspiels, auch wenn das bei ihm dann mitten in der Nacht wäre, er müsste es wenigstens nicht alleine tun. Nicht, dass er wie die Holländer endet, dachte ich, und die waren wenigstens zu zweit. Das ist ja das Tolle an so einem Videochat — ist der Bildschirm groß genug, glaubt man nach dem dritten Bier man wäre tatsächlich in ein und dem selben Raum. Mein Freund aber erwiderte, sichtlich oder viel mehr seinem Online-Duktus entnehmbar geknickt, das ginge nicht, dafür reiche die Verbindung über seinen VPN-Client nicht.

Zinser, dachte ich, das hast du schon mal gehört. So ein Ding brauchtest du, um auf die digitale Bibliothek deiner Universität zugreifen zu können. Das hat auch immer geklappt. Zinser, dachte ich dann, verstanden hast du das aber nie. Das erste Google-Ergebnis macht schlauer: „VPN steht für ‚Virtual Private Network‘ und beschreibt ursprünglich eine Technik, die es Ihnen erlaubt, von jedem Ort auf der Welt sicher auf Ressourcen in Ihrem privaten Netzwerk zuzugreifen.“

Dann fällt mir ein, dass ich das in der taz auch schon mal aufgeschnappt habe. Als es darum ging, mit meinem privaten Rechner (sagt man das noch: Rechner?) oder vielmehr Laptop ins Redaktionssystem zu gelangen, weil der festinstallierte im Büro mir den Dienst verweigerte. Da hieß es auch: „Du brauchst einen VPN-Client.“ So weiß Wikipedia, die freie Enzyklopädie: „Beispielsweise kann der Computer eines Mitarbeiters von Zuhause aus Zugriff auf das Firmennetz erlangen, gerade so, als säße er mittendrin.“

Apropos: Im Rahmen des Umzuges der taz werden gerade Bücher ausgemistet, so auch ein etwa 40-Bändiger Brockhaus. Wer den zu Flohmarktzwecken aus dem vierten ins Erdgeschoss getragen hat, dankt Gott oder dem Internet oder beiden für Wikipedia. Aber zurück nach China: Weil da ja gängige Netzwerke wie Facebook und Co. nicht erlaubt sind, funktionieren sie ganz einfach auch nicht. Es sei denn — Trommelwirbel — man nutzt eben so einen VPN-Client. Der wiederum, erklärt mein Freund mir salopp, lässt den Speed des Internets ganz schön leiden.

So sehr, dass die Kommunikation über Facebook schon am Rande des Erträglichen vorbei schrammt. So wie hier mit gedrosseltem Internet? frage ich ihn. So wie in Deutschland mit gedrosseltem Internet. sagt er, schreibt er, alles in Kleinschrift und ohne Satzzeichen. Ich übrigens auch. Ihn mache das wahnsinnig, er tue das nur, damit ich mich nicht so einsam fühle. Aber ich könne wenigstens deutsches Bier trinken, das in China sei nicht so seins. Und Pornos gucken. Die gehen nämlich auch nicht, trotz VPN-Client.  

#1 Über Kochen und Fahrradfahren

Wenn ich überlege, wie man die eigene digitale Legasthenie, die gefühlte Legasthenie, in Worte fassen kann, ist der erste Impuls doch der, dass zu Instagrambildern von Mittagessen alles gesagt wurde. Und was haben wir gelacht. Dann aber macht sich Hunger breit und ich stelle mittelmäßig erstaunt fest, dass zu Mittagessen niemals alles gesagt sein kann, schließlich kommt der Hunger immer wieder und auch Essen ist vielfältig genug, um kilometerweise Regale mit Kochbüchern zu füllen. Nur dass die eben keiner mehr liest. Außer meine Oma vielleicht.

Aber die versteht Instagram auch nicht, das haben wir gemeinsam. Umso besser aber kann sie mit dem Thermomix umgehen, das hat sie mir voraus und der ist neuerdings auch digital geworden. Mit Farbbildschirm. „Digitales Kochen“ nennt der Hersteller das, „Guided-Cooking-Funktion“, ein Online-Rezeptarchiv inspiriert mit famosen Gerichten und über W-LAN wird dann die Anleitung auf das Display geschickt. Erlebniskochen also, ich dachte immer so nennt man das, was Köche in Dunkelrestaurants veranstalten oder Messerwurftricks beim Akt der Zubereitung.

Ich weiß nicht, ob meine Oma das neueste Modell hat, ich glaube aber nicht, das ginge ihr wohl zu weit. Spätestens wenn man Fotos von Essen auf Instagram an den Thermomix schicken kann, der das wiederum in Sekundenbruchteilen analysiert und das passende Rezept anzeigt, ohnehin alles selber zubereitet und dank des Smart-Fridges, dem ach so intelligenten Kühlschrank, direkt noch eine Mitteilung aufs Smartphone sendet, damit man von unterwegs noch schnell die fehlenden Zutaten online ordern kann. Falls der Kühlschrank das noch nicht alleine kann. Spätestens dann hat meine Oma die Schnauze voll.

Hilflos wird sie sein ob der ganzen Hilfe. Sie hat ja gelernt zu kochen. Das ist, als würde man versuchen das Fahrradfahren wieder zu verlernen. Und bis ich mir einen Thermomix mit Farbdisplay und einen smarten Kühlschrank leisten kann, der mit Kamerasystem das eigene Innenleben überwacht um sich und (hoffentlich nur) auf Wunsch auch mich ständig darüber informieren zu können was ihm denn fehlt, bin ich wohl auch so gut im Einkauforganisieren und Selberkochen, dass ich das Fahrradfahren wieder verlernen kann.

Wie ich dann in den Supermarkt komme, um meine taufrischen Kenntnisse im Einkauf ausgewählter Delikatessen zur Zubereitung eines Festmahls einsetzen zu können, wenn Diesel und dann wohl auch andere Verbrennungsmotoren in der Stadt verboten sind und die Elektroautos nur auf mein Handy hören, das ich nicht finde weil ich mittlerweile sehr alt und ein bisschen tatterig bin, das, ja das steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Mai 2018

Die Tage lang, kurz glimmt die Nacht,
dass manchem Gefühl neu Feuer entfacht.
Die Bäume stehen, es fühlt sich so an,
als wenn Wiederkehrendes wieder begann.
Dabei ist’s noch nicht so weit,
die Welt, sie macht sich nur langsam bereit.

Nicht so der Mensch in ihr, hegt Wünsche, Träume,
und wartet ganz anders als die alten Bäume,
höchst ungeduldig auf deren Erfüllung,
Hatz das Gebot der Stunde und das der Stimmung.
Die Ferne das Ziel, auch da geht’s schnell hin,
je schneller man ist, desto größer der Zeitgewinn.

Andernorts Entschleunigung, die ihre Wirkung erst entfaltet,
wenn der Alltag sich anmaßt und wieder die Zeit gestaltet.
Lang Herbeigesehntes endet meist am schnellsten,
verachtet wird dann der große Zeitgewinn,
die gewonnene Zeit drei Runden im Sinn,
und man merkt: Zuhause scheint die Sonne am hellsten.

Jann-Luca Zinser

Wo die Gitarre ein Zuhause hat

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Die neue EP von Father Midnight ist da. Das ging schnell — ein Glück. 

Schon wieder Father Midnight, diesmal in: Wie das Leben spielt. Durch Zufälle bedingt bringen die drei Berliner Jungs keine zwei Monate nach der letzten schon die nächste EP. Name: had it coming. Der Korrektheit halber allerdings müsste man vom Plattencover zitieren. Father Midnight Had It Coming. Philipp Stolterfoht — Sänger, Gitarrist und Lyrizist des Trios — nämlich sagt, der Titel solle auch immer eine kleine Geschichte erzählen, wie schon bei der letzten Publikation Father Midnight Lost His Shit. Die Cover-Artworks sind selbst gestaltet, Bassist Jochen Stückrath und Philipp collagierten jeweils.

Nun also die neue EP mit neuem Material. Das hört klingt alles sehr eingespielt als Ganzes, keiner als wäre er ein Lückenfüller, sondern wohl erwählt. Ein Sound, der an Früheres erinnert, das höchstens aber als Inspirationsquelle diente, den Staub abgeschüttelt, ein ganz neuer Klang. Der Twang der Fender Jazzmaster unverkennbar. Für die Aufnahmen nutzte die Band DDR-Nachbauten von Verstärkern aus den Sixties, arbeitete dann zwar digital, für den finalen Sound aber noch mit Tape Recordern. Dafür zogen sich die drei in ein Haus in Brandenburg zurück, um ungestört vom Trubel der Großstadt fertig zu produzieren. Am Ende stehen vier Lieder, die Sound und Geist vergangener Tage transportieren, ohne die Zeit ihrer Entstehung zu verleugnen. Sehnsucht an Gewesenes wird überdeckt von der Freude, solche Töne frisch zu erleben.

Tom Shaked, seit Jahreswechsel der Drummer von Father Midnight, ist zum ersten Mal auf einem ihrer Records zu hören und fügt sich ganz wunderbar in den Klang ein, gibt den Takt an und lässt Luft für Philipps Kopfstimme, die, so sagt er selbst, mehr Kontrolle ermöglicht, auch wenn er auf der neuen EP hier und da mit tieferen Stimmlagen experimentiert. Schon bekannt von Lost His Shit, diesmal aber noch entschlossener umgesetzt sind die teilweise langen Soli. Father Midnight haben den Mut dazu, nehmen sich Zeit für ausgedehnte Gitarrenparts. Eine lang verloren geglaubte Kunst. Allein dafür gebührt ihnen alle Ehre im immer erlesener werdenden Kreis der Gitarrenmusik-Fans.

Das Bassy, ein Berliner Club in dem sie schon spielten, schloss gerade erst für immer die Türen. Solche Hiobsbotschaften halten sie aber nicht auf, die Antwort ist eine kreischende Klampfe und die Flucht nach vorne. Die nächste Veröffentlichung steht auch schon ins Haus: Am 20. Juli erscheint eine Split mit der Band Ryl — Auftritt in der Kantine am Berghain inklusive. Vielleicht übertönt die Gitarre an diesem Abend dann kurz die Bassboxen des Technoclubs. Nicht nur wegen der Insolvenz des legendären Gitarrenbauers Gibson das bitter nötige Lebenszeichen massivhölzerner Saiteninstrumente.

Der Song „Words“ von der neuen EP:  

Affig nicht, aber arktisch

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Da war die Indie-Welt noch in Ordnung. Auf dem neuen Album aber scheint das einstige Feuerwerk kühler Seriosität gewichen zu sein.

Punk’s not dead! Was da mal stimmte, kann man von Indie Rock nicht behaupten. Lange als letzte Instanz des Genres beschworen, wollten (oder mussten?) sich nun auch die Arctic Monkeys neu erfinden: Die neue Platte „Tranquility Base Hotel & Casino“ macht ihrem Namen alle Ehre, ruhig ist es geworden. Und nicht unbedingt auf die gute Weise.  

Elf neue Songs, auf die die Welt fünf Jahre wartete. Wohl eher mehr als weniger sehnsüchtig. Viel wurde vorher spekuliert, Frontmann Alex Turner entwickelte sich zuletzt schnell in eine neue Richtung, machte mit Miles Kane zusammen als „Last Shadow Puppets“ andere, aber durchaus gefällige Musik. Drummer Matt Helders war mit Iggy Pop und Josh Homme auf „Post Pop Depression“-Tour, der Rest widmete sich wohl auch familiären Dingen, die Schraddelbubis von einst sind Männer geworden, einige auch Väter.

Klar, da ändert sich vieles, am Ende wohl auch die Musik. Als Alex Turner nach der Bekanntgabe des sechsten Studioalbums wieder vermehrt in der Öffentlichkeit war, zeigte er sich mit langem, nach hinten gegeltem oder viel mehr pomadigem Haar und: Bart. Mittlerweile gibt es gar mehrere Petitionen pro Rasur. Aber spätestens da war klar, dass die Zeiten von „Mardy Bum“ und „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ endgültig Geschichte sind.

Das neue Album verschweigt keineswegs Turner’s musikalisches Genie, diesmal hat er viel mit dem Piano gearbeitet, wie er detailliert dem wenigstens in seiner Printausgabe scheidenden „Intro“-Magazin schildert. Das gibt dem Album eine gewisse Dramaturgie, wenngleich das Wundervolle dieses Instruments oft blass bleibt trotz hervorragenden Spiels. Irgendwie will der neue Weg sich nirgendwo Zuhause fühlen, was per se nichts Schlechtes ist, in diesem Fall aber kein Soundtrack zu irgendeiner Stimmung ist und das untergräbt fast den Urgedanken jeder Musik.

Reinhören sollte man trotzdem, „Golden Trunks“ hat ein fettes Riff parat, das aus einem Bond-Theme stammen könnte, von dem man sich nur mehr wünschen kann. Und „The Ultracheese“ lässt das Klavier endlich mal Klavier sein. Mehr zum Album in der Audioreview unter dem Text oder auf Spotify. Und bald auch an dieser Stelle mehr zu den Arctic Monkeys, wenn sie in Berlin gespielt haben.


  • Arctic Monkeys: „Tranquility Base Hotel & Casino“, erschienen bei Domino Records  
  • 22.05. Columbiahalle, Berlin
  • 23.05. Columbiahalle, Berlin  
  • 24.06. Hurricane Festival, Scheesel  
  • Mehr Tourdaten und Tickets

 

Wenn das Schlachten vorüber ist

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Udo Lindenberg mit Benjamin von Stuckrad-Barre und dem Ensemble bei „Panikherz“ am 29. April 2018 © Moritz Haase

Laut, leise, schnell und Leid: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie „Panikherz“ wird im Berliner Ensemble unter Regie von Oliver Reese aufgeführt.

Keine Panik, ich bin nur zappelig. Der Abgrund der Kokainsucht, dieser Droge, die eigentlich aufdrehen soll, Kreislauf anregt in ihrer Urform, Menschen zum Reden bringt, ist Müdigkeit. Regungslosigkeit. Tod. Wenn nicht physisch, nicht endgültig, dann wenigstens seelisch. Wenn es so etwas gibt. Sie macht dich zum Spießer. Sagt zumindest Benjamin von Stuckrad-Barre. Und der muss es ja wissen.

Sein autobiographisches Panikherz wird im Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht und wie sich das für ein solches Stück gehört, sollte man es natürlich an einem Wochenende besuchen, lieber ausschlafen und Tickets auf den letzten Drücker besorgen. Also die Kateraufführung. Da passiert sicher was. Wie sich das wohl anfühlt, das eigene Leben auf der Bühne zu sehen, selbst dargestellt zu werden von vielen, wie in einem schizophrenen Albtraum? Und wie erst, wenn es das Leben eines Freundes ist, das man da betrachtet, in einem dunklen Theatersaal und durch die Gläser einer eckigen Sonnenbrille?

Selbstbildnis erfordert Mut, der auf der Bühne nicht immer zu finden ist

Große Teile des Publikums an diesem lichtreichen Sonntagnachmittag sehen so aus, als kämen sie gerade aus dem Berghain. Spricht für die Theorien jener, die das Werk weniger als abschreckendes, pamphletisches Exempel denn viel mehr als Motivationsspritze für drogeninduzierten Absturz sehen. Für Berghaingänger ist das wohl höchstens Blasphemie. Panikherz hat es kaum gebraucht, um Stuckrad-Barre als den großartigen Beobachter zu outen, der er ohne jeden Zweifel ist. Panikherz legt aber, zumindest auf dieser Bühne an einem Sonntag in Berlin, dar, dass diese, seine Gabe bei dem Blick auf sich selbst ins Schwammige driftet.

Sein Innerstes nach außen zu kehren, zumal öffentlich, erfordert Mut, man setzt sich einigermaßen ungeschützt Unbekannten aus. Diesem Mut fehlt in der Darbietung hier und da ein authentisches Moment, der Funke will nicht immer überspringen. Zumindest wenn man die Geschichte kennt, Interviews mit Stuckrad-Barre, ältere wie jüngere Kommentare zum eigenen Leidensweg.

Den Teufelskreis der Süchte hat er schon weit vor der Fertigstellung dieser, ja, irgendwo Abrechnung mit sich selbst, erklärt: Eine Sucht bedingt die andere, will man von einer loskommen, braucht man stets eine neue. Diese Geschichte ist eine, die Uneingeweihte auf Distanz hält, Kenner wohl aber in ihren Bann zu ziehen vermag. Schwer zu sagen, wie groß der Graben zwischen dem Geschilderten und dem Berliner Nachtleben ist, das ja zumindest auf dem Papier Freude suggeriert. Diese Freude, der schnelle Weg dahin und zum schnellen Leben, wird im Großen Haus des Berliner Ensembles so zügig und kurzweilig dargestellt wie er ist, schnell eben und laut, und schrill.

Leider verfällt die Besetzung teils in zu zappeliges Auftreten, das weniger panisch als nervtötend wirkt, soll es auch sein, der Weg zur Affektiertheit aber ist mindestens als kein weiter zu erkennen. Das unterschiedliche Gebaren der vier Benjamins kennt gerade Nuancen, die durch die verschiedenen Phänotypen aber verstärkt werden, somit Zerrissenheit im gemeinsamen Sumpf durchaus symbolisieren können. Sie stellen je die verschiedenen Epochen dieses Lebens dar, die Phasen von Kindheit, Aufstieg, Fall und dem Geläuterten, wenn man das so nennen darf, von Heute dar, die Grenzen aber sind fluid und verschwimmen so wie die diversen Ichs die ein jeder in sich trägt.

Der Soundtrack überzeugt und auch Authentisches ward noch gefunden

Ein wirkliches Highlight ist vor allem auch die Musik, die Band, die Gitarre, schaffen einen eigenen Soundtrack auch mit bekannten Titeln für die Vita des Benjamin von Stuckrad-Barre. Auch die Darsteller singen, herausragend vor allem Carina Zichner. Einzig die Darbietung der Oasis-Hymne „Don’t Look Back In Anger“ von Nico Holonics kann keinem echten Fan der Britpop-Legenden gefallen, unsäglich ist das Cover gar. Holonics überzeugt dafür schauspielerisch umso mehr, nicht zuletzt seiner herausragenden Authentizität wegen .

Das Highlight bleibt dennoch anderen überlassen: Denn hinter der eckigen Sonnenbrille, ganz hinten im dunklen Saal, versteckte sich natürlich Udo Lindenberg, nebst dem Autoren höchstpersönlich. Den abschließenden Ringelpiez auf der Bühne lassen sich beide nicht entgehen, Udo trällert bassig wie eh noch etwas mit und vor sich hin, ehe sich die ganze Bagage, Regisseur Oliver Reese inklusive, selbst feiert auf dieser Bühne mit dem großen Perser und dem kleinen Balkon, der dem Chateau Marmont entnommen sein könnte. Ebendiesem Hotel, in dem das Buch einst entstand und die Freundschaft dieser beiden Ausnahmeerscheinungen in jeder Hinsicht blühte.

  • Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin 
  • nächste Aufführungen: 10.05., 22.05. und 27.06.2018 
  • Mehr Infos und Karten 

April 2018

Am Löwenzahn der Zeit wird jedes Leben noch zur Pusteblume

Wenn die Sonne strahlt, dass der Kopf ganz neblig ist,
der Löwenzahn blüht und die Gedanken frisst,
dann ist der Frühling leider ausgeblieben,
wurden der Pflanzen Blüten zu früh ausgetrieben.

Dabei hat diese Zeit des Jahres doch ihre ganz eigne Magie,
macht sanften Übergang für Mensch und Vieh,
die der Gewöhnung an das Wetter doch bedürfen,
bevor sie wieder Kaltes schlürfen.

Jetzt schon wieder vom Herbst zu sprechen,
scheint ob der lang gewordnen Tage ganz vermessen.
Doch ward auch der zuletzt häufiger vergessen,
als würd‘ die Natur sich für irgendwas rächen.

Unschuldslämmer gibt’s nur weidend auf den Wiesen,
die die Menschen mit ihrem Gifte gießen.
Damit die Obstbäume immer früher entbinden,
so wird der Mensch sein Ende als Fallobst finden.

Jann-Luca Zinser

Father, where have you been?

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Was der Musik in der letzten Dekade gefehlt hat? Die Frage trieb so manchen um, doch das Warten hat ein Ende, die Antwort ist gefunden: Father Midnight.  

Wo Rock’n’Roll ist, sind Sex und Drogen selten weit. Eine wahre Lendenfreude und Aufruf zum Exzess ist die EP „Lost His Shit“ von Father Midnight. Die drei Jungs aus Berlin zeigen testosterongeladen, wie gute Rockmusik auch mit nur einer Gitarre funktioniert. Dabei halten sie jedem Vergleich mit historischen Granden des Genres stand, schon weil sie ihn hinfällig machen. Wenn sie loslegen, möchte man am liebsten seinen nackten Körper an einem anderen reiben und der Vollendung der Ästhetik solch einer Situation halber im Zuge des Rausches einander vor die Füße kotzen. In der einen Hand ein Bier, in der anderen eine Flasche Whiskey. Kippe im Mund, Bier ins Gesicht.

Zur Einstimmung auf dieses Stück Musikgeschichte — das ist es, das wird es, da sind wir uns ganz sicher — wollen wir diese ein bisschen mitschreiben und haben „Lost his Shit“ in einer Audioreview besprochen. Hört auf Spotify oder direkt hier rein:


Father Midnight auf Bandcamp

 

The Deconstruction der Eels

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Oder auch: Schnarchen in 15 Songs

„Life is hard and so am I.
You’d better give me something so I don’t die.“

Mit diesen Worten starteten die Eels vor über 20 Jahren ihr wohl bestes Album Beautiful Freak.  Inzwischen scheinen sie recht viel vom falschen „Something“ bekommen zu haben und dennoch ein hartes Leben zu führen. Denn  „The Deconstruction“ ist eine melancholische Schlaftablette, die verschwurbelnd, verkomplizierend und überproduziert keinen Aal mehr aus seiner Höhle locken kann.

Ähnlich gut wie der Wortwitz mit dem Aal (englisch: Eel) sind übrigens auch die Texte einiger der deutlich zu lang geratenen Songs auf „The Deconstruction“. Glaubt ihr nicht? Bitteschön:

I love that you’re my best friend and my wife
And I love our little family and our life

Was es sonst noch so zu „The Deconstruction“ von den Eels zu sagen gibt und ob die ganze Redaktion das so sieht, hört ihr in dieser aktuellen Audio Review von „Konzeptfreiheit bespricht“. Direkt im Player unter diesen Zeilen, oder auf Spotify.


Eels live 2018:

  • 25.06. München, TonHalle
  • 26.06. Köln, E-Werk
  • 28.06. Berlin, Tempodrom
  • 29.06. Hamburg, Mehr!Theater