Über die protokollierte Machbarkeit eines Bühnenstücks

Kann man ein Protokoll als Theaterstück aufführen? Nein, aber man kann es versuchen. So geschehen bei der Uraufführung von Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zu seinem posthumen 100. im Kleinen Theater in Berlin. Die Darstellerschar riss mit, auf jeden Fall. Doch bleibt die Verständnisfrage für alle, die das Buch nie gelesen haben.

Kann oder soll  man bei der Verarbeitung bestehender Werke in andere Kunstformen die Kenntnis über den Bestand voraussetzen? Die diskrepierende Wahrnehmung von Leser und Nicht-Leser kann kaum Gegenstand der Untersuchung dieses Bühnenstückes sein, obwohl der Leser klar bevorteilt sein dürfte. Die ZEITUNG kann im Sprachgebrauch halt nur synonym für die BILD herhalten, wenn man weiß, dass sie gemeint ist.

Terroristische Assoziationen

Nicht nur für Unwissende schaffte das Schauspiel vor allem eines: Keine einzige Assoziation mit der von Böll selbst als falsch und rufmörderisch beklagten Vergleiche mit oder Interpretationen von Sympathien mit terroristischen Vereinigungen. Der nie zu sehende Protagonist Ludwig Götten blieb stets der Kriminelle, der er sein sollte. Nie mehr, selten weniger.

Die Dramaturgie sowohl im Aufbau der Geschichte als auch die im Spiel der Darsteller war zu jeder Zeit beeindruckend, wenngleich das unterbrechende und episodische Moment eines gespielten Protokolls Lücken in die Aufmerksamkeit des Zuschauers riss. Lässt man dieses kaum unübersehbare Loch außer Acht, bot das zwar kleine aber für die Verhältnisse des Kleinen Theaters recht umfangreiche Ensemble betörende, fast erotisch anmutende Unterhaltung.

Erotik auf der Bühne

Die Stimme der Katharina Blum spiegelt das Spektrum größter Kindlichkeit und Abgebrühtheit wider, das man sich beim Lesen nur wünschen oder gar vorstellen kann. Die spuckende Eminenz des Kommissars Beizmenne hätte wohl auch gut ein uneheliches, in vitro gezeugtes Kind von Liam Neeson und Al Bundy abgegeben, während die zweifelnde Kreatur namens Dr. Blorna, ebenfalls den Staatsanwalt darbietend, im wortwörtlich kleinen Theater fast zu schmecken war, so nah ging sie.

„Zweifellos hat Böll zur Hoffähigmachung der Bande [Anm d. Red.: gemeint war die RAF] mehr beigetragen als irgend jemand. Und zu ihrer Ermutigung. Sein Buch schildert in der empfehlendsten Weise, wie ein ‚Bild‘-Reporter ermordet wird.“ Die Welt

Wer also die literarisch korrekte Darbietung Bölls’ vielerorts kritisierten Buches erwartet, wird in dem Theater im alten West-Berlin kaum glücklich. Aber fordert die Kunstform Theater nicht auch immer die kritische Auseinandersetzung mit dem Gewesenen, dem Seienden und dem Werdenden? Denn wer dies zu akzeptieren vermag, wird größte Freude haben an der kleinensemblistischen Performanz der „Verlorenen Ehre der Katharina Blum“ im Kleinen Theater am Südwestkorso.

  • Kleines Theater, Südwestkorso 64, 12161 Berlin
  • nächste Aufführungen: 17., 19. und 20.01.2018
  • kleines-theater.de

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