Wer ist Katharina Blum?

Im Kleinen Theater am Südwestkorso wird zu Heinrich Bölls 100. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Bühne gebracht.

Das Stück ist laut, unbequem, drückend mit schnellen Szenenwechseln. Umbauten. Schauspielern, die in neue Rollen schlüpfen oder ihren Charakter wechseln.
Alles innerhalb kürzester Zeit und mit musikalischer Untermalung, dazu donnernd eingespielte Tastenschläge, die dem Stück den Takt verleihen. So stellt man es sich in der Redaktion der ZEITUNG vor.

Ein Schnellschuss folgt dem nächsten und trifft. Mal den einen und mal die andere. Hauptsache Blut fließt. Das sind die Momente, in denen die ZEITUNG ins Bewusstsein rückt. Sie stürzen sich auf alles, was sich noch bewegt. Man leidet mit Katharina, ist mit ihr auf dem Verhörstuhl gefangen. Befindet sich ebenfalls in dem Sieb, das von der sie umzingelnden Polizistenmeute geschüttelt wird, auf der Suche nach Informationen.

Unter- und übermalt vom Schlag der Schreibmaschinentasten der Chronistin, zeichnet sich das drohende Unheil bereits ab. Katharina wird ihrer Worte beraubt, ihre Aussagen umformuliert, Wörter entrückt, vermeintlich harmlos und unbedeutend. Frau Blum hakt ein. Die Maschine stoppt. Diese Möglichkeit wird die ZEITUNG ihr verwehren.

Wenn der Anstand zerbröselt

Es rieselt ihr sich auflösendes Selbstverständnis, die in einem anständigen Leben aufgebaute Haltung zu sich und das Vertrauen in die Umwelt. Zurück bleibt das Gefühl, dass hier Unrecht passiert, Macht missbraucht wird. Zu dieser packenden Darstellung des polizeilichen Übergriffs gesellt sich die Gewalt der ZEITUNG. Das Vorwort Bölls enthüllt die entscheidende Silbe: BILD.

Heinrich Böll kritisiert in seinem Buch das Sensationsgebaren der BILD-Zeitung (nachfolgend wird auf den Zusatz „Zeitung“ ausdrücklich verzichtet). Er stellt die von diesem Medium ausgehende Macht dar. „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“, lautet der Untertitel seines Werks, damals eine Reaktion auf die Unterstellungen ebendieser Publikation, er sympathisiere mit den Terroristen der RAF.

Man mische Unwahrheiten in Verunglimpfungen gewandt mit entsprechender Reichweite, bewässere damit die Sensationslust des Menschen und schaue dem Unkraut beim Wachsen zu. Nachdem die Blum in Mitten der Blütenlosen erstickt ist, sich verzweifelt zur Sonne wenden wollte, aber dem Sprießen der Disteln und Nesseln machtlos gegenübersteht, wird gemäht. Das Feld geräumt und die nächste Blum in den Kampf ums Überleben und ihren Platz in der Gesellschaft geschickt.

Unsere Aufmerksamkeit als Währung

Eine Formel, die heute mehr denn je Gefahren birgt, da die Zutaten wie die Unkräuter selbst unerschöpflich nachzuwachsen scheinen. Das Stichwort „postfaktisch“ möge als Schlüssel zur Gedankenschublade dienen. Dazu gesellt sich die zunehmende Möglichkeit der Verbreitung von (Fehl-)Informationen in Foren, Netzwerken, Blogs, etc. Es entsteht eine Reizlawine, der sich jeder Einzelne ausgesetzt sieht.

Die Artikel, Meinungen, Nachrichten, Videos und Bilder buhlen um die wohl wichtigste Währung des 21. Jahrhunderts: unsere Aufmerksamkeit. In der Arena bestehen meist die, die nicht vor unlauteren Mitteln zurückschrecken (Grüße an Bento und Co.). Von sensationell zu sensationellst gehetzt, verkümmert der Blick für die Blum. Jeder von uns könnte sie werden, ist aber zu sehr damit beschäftigt, dass er es gerade nicht ist, anstatt innezuhalten und kritisch das Dargelegte zu betrachten.

Ist die Lage hoffnungslos?

Die BILD wird es wohl auch weiterhin geben, auch die neuen Verbreitungsmöglichkeiten möchte keiner mehr missen, also bleibt als Ansatzpunkt nur der Konsument selbst. Wir können unseren Umgang mit Informationen ändern und dem Unkraut seinen Nährboden entziehen. Dazu bedarf es der Einsicht, dass ein jeder sich im Ringen um seine Aufmerksamkeit befindet.

Diese ist nur allzu flüchtig. Ein Hoch auf den, der nach Stunden im Internet seine Klickhistorie eigenständig rekonstruieren kann. Ein Hoch auf den, der links und rechts falsch abgebogen ist und zur Erkenntnis gelangt, etwas zu ändern. Dieses UmDENKEN bedarf der Einsicht, dass der Glockenschlag zur ersten Runde längst ertönt ist. In Schule und Familie gilt es einen jeden darauf vorzubereiten. Ihm bewusst zu machen, dass weitere Runden ihn begleiten. Frei nach Hesse: Jedem Gong wohnt ein Zauber inne. Und wer ihn bisher nicht vernommen hat, möge ins „Kleine Theater“ gehen und dort gebannt auf ihn warten.

  • Kleines Theater, Südwestkorso 64, 12161 Berlin
  • nächste Aufführungen: 17., 19. und 20.01.2018
  • kleines-theater.de

 

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