Gute Filme, versteckte Messer und ein Ministerpräsident

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© Jonathan Auer

Ein Bericht von Deutschlands größtem Sommer-Filmfestival: dem 36. Münchner Filmfest vom 28. Juni bis 7. Juli 2018.

Es regnet in Strömen. Kein kurzer, freundlicher Regenschauer und auch kein kleines erfrischendes Sommergewitter. Nein, eher so die Art Regen, die in ewigen Fäden aus dunkelgrauen Wolken fällt und gar nicht mehr aufhören möchte, sich über dich zu ergießen. 

Geplant war eigentlich anderes: Sommerfeeling. Tatsache aber ist: Lange Gesichter und durchnässte Gestalten bei 15 Grad Celsius an diesem Juni-Donnerstag. Auf dem roten Teppich vor dem Münchner Gasteig bilden sich erst kleine und dann große Pfützen. 

Kurze Zeit später bricht dann auch das lang erwartete Gewitter herein. Diesmal eines aus Blitzlicht. Und: Diesmal im trockenen Matthäser Filmpalast. Stolz marschiert das, was man in München die „Schickeria“ nennt, über den roten Teppich in den Eröffnungsfilm des 36. Internationalen Filmfest München,  „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenoper“. 

Alles was  zumindest irgendwie einen – mehr oder weniger bekannten – Namen hat, ist da. Der Regisseur des Eröffnungsfilms, Joachim A. Lang, ein Brecht-Experte, die als Ehrengast geladene englische Schauspielerin Emma Thomson, der „supergeile“ Lebenskünstler Friedrich Liechtenstein und last but not least natürlich auch der bayrische Ministerpräsident Markus Söder, denn auch der wird heute Abend zum Eröffnungsfilm anwesend sein, der „new godfather of bavaria“ auf der Suche nach Abwechslung zum Asylstreit.

Bevor aber endlich der erste Film über die Leinwand flimmern darf, muss noch geredet werden. Natürlich über das Filmfest, den Film als solchen – und natürlich auch über die bittere Niederlage der deutschen Nationalmannschaft am Abend zuvor gegen Südkorea. 

Aber, sagt die Filmfestleiterin Diana Iljine, dass wäre doch gar nicht so schlecht, dann hätte man eben mehr Zeit fürs Kino. „Und wenn Sie das Spiel gesehen haben, dann hätte ich hier eine Liste für Sie“, erklärt der zweite Moderator des Abends. Das sei eine Sammlung der südkoreanischen Filme, die auf dem Filmfest laufen, und die würde er jetzt mal herumgeben. Eine großartige Fußballnation wie Südkorea könne nämlich auch gute Filme machen. Fünf sind es an der Zahl. 

So plänkeln Diana Iljine und ihr Kompagnon noch ein bisschen durch den Abend, singen gemeinsam mit dem Publikum „Die Moritat von Mackie Messer“, den Titelsong des Eröffnungsfilms (Und der Haifisch, der hat Zähne / und die trägt er im Gesicht / und Macheath, der hat ein Messer, / doch das Messer sieht man nicht.). 

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„Godfather of Bavaria“, Markus Söder, etwas verwirrt auf dem roten Teppich (© Jonathan Auer)

Und dann ist Hans-Georg Küppers an der Reihe. Der fraktionslose Kulturreferent der Stadt München erzählt von Kultur in und aus Bayern, über das Filmfest, seine Bedeutung für den Freistaat und über München als Filmstadt: Natürlich gebe es gute Filme aus Bayern, man müsste nur lange genug suchen.

Und dann wäre da noch „Mackie Messer“. Und obwohl der ja so gar nichts mit München zu tun hat, hätte der Kulturreferent bei diesem Mackie mit seinem versteckten Messer gleich an einen bestimmten bayrischen Minister denken müssen. Gelächter im Saal. Und von diesem Minister hätte er gelernt: bayrisch denken heißt groß denken. Aber, erklärt Küppers, „ich wäre angesichts der politischen Lage froh, wenn nicht nur größer, sondern überhaupt gedacht würde“. 

Applaus und Gelächter aus dem Publikum. Nur genannter Ministerpräsident, „godfather of bavaria“ Markus Söder (wie er vom Moderator angekündigt wurde) schaut etwas verdattert drein, bedankt sich zu Anfang seiner Rede  noch über die häufige Erwähnung seines Namens und erzählt danach von seinen Erfahrungen mit dem Film, und vor allem von seiner Vorstellung, das Münchner Filmfest national und international wieder bedeutender zu machen – mit Virtual Reality und einem um rund drei Millionen Euro erhöhten Etat. Denn „Berlin ist ja ganz schön, aber München ist schöner“. Und nach einer „Liebeserklärung an das Filmfest“ kann dieses dann endlich mit dem ersten Film beginnen.

Der Startschuss ist also gefallen. Jetzt heißt es auf ins Kino! Denn das 36. Münchner Filmfest hat einiges zu bieten: 185 Filme aus fast 50 Ländern gibt es zu sehen. Vom kanadischen Teenie-Film (eher selten), bis zum afghanischen Independent, vom koreanischen Thriller bis zur deutschen Tragikomödie fehlt wirklich nichts. 

Politisch wird es natürlich auch. Etwa in „Foxtrot“, einem Film über den immer noch schwelenden Nahostkonflikt, in „ANON“, einer Dystopie über totale Datentransparenz  oder „Anna’s War“, der Geschichte eines jüdischen Mädchens das den zweiten Weltkrieg in einem KZ überlebt. 

Aber nicht nur düster ist das Programm, auch witziges, kritisches, ironisches, unterhaltsames, cleveres, verstricktes ist auf dem Filmfest zu finden, gleich neben Podiumsdiskussionen zu allen nur erdenklichen Themen.

Und bald, wenn der Regen endlich mal kurz nachgelassen hat, kommen dann auch doch noch die sommerlichen Vibes auf, für die man das Filmfest sonst kennt. Spätestens wenn man an lauen Sommerabenden vor Kinokassen steht und Q&As über einen afghanischen Film auf Farsi geführt werden, ja, dann weiß man, jetzt ist es wieder so weit.

Denn ob mit Regen oder ohne (lieber ohne), ob mit Ministerpräsident oder ohne (lieber ohne), ob mit guten Filmen oder ohne (natürlich lieber mit), am Ende ist das Filmfest München doch etwas besonderes. Kein unglaublich großes vielleicht, wie die Berlinale und auch keines mit unglaublich hochgehandelten Preisen wie das von Cannes, aber immerhin eines, das zeigt, was es soll: Immer wieder großes Kino!

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Jonathan Auer

jonathanauer.de

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