DLD Campus Bayreuth 2018 – von Doro Bär zu Jeff Jarvis ist es ein weiter Weg

Es kommt selten vor, dass ein Tourplakat Bayreuth als Veranstalungsort direkt neben New York aufweist. Vielleicht gibt es das sogar nur einmal: Beim DLD Campus.
DLD steht für: Digital Life Design. DLD meint: Wie lösen wir gemeinsam Probleme der vernetzten Welt? Wie wollen wir unsere Zukunft im Internet gestalten? Was für ein digitalisiertes Leben wollen wir führen?

Laut Veranstalter treffen beim DLD Campus digitale Vorreiter und Wirtschaft auf Studenten, die das Potential zur neuen Elite haben. Keiner der Referenten wird müde letzteres wieder und wieder auszusprechen. Sei es mit geballter Faust oder im Nebensatz.

DLD-Poster-Uni
Campuswerbung für den DLD Campus

Am Thema vorbei

So auch Dorothee Bär, ihres Zeichens Staatsministerin für Digitalisierung. Gerade in Zeiten, in denen ihr CSU Kollege Horst Seehofer sich öffentlich über 69 abgeschobene Flüchtlinge zu seinem 69 Geburtstag freut, ist die Spannung vor ihrer Rede groß. Wie passt die rückwärtsgerichtete Einigelungspolitik ihrer Partei zu den Werten für die das Internet, zumindest dem Namen nach, steht?

Anscheinend gar nicht. Dorothee Bär erzählt Anekdoten aus ihrem Leben (Kinder und Smartphones), lobt den Wirtschaftsstandort (Man müsse nicht in die Großstadt, man könne ja inzwischen vom Home Office aus arbeiten) und beklagt, dass viele der Teilnehmer sie während des Vortrags fotografieren („Ich bin nur eine Minute älter geworden seit dem letzten Foto“). Das spricht nicht dafür, dass sie den Ernst der Lage sieht. Das spricht nicht dafür, dass sie das Internet und den Zeitgeist verstanden hat. Und das spricht vor allen Dingen nicht dafür, dass sie eines der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt in eine vernetzte Zukunft führen kann. Zwar rief Bär auch zu mehr Mut in deutschen Unternehmen auf. Aber wo soll der herkommen, wenn die nominelle Vorreiterin nicht versteht, warum auf einem Kongress zu digitalem Lifestyle viele Fotos gemacht werden?

Jobs gäbe es wohl genügend. Nur die Studenten wollen nicht.

Die Vorträge finden im großen Auditorium der Uni Bayreuth statt. Vor dem Eingang verteilt ein Anbieter für bargeldlose Bezahlung wiederverwertbare Wasserflaschen, in die man Früchte geben kann. Das gibt ein wenig Geschmack beim Durstlöschen. Ökologisch sicher eine feine Lösung, werden auf solchen Kongressen doch ansonsten hunderte von Plastikflaschen genutzt. Einweg-Kaffeebecher gibt es aber trotzdem. Weiterer Nebeneffekt des erfrischenden Werbegeschenks: Die Besucher wirken mit ihren identischen, futuristisch wirkenden Flaschen ein wenig wie Mitglieder einer geheimen Raumschiff-Sekte. Das Mittagessen wird aus modernen Foodtrucks in die Menge gepumpt. Es gibt kostenloses Bier.

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Spaciges Werbegeschenk

Weiter geht es nach der Verköstigung mit Präsentationen von regionalen Unternehmen. Die Vortragenden bringen zwar wenig neuen Input aus ihren Konzernen mit, stellen sich selbst aber durch die Bank als gut für die Zukunft gerüstet dar. Und gestikulieren mit  Händen und (zumindest gefühlt) auch Füßen in Richtung ihrer Infostände. Jobs gäbe es wohl genügend. Nur die Studenten wollen sie nicht.

Eine Diskussion über unsere digitale Zukunft

Das Finale des DLD Campus Bayreuth ist hingegen gespickt mit neuen Ansätzen und: großen Namen. Der deutsche Socialmediafeind und Blogger Schlecky Silberstein tritt gegen den Papst der sozialen Netzwerke Jeff Jarvis aus New York an. Es geht darum, wie das Internet uns verändert. Unsere Gesellschaft, unser Leben und auch unsere Geldbeutel. Schlecky zeigt die Geschäftsmodelle der Sozialen Netzwerke auf, argumentiert anthropologisch, warum der Mensch mit solchen Modellen nicht umgehen kann und erklärt dieses Zusammenspiel am Beispiel von Myanmar.
Dort sei die Volksgruppe der Rohinga zwar schon seit langem diskriminiert worden, allerdings erst nach der Öffnung des Landes (inklusive einhergehender Einführung des Internets) sei es zu den völkermordähnlichen Zuständen gekommen. Betrachte man den Zeitpunkt von besonders häufig geteilten Hetzkommentaren und den verheerendsten Übergriffen, könne man einen Zusammenhang erkennen.

Jeff Jarvis Vortrag hingegen hätte auch den Titel „Chill everybody“ tragen können. Er betont, dass neue Entwicklungen in der Geschichte der Menschheit immer Skepsis, Vorurteile und Probleme hervorgerufen hätten. Vom Buchdruck über das Fernsehen („this really nearly killed society“) bis zur CD: Stets bestand nach den Kritikern die Gefahr des Untergangs. Doch ebenfalls habe die Gesellschaft nach einer gewissen Eingewöhnungsphase gelernt mit neuen Medien umzugehen und Regeln für den gewissenhaften Umgang mit ihnen aufzustellen. Er sei so entspannt, weil er an die Studenten im Saal glaube. Sie seien diejenigen, die diese Lösungen entwickeln würden. Via App können die Konferenzteilnehmer nach beiden Vorträgen abstimmen, zu wessen Meinung sie tendierten. Das Ergebnis? Beide Referenten erhalten exakt 50% der Stimmen.

Von einer deutschen Ministerin für Digitalisierung die wirkt, als habe sie kurz vor ihrer Ansprache eine Powepoint zum Thema Internet und Unternehmen vorgelegt bekommen und mit „Gottes Segen“ schließt, zu Jeff Jarvis: Das hat nicht nur am DLD Campus Bayreuth eine Weile gebraucht.

 

 

 

 

 

 

 

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