Am Tresen mit einem mordenden Monster

Vorbemerkung des Autors: Ich schreibe diese Zeilen kurz nach der Berlinale-Premiere, während ich ein Bier trinke und Schlager höre. Anders geht es nicht: gefühlt sitze ich nämlich noch immer neben Soldaten-Norbert und Nasen-Ernie am Tresen des „Goldenen Handschuh“.

Wir betreten die Wohnung des Frauenmörders Fritz Honka. In schmutziger Unterwäsche kniet er auf dem noch schmutzigeren Bett seines schäbigen Schlafzimmers im Dachgeschoss einer Hamburger Mietskaserne und fummelt an einer dicklichen Frau herum. Hat er gerade Sex mit ihr? Erst als Honka umständlich versucht ihren massigen Körper in Gänze in einen Haushaltsmüllbeutel zu stopfen, merken wir, hier läuft etwas völlig aus dem Ruder. Anders als in der Romanvorlage des genialen Heinz Strunks (Ja, hier schreibt ein Fanboy), kommt Fatih Akin im Film direkt in der ersten Szene auf die Quintessenz: Den Abend werden wir nicht mit einem schrulligen Trinker, sondern mit einem Monster verbringen.

Honkas Bude ist, wie bereits in Strunks Roman, eine Art pervertiertes Kuriositätenkabinett. Zerfledderte Puppen sitzen auf der Lehne einer durchgesessenen Oma-Couch, die Wände sind tapeziert mit Titten-Bildchen. Angesiffte Gläser schmachten auf einem kleinen Wohnzimmertischchen mit Häkeldecke nach Füllung. Der stehende Zigarettenrauch in Honkas Wohnung ist fast schon auf der Zunge zu schmecken. Das Szenenbild erfüllt wirklich jedes Klischee eines gestörten Mörders. Dennoch wirkt es weder übertrieben, noch aufgesetzt. Das liegt wohl auch daran, dass Akin filmisch so überhaupt nicht darauf eingeht. Keine Tarantino-Zooms, keine Nahaufnahmen. Wir sitzen einfach im Zimmer und haben die Wahl: sehen wir Honka zu? Sehen wir zur Seite? Ist dahinten nicht ein verblichenes Schwarzweißbild seiner Eltern? Alles keine Wohlfühl-Alternativen: und genau so soll es sein!

Das mit dem Müllsack geht schief, jetzt muss die Säge ran. Doch Honka hat Skrupel, der Zuschauer merkt: Es ist sein erstes Mal. Schnell einen Klaren kippen und eine Platte anschmeißen. Was Honka beim Kopf abschneiden hilft, soll auch so manchen Journalisten schon vor dem weißen Blatt gerettet haben. Und gibt Anlass für ein weiteres Lob: Der Soundtrack kriecht einem bis in die letzten Hirnwindungen hinein. Als in Honkas Stammkneipe und zweitem Wohnzimmer, dem „Goldenen Handschuh„, ein besonders trauriger Schlager läuft, fließen die Tränen der gesellschaftlich ausgedienten Bagage. Schlägt der Bass des Gassenhauers „Es geht eine Träne auf Reisen“ an, wissen wir: Gleich wird es für irgendjemanden ganz übel werden. Wer nie verstehen konnte, warum diese alten Schnulzen gerade in schwer trinkenden Kreisen einen so hohen Stellenwert einnehmen, der wird es mit diesem Film lernen.

Zwischenbemerkung des Autors: Aufgrund des schummrigen Kneipenfeelings in meiner Seele nach Verlassen des Saals, hab ich für die Heimfahrt eine passende Goldener Handschuh Playlist erstellt. Viel Spaß bei reisenden Jungen, Tränen und Seemännern!
https://open.spotify.com/embed/user/1147578694/playlist/1Z5eaQcSJUlCK506dINuNQ

Doch wer ist eigentlich dieser Fritz Honka? Hier kommen wir zu einer Schwachstelle des Films, oder anders formuliert, zu einem Zigarettenbrandloch im vergilbten Foto. Es lässt sich vieles erahnen über jenen Mann, der Blut und Schnaps über die Leinwand fließen lässt. So hässlich, schmal und verkrüppelt, dass jeder normale Mensch im Film wie ein statuengroßer Adonis wirkt. Sein Wesen, seinen Charakter und seine Gedanken lernen wir kennen, hassen und zu bemitleiden. Aber woher kam der Mann, der vier Frauenleichen in seinem Schrank über Monate verwesen ließ? Woher kam seine frustrierte Sexualität und all der die unzähmbare Wut? Bei den meisten Figuren in Akins Film funktionieren Andeutungen gut: Da gibt es die Nazi-Zwangsprostituierte, die von Nonnen Missbrauchte und die Selbstmordgefährdete, die den nächsten Suizidversuch immer nur um einen Tag nach vorne schiebt. Nur unsere Hauptperson bleibt um ihre brillant klare, akute Präsenz herum etwas zu nebulös.

Fritz Honka vor dem Goldenen Handschuh

Weitere Kritik (muss ja sein): Eine sehr abgemagerte Nebenhandlung. Knapp formuliert: ein eher unscheinbarer Junge will mit der schönsten der Schule auf den Kiez. Und geht ausgerechnet in den Goldenen Handschuh mit ihr. „Is n bisschen rau, aber stark.“ Obwohl der Streifen schon fast zwei Stunden auf die Uhr bringt: es wäre schön gewesen mehr zu erfahren, über den naiven Romantiker-Jungspund, den wir wohl am schlimmsten Abend seines Lebens beobachten dürfen. Insbesondere, da die wenigen Szenen mit den jungen Charakteren sehr intensiv und nachhaltig sind. Vielleicht etwas für einen „Netflix Directors Cut“? Bitte?

Mehr von den beiden wäre schön gewesen (Screenshot Trailer / Youtube)

Die von manchen Medien geäußerte Kritik zur zu deutlich gezeigten Gewalt hingegen ist nicht nachvollziehbar. Ganz im Gegenteil: Akin schafft die Gratwanderung zwischen nicht ernstzunehmendem Splatter und ARD-Familien-Film geradezu perfekt. Wir sehen wirklich schockierende Bilder (FSK 18 ist komplett angemessen), die zuweilen Übelkeit und geschlossene Augen hervorrufen. Aber die Geschichte Honkas ist kein Wattepusten. Der Film nimmt den geneigten Zuschauer mit in den Bodensatz der Unterschicht, und in der Figur Honka sogar noch in, mit Fingernägeln ausgekratzte, weitere Tiefen. Das ist schmutzig, das ist ekelhaft, das ist pervers und das tut weh. Auch für den Zuschauer die einzige Zuflucht: Der Goldene Handschuh. Hauptsache raus aus Honkas Wohnung. Bloß nicht mit ihm alleine sein. Wahrscheinlich geht es auch Honka selbst so. Der Film ist nicht nur die Dokumentation grauenhafter Verbrechen eines ganz-unten-Mannes an noch viel hilfloseren Frauen-Schicksalen, sondern die Studie einer ganzen Schicht unserer Gesellschaft, die höchstens durch Eckkneipen mit kruden Namen manchmal ins Bewusstsein dringt: „Warum sind denn hier die Vorhänge zu?“ „Weil die Leute im Hellen nicht trinken.“ Ein kleines Stück Stoff kann zwei Welten trennen und die Zeit anhalten.

Wer diesen Film gesehen hat, versteht, warum Menschen über ganz Deutschland hinweg ihr Leben in solchen Löchern verbringen: Denn man saß selbst über 100 Minuten mit am Tresen und hätte wohl auch einen Korn bestellt, wäre das möglich gewesen. Eine ganz neue Deutung für Fatih Akins Kommentar, der Film sei nur betrunken zu ertragen. Es bleibt trotzdem zu hoffen, dass man selbst den Ausgang irgendwann findet und den Goldenen Handschuh endgültig wieder verlassen kann.

Nachbemerkung des Autors: Mir ist es noch nicht gelungen.

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