Anarchie in Bayern

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© KW neun

Das Augsburger Brechtfestival 2019 ist das letzte unter Patrick Wengenroths Leitung – und wirkt als Steilvorlage für gesellschaftliche Kritik.  

„Moral to go“ steht in Lettern aus Gaffatape in einer Pommesschale geschrieben, da, wo sonst das Fressen dargeboten liegt. Das Artwork des Brechtsfestivals macht klar: Anstand ist Arbeit, auch im Theater. Die seit 2010 jährlich in Augsburg stattfindende Veranstaltungsreihe ist keineswegs nur als Hommage an einen der bedeutendsten deutschen Dramatiker zu verstehen.

Das Nachfolgeformat von dem Literaturfest augsburg brecht connected (abc) widmet sich spätestens seit Beginn der dreijährigen Leitung von Patrick Wengenroth 2017 vornehmlich gesellschaftspolitischen Fragen, die von Brechtstücken und Expert*innendiskussionen zum Augsburger Lyriker flankiert werden. Wer Brecht nicht verändert tut ihm Unrecht, lautet ein Zitat oder eine Regisseur*innenweisheit, eine genaue Zuordnung ist nicht mehr möglich.

Die Zeit des Sich-nicht-Positionierens kann man sich nicht mehr leisten. 

Wer Brecht also anpackt, kann mit seinem Werk Forderungen formulieren. Genau das macht Wengenroth, ein kantiger Typ, Schnauzer, Trainingsanzug, mit pastelllila lackierten Fingernägeln: „Die Zeit des Sich-nicht-Positionierens kann man sich nicht mehr leisten. Man muss selber ran. Für eine solche Aktivierung funktioniert Brecht gut, der hat speziell in seinem Frühwerk mächtig ins Rudel gekackt, hat provoziert.“, erklärt er das Motto seines ersten Jahres, „Ändere die Welt, sie braucht es“.

Unter seiner Leitung hat das Festival ein feministisches Gepräge erhalten, deshalb wurde der Untertitel zur 2019er Ausgabe auch ganz bewusst mit Gendersternchen gewählt: „Für Städtebewohner*innen“. Die schwarzregierte Stadt Augsburg hat das Sternchen allerdings gerade verboten, ihr Schritt Richtung Geschlechtergleichstellung klammert das dritte Geschlecht aus, die Direktive für behördliche Schriften lautet: binäre Ausdrucksform, immerhin nicht nur die männliche.

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Der marodierende Dichter-Berserker Baal wird von einer Frau verkörpert © Jan-Pieter Fuhr

Und auch so packt Wengenroth Brecht an, der seine Frauen schäbig behandelte. Dessen zotigen Sprachgebrauch in seinen frühen Werken hält der Regisseur trotzdem für einen Vektor ins Heute. Übersetzt hat das Mareike Mikat am Staatstheater, in ihrer Inszenierung von Brechts Baal wird der sauffreudige, durch die Stadt marodierende Dichter-Berserker, dieser ebenso ekelhafte wie talentierte Jüngling Baal von einer Frau gespielt. „Diesen Testosteron-Quatsch von einem Mann inszeniert zu sehen will man eigentlich auch nicht“, kommentiert Wengenroth. Baal bleibt das einzige Brechtstück beim Festival 2019.

Ansonsten geht es eben um: Städtebewohner*innen. In Anlehnung an Brechts Gedichte für diese, natürlich, aber jenseits der literaturwissenschaftlichen Diskussionen zum Thema genutzt als Steilvorlage für kritische Auseinandersetzung mit den urbanen Herausforderungen der Zeit. Denn Augsburg wird als drittgrößte Stadt Bayerns heute von den gleichen Problemen geschüttelt wie Leipzig oder Berlin: Mietsteigerung, Verdrängung, Ausschluss. Linda Elsner, Gast einer Lesung auf dem Festival, sucht seit nunmehr sechs Monaten nach einer bezahlbaren Wohnung in Augsburg.

Bezahlbarer Wohnraum fehlt auch in Augsburg

Die junge Woman of Color ist keineswegs mittellos: sie hat ein Engagement am Staatstheater. Dass das Festival diese Themen auf die Agenda setzt, findet sie gut. Es wirke wie ein Impulsverstärker in die Stadt hinein, die ohnehin ein ständig in Bewegung befindliches Ganzes sei. Die Wohnungsknappheit und problematische Eigentumsverhältnisse greift das Theaterkollektiv She She Pop auf, in ihrem Stück „Oratorium“ bringen sie eine „kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“, wie es in der Broschüre heißt, auf die gerade eingeweihte Brechtbühne im Gaswerk.

Das passt: Der kathedralisch wirkende Saal wird ohne Tontechnik bespielt, lediglich eine traurige Solotrompete und ein munteres Xylophon füllen den Raum mit Klang. Und die wechselnden Sprechchöre. Wie von einem Teleprompter liest das Publikum nach Aufforderung in Gruppen seine Erwiderungen ab. Da sind mal Mütter ohne Altersvorsorge, mal Männer ohne Festanstellung angesprochen. Oder Erb*innen, die auf der Bühne ihr Erbe formulieren und die Summe errechnen sollen. Den etwa 15 Personen werden demnach über fünf Millionen Euro zuteil – den vielen auf den Sitzen wohl nichts.

Brecht ist Rock’n’Roll  

Das ist Theater in Wengenroths Sinn: aufstehen und drüber reden. Sich aktivieren, dabei kann das Theater helfen. Sich eine Meinung machen, dabei nicht. Dafür sei jede*r selbst verantwortlich. Wenn man ihn für sich zu lesen wisse, tauge Brecht sogar als Agitator, meint Patrick Wengenroth. Regisseur Tom Kühnel, der im kommenden Jahr zusammen mit Jürgen Kuttner die Festivalleitung übernimmt, sieht in Brecht nicht den Agitator: Dafür sei er viel zu dialektisch. „Vorhang zu und alle Fragen offen“, so schließt der gute Mensch von Sezuan. Brecht kann oder muss sogar unterschiedlich gelesen werden, seine Schaffensperioden waren divers.

Für Leif Eric Young ist Brecht „Rock’n’Roll“. Der 31-jährige hat mit dem „Theter-Ensemble“, einer ambitionierten Laiengruppe junger Schauspieler*innen, die ans große Theater streben, im Rahmen des Festivals Fassbinders „Anarchie in Bayern“ auf die provisorische Bühne eines Technoclubs gebracht. Wengenroth hat auch die Zugangsschwellen für Brecht und das Theater allgemein gesenkt. „Jetzt kommen junge Leute ins Theater, die sonst vielleicht nur hier in den Technoclub gehen. Es kommen aber auch Leute in den Technoclub, die sonst nur ins Theater gehen.“, sagt Young.

Außerdem wurde die Eintrittspreisstruktur nach unten angepasst. Das Kulturangebot wird geöffnet mit Brecht, durch Wengenroth, der, so Young, das Festival sexyer gemacht habe. In dessen Inszenierung von „Anarchie in Bayern“ fand Tom Kühnel Bertolt Brecht vor allem in den jungen Darsteller*innen, in ihrer epischen Spielart. Auch das kann Brecht sein. 

Dieser Text ist am 05.03.2019 (fast) genauso in der taz erschienen und wurde Jann-Luca Zinser und Donata Künßberg verfasst.  

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