Wo die Gitarre ein Zuhause hat

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Die neue EP von Father Midnight ist da. Das ging schnell — ein Glück. 

Schon wieder Father Midnight, diesmal in: Wie das Leben spielt. Durch Zufälle bedingt bringen die drei Berliner Jungs keine zwei Monate nach der letzten schon die nächste EP. Name: had it coming. Der Korrektheit halber allerdings müsste man vom Plattencover zitieren. Father Midnight Had It Coming. Philipp Stolterfoht — Sänger, Gitarrist und Lyrizist des Trios — nämlich sagt, der Titel solle auch immer eine kleine Geschichte erzählen, wie schon bei der letzten Publikation Father Midnight Lost His Shit. Die Cover-Artworks sind selbst gestaltet, Bassist Jochen Stückrath und Philipp collagierten jeweils.

Nun also die neue EP mit neuem Material. Das hört klingt alles sehr eingespielt als Ganzes, keiner als wäre er ein Lückenfüller, sondern wohl erwählt. Ein Sound, der an Früheres erinnert, das höchstens aber als Inspirationsquelle diente, den Staub abgeschüttelt, ein ganz neuer Klang. Der Twang der Fender Jazzmaster unverkennbar. Für die Aufnahmen nutzte die Band DDR-Nachbauten von Verstärkern aus den Sixties, arbeitete dann zwar digital, für den finalen Sound aber noch mit Tape Recordern. Dafür zogen sich die drei in ein Haus in Brandenburg zurück, um ungestört vom Trubel der Großstadt fertig zu produzieren. Am Ende stehen vier Lieder, die Sound und Geist vergangener Tage transportieren, ohne die Zeit ihrer Entstehung zu verleugnen. Sehnsucht an Gewesenes wird überdeckt von der Freude, solche Töne frisch zu erleben.

Tom Shaked, seit Jahreswechsel der Drummer von Father Midnight, ist zum ersten Mal auf einem ihrer Records zu hören und fügt sich ganz wunderbar in den Klang ein, gibt den Takt an und lässt Luft für Philipps Kopfstimme, die, so sagt er selbst, mehr Kontrolle ermöglicht, auch wenn er auf der neuen EP hier und da mit tieferen Stimmlagen experimentiert. Schon bekannt von Lost His Shit, diesmal aber noch entschlossener umgesetzt sind die teilweise langen Soli. Father Midnight haben den Mut dazu, nehmen sich Zeit für ausgedehnte Gitarrenparts. Eine lang verloren geglaubte Kunst. Allein dafür gebührt ihnen alle Ehre im immer erlesener werdenden Kreis der Gitarrenmusik-Fans.

Das Bassy, ein Berliner Club in dem sie schon spielten, schloss gerade erst für immer die Türen. Solche Hiobsbotschaften halten sie aber nicht auf, die Antwort ist eine kreischende Klampfe und die Flucht nach vorne. Die nächste Veröffentlichung steht auch schon ins Haus: Am 20. Juli erscheint eine Split mit der Band Ryl — Auftritt in der Kantine am Berghain inklusive. Vielleicht übertönt die Gitarre an diesem Abend dann kurz die Bassboxen des Technoclubs. Nicht nur wegen der Insolvenz des legendären Gitarrenbauers Gibson das bitter nötige Lebenszeichen massivhölzerner Saiteninstrumente.

Der Song „Words“ von der neuen EP:  

Wenn das Schlachten vorüber ist

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Udo Lindenberg mit Benjamin von Stuckrad-Barre und dem Ensemble bei „Panikherz“ am 29. April 2018 © Moritz Haase

Laut, leise, schnell und Leid: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie „Panikherz“ wird im Berliner Ensemble unter Regie von Oliver Reese aufgeführt.

Keine Panik, ich bin nur zappelig. Der Abgrund der Kokainsucht, dieser Droge, die eigentlich aufdrehen soll, Kreislauf anregt in ihrer Urform, Menschen zum Reden bringt, ist Müdigkeit. Regungslosigkeit. Tod. Wenn nicht physisch, nicht endgültig, dann wenigstens seelisch. Wenn es so etwas gibt. Sie macht dich zum Spießer. Sagt zumindest Benjamin von Stuckrad-Barre. Und der muss es ja wissen.

Sein autobiographisches Panikherz wird im Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht und wie sich das für ein solches Stück gehört, sollte man es natürlich an einem Wochenende besuchen, lieber ausschlafen und Tickets auf den letzten Drücker besorgen. Also die Kateraufführung. Da passiert sicher was. Wie sich das wohl anfühlt, das eigene Leben auf der Bühne zu sehen, selbst dargestellt zu werden von vielen, wie in einem schizophrenen Albtraum? Und wie erst, wenn es das Leben eines Freundes ist, das man da betrachtet, in einem dunklen Theatersaal und durch die Gläser einer eckigen Sonnenbrille?

Selbstbildnis erfordert Mut, der auf der Bühne nicht immer zu finden ist

Große Teile des Publikums an diesem lichtreichen Sonntagnachmittag sehen so aus, als kämen sie gerade aus dem Berghain. Spricht für die Theorien jener, die das Werk weniger als abschreckendes, pamphletisches Exempel denn viel mehr als Motivationsspritze für drogeninduzierten Absturz sehen. Für Berghaingänger ist das wohl höchstens Blasphemie. Panikherz hat es kaum gebraucht, um Stuckrad-Barre als den großartigen Beobachter zu outen, der er ohne jeden Zweifel ist. Panikherz legt aber, zumindest auf dieser Bühne an einem Sonntag in Berlin, dar, dass diese, seine Gabe bei dem Blick auf sich selbst ins Schwammige driftet.

Sein Innerstes nach außen zu kehren, zumal öffentlich, erfordert Mut, man setzt sich einigermaßen ungeschützt Unbekannten aus. Diesem Mut fehlt in der Darbietung hier und da ein authentisches Moment, der Funke will nicht immer überspringen. Zumindest wenn man die Geschichte kennt, Interviews mit Stuckrad-Barre, ältere wie jüngere Kommentare zum eigenen Leidensweg.

Den Teufelskreis der Süchte hat er schon weit vor der Fertigstellung dieser, ja, irgendwo Abrechnung mit sich selbst, erklärt: Eine Sucht bedingt die andere, will man von einer loskommen, braucht man stets eine neue. Diese Geschichte ist eine, die Uneingeweihte auf Distanz hält, Kenner wohl aber in ihren Bann zu ziehen vermag. Schwer zu sagen, wie groß der Graben zwischen dem Geschilderten und dem Berliner Nachtleben ist, das ja zumindest auf dem Papier Freude suggeriert. Diese Freude, der schnelle Weg dahin und zum schnellen Leben, wird im Großen Haus des Berliner Ensembles so zügig und kurzweilig dargestellt wie er ist, schnell eben und laut, und schrill.

Leider verfällt die Besetzung teils in zu zappeliges Auftreten, das weniger panisch als nervtötend wirkt, soll es auch sein, der Weg zur Affektiertheit aber ist mindestens als kein weiter zu erkennen. Das unterschiedliche Gebaren der vier Benjamins kennt gerade Nuancen, die durch die verschiedenen Phänotypen aber verstärkt werden, somit Zerrissenheit im gemeinsamen Sumpf durchaus symbolisieren können. Sie stellen je die verschiedenen Epochen dieses Lebens dar, die Phasen von Kindheit, Aufstieg, Fall und dem Geläuterten, wenn man das so nennen darf, von Heute dar, die Grenzen aber sind fluid und verschwimmen so wie die diversen Ichs die ein jeder in sich trägt.

Der Soundtrack überzeugt und auch Authentisches ward noch gefunden

Ein wirkliches Highlight ist vor allem auch die Musik, die Band, die Gitarre, schaffen einen eigenen Soundtrack auch mit bekannten Titeln für die Vita des Benjamin von Stuckrad-Barre. Auch die Darsteller singen, herausragend vor allem Carina Zichner. Einzig die Darbietung der Oasis-Hymne „Don’t Look Back In Anger“ von Nico Holonics kann keinem echten Fan der Britpop-Legenden gefallen, unsäglich ist das Cover gar. Holonics überzeugt dafür schauspielerisch umso mehr, nicht zuletzt seiner herausragenden Authentizität wegen .

Das Highlight bleibt dennoch anderen überlassen: Denn hinter der eckigen Sonnenbrille, ganz hinten im dunklen Saal, versteckte sich natürlich Udo Lindenberg, nebst dem Autoren höchstpersönlich. Den abschließenden Ringelpiez auf der Bühne lassen sich beide nicht entgehen, Udo trällert bassig wie eh noch etwas mit und vor sich hin, ehe sich die ganze Bagage, Regisseur Oliver Reese inklusive, selbst feiert auf dieser Bühne mit dem großen Perser und dem kleinen Balkon, der dem Chateau Marmont entnommen sein könnte. Ebendiesem Hotel, in dem das Buch einst entstand und die Freundschaft dieser beiden Ausnahmeerscheinungen in jeder Hinsicht blühte.

  • Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin 
  • nächste Aufführungen: 10.05., 22.05. und 27.06.2018 
  • Mehr Infos und Karten 

April 2018

Am Löwenzahn der Zeit wird jedes Leben noch zur Pusteblume

Wenn die Sonne strahlt, dass der Kopf ganz neblig ist,
der Löwenzahn blüht und die Gedanken frisst,
dann ist der Frühling leider ausgeblieben,
wurden der Pflanzen Blüten zu früh ausgetrieben.

Dabei hat diese Zeit des Jahres doch ihre ganz eigne Magie,
macht sanften Übergang für Mensch und Vieh,
die der Gewöhnung an das Wetter doch bedürfen,
bevor sie wieder Kaltes schlürfen.

Jetzt schon wieder vom Herbst zu sprechen,
scheint ob der lang gewordnen Tage ganz vermessen.
Doch ward auch der zuletzt häufiger vergessen,
als würd‘ die Natur sich für irgendwas rächen.

Unschuldslämmer gibt’s nur weidend auf den Wiesen,
die die Menschen mit ihrem Gifte gießen.
Damit die Obstbäume immer früher entbinden,
so wird der Mensch sein Ende als Fallobst finden.

Jann-Luca Zinser

Father, where have you been?

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Was der Musik in der letzten Dekade gefehlt hat? Die Frage trieb so manchen um, doch das Warten hat ein Ende, die Antwort ist gefunden: Father Midnight.  

Wo Rock’n’Roll ist, sind Sex und Drogen selten weit. Eine wahre Lendenfreude und Aufruf zum Exzess ist die EP „Lost His Shit“ von Father Midnight. Die drei Jungs aus Berlin zeigen testosterongeladen, wie gute Rockmusik auch mit nur einer Gitarre funktioniert. Dabei halten sie jedem Vergleich mit historischen Granden des Genres stand, schon weil sie ihn hinfällig machen. Wenn sie loslegen, möchte man am liebsten seinen nackten Körper an einem anderen reiben und der Vollendung der Ästhetik solch einer Situation halber im Zuge des Rausches einander vor die Füße kotzen. In der einen Hand ein Bier, in der anderen eine Flasche Whiskey. Kippe im Mund, Bier ins Gesicht.

Zur Einstimmung auf dieses Stück Musikgeschichte — das ist es, das wird es, da sind wir uns ganz sicher — wollen wir diese ein bisschen mitschreiben und haben „Lost his Shit“ in einer Audioreview besprochen. Hört auf Spotify oder direkt hier rein:


Father Midnight auf Bandcamp

 

Sommergäste gefangen im eigenen Wahnsinn

Sommergäste
Foto: Arno Declair

Im Deutschen Theater ist derzeit Maxim Gorkis „Sommergäste“ zu bewundern. Zeitlos, aber im Geiste der Moderne inszeniert. 

Es ist doch immer wieder beeindruckend, wie zeitlos Theaterstücke sein können. Ob geschrieben in Zeiten größter Gelassenheit oder in der Krise, manches, so scheint es, ändert sich eben nie. Die Inszenierungen vielleicht, sie werden drastischer. Oder doch das Publikum empfindlicher? In Gorkis’ „Sommergäste“, im Deutschen Theater inszeniert von Daniela Löffner, stimmt wohl beides.

Nachdem sich kurz vor der Pause des vier Stunden langen, aber äußert kurzweilig aufgeführten Dramas die Julija Filippowna, gespielt von Kathleen Morgeneyer, im Rahmen ihrer Gesangseinlage schwarze Farbe erst auf die Beine, dann in den Schritt schmiert, kehren nach dem erneuten Gong jedenfalls viele der Zuschauer nicht zurück in den Saal. Dabei war ihre Performance wahrlich eindrucksvoll. Im goldenen Paillettenkleid schreitet sie zum Mikrofon, das Gewand wirft Lichter zurück in den Saal wie eine Discokugel und ihr vormals zarter Charakter erfährt eine langsame, intensive Steigerung, um am Ende doch zu explodieren.

Dem Publikum den Rücken zugewandt, streift sich Morgeneyer die schmalen Träger des Kleides von den Schultern, die Erregung auf der Bühne wie im Publikum ist greifbar, selbst bei den anderen Darstellern hat man das Gefühl, dass sie nicht wissen, ob sie sich umdrehen wird.

Komisch bis bissig auch in der aktuellen Debatte um Mann und Frau  

Sie dreht sich um. Schwarze Tassels verdecken die Brustwarzen an ihrem unglaublich drahtigen, muskulösen und hocherotischen Körper. Zuckend — kein orgasmisches Zucken, wohlgemerkt — vollendet sie großartig singend die Performance, die Aufführung in der Aufführung. Die Geschichte an sich aber funktioniert sprachlich wie inhaltlich auch im Heute, Sätze aus dem Vorabend der Revolution zitierend genauso wie pointierte Sprüche aus dem Jetzt.

Maxim Gorki wusste schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die moralische Zerrissenheit der Bourgeoisen und um die Stärke der Frauen, die gerade in dieser Zerrissenheit umso mehr zutage tritt. Regisseurin Löffner weiß das komisch bis bissig auch in die aktuelle Debatte um Mann und Frau zu integrieren. Auch die anderen, größtenteils aus dem Ensemble des Deutschen Theaters bekannten Darsteller wissen zu überzeugen mit jeder Menge Witz, bisweilen mit Tragik ihrer Figur wie in der ödipalen Beziehung des jungen Wlas (Marcel Kohler) zur älteren Schon-Mutter Marja Lwowna (Regine Zimmermann).

Die ständige Präsenz aller auf der Bühne, einem bronzenen Kasten, führt zu einer im besten Sinne kleinteiligen weil somit kurzweiligen Darbietung, die nicht mit Spannung und nie mit Gesellschaftskritik geizt.

  • Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, 10117 Berlin  
  • nächste Aufführungen: 18.04., 05. und 20.05.2018  
  • Mehr Infos

Ostern für das deutsche Fernsehen

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In Deutschland scheint es endlich bergauf zu gehen in der öffentlich-rechtlichen Fernsehlandschaft. Denn neu ist: einige Formate machen wirklich Spaß. Über eine Renaissance   

Es geht also doch. Nach Jahren unbändiger Langeweile und pünktlich kurz nach der größten Diskussion um öffentlich-rechtliche Sendeanstalten mindestens der vergangenen Dekade zeigen ebenjene nach ersten Andeutungen immer mehr ihr wahres Potential. Auf einmal wird über deutsche Serien geredet. Nicht nur weil sie gesehen werden, nein, weil sie wirklich gut sind.

Sogar gute Tatorte gibt es plötzlich. Klar, die Filmreihe hat Tradition, vor allem Sonntagabend auf deutschen Sofas. Wenigstens angerostet war sie aber auch, je nach Ort und Ermittlern auch schon durchoxidiert bis porös. Dann merkte man sehr spät, dass die Münsteraner Ausgabe mit den überbordenden Komikelementen erfolgreich ist und übertrug das Konzept nach Weimar, das ja sowieso sowas ist wie das Münster des Ostens. Nur eben in klein. Und anders. Da ermitteln dann sympathische Ermittler sympathisch halboriginelle Fälle inklusive vorhersehbarer Entwicklung und Ende mit Augenzwinkern.

Tatort mit Bier: Der Sonntagabend in Berlin

Gute Filme sind das nicht. Sie entlassen die Deutschen aber mit einem guten Gefühl aus dem Wochenende und haben es irgendwie geschafft, auch in der jüngeren Generation Kultstatus zu wecken. Tatort-Public-Viewing mit Bier am Sonntag Abend — im Berliner Nexus lässt man so ein langes Clubwochenende ausklingen. Was wurde diskutiert jahrelang, die kreative Mutlosigkeit moniert im allabendlichen Fernsehprogramm. Welch abstruse Vorschläge wurden gemacht, ein jüngeres Publikum anzusprechen, welch wahnwitzige wurden umgesetzt.

Soziale Medien hingen wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Intendanzen, wie ließen sich diese Menschen nur erreichen, die beim Fernsehen nicht aufhören ihr vollendetes Lebensglück in stets scheiternder Konzentration auf mindestens zwei Bildschirme zu suchen? Dabei war die Antwort immer ganz einfach: Einfach gute Inhalte schaffen. Okay, so leicht ist es nicht nach Jahren des Dosenbiers in der immer selben fleckigen Jogginghose auf der immer selben fleckigen Couch, wieder Ansprüche an sich selbst zu formulieren.

Klägliche Versuche folgten, Serien zu etablieren, die so sehr US-Abklatsch waren, dass sie alleine nicht hätten geradeaus laufen können wie die unsägliche ZDF-Produktion „Morgen hör ich auf“, die ob mangelnden Witzes nicht einmal als Klamauk durchging. „Die Lobbyistin“, die pünktlich zur Produktion der sechsten Staffel des das Genre im Mainstream erfolgreich machenden Politdramas „House of Cards“ erschien und ebendessen Titelmelodie nicht nur etwas zu sehr zum Vorbild nahm.

Vom Regen in die Traufe und dann mit Anlauf raus aus dem Loch  

Aber kurz bevor sich die deutsche Fernsehwelt endgültig lächerlich zu machen schien — an Geld und guten Schauspielern mangelt es schließlich nicht — erhob man sich aus der Senke. Etwa der rbb mit dem Berliner Tatort, der zwar schon seit 2015 mit den aktuellen Ermittlern läuft, sich und die eigene, fortlaufende Geschichte aber beständig weiterentwickelt und einen ersten Höhepunkt in der Berlinale-Folge „Meta“ fand, die pünktlich zum Filmfest Mitte Februar erstausgestrahlt wurde. Die Episode hat Spielfilm-Qualitäten, birgt tatsächlich unerwartete Elemente. In einem Tatort!

Und die Entscheidung, die Geschichte um die Ermittler abseits des aktuellen Falles weiterzuspinnen, erweist sich als absoluter Glücksgriff: die Charaktere entwickeln sich, müssen sich nicht auf plumpe weil kurz gedachte Züge beschränken. „Meta“ kann auch als Zitat bis Hommage an Scorseses „Taxi Driver“ verstanden werden, man bedient sich auch der grandiosen Filmmusik des Klassikers und bindet sie teils famos in die Szenerie des Krimis ein. Dazu endlich gewitzte Drehbücher, die nicht jeden einzelnen Joke zelebrieren als wenn es der letzte wäre. Subtil verpackt, unmittelbar zurück in die Handlung. Das ist anspruchsvoll, macht den Zuschauenden aber — oder gerade deswegen — einfach Spaß.

Wir konnten es einfach nicht  

Ein anderes gutes Beispiel ist „Bad Banks“ im ZDF. Andreas Schreitmüller von arte, die als Kooperationspartner an der Entstehung der Serie beteiligt waren, sagt dazu: „Noch bis vor kurzem war das Lamento der deutschen Fernsehkritik einhellig: „Warum sind deutsche Serien so mies?“ (Der Spiegel), „Regelmäßig enttäuschen Fernsehserien.“ (FAZ), „Wir können es einfach nicht.“ (taz), „Erzählnotstand.“ (SZ). Gemeint war die in der Tat rätselhafte Absenz deutscher horizontal erzählter Serien auf dem internationalen Markt. Doch das ist Vergangenheit! Cineasten haben sich nun auch in Deutschland des seriellen Formats angenommen und nutzen das hohe professionelle Niveau der fiktionalen Produktion hierzulande.“

Und er hat recht. „Bad Banks“ strotzt vor neuem Selbstbewusstsein. Die bislang sechs Episoden, eine zweite Staffel ist bereits bestellt, rollen actionreich die Facetten des Investmentbankings auf, hier und da sicher überzogen, immer schnell, international. Letzteres auch wegen der erfrischenden Darsteller. So kann es gerne weitergehen. Hoffentlich geht die Puste nicht so schnell aus.

Schall ohne Rauch

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The Wake Woods spielen im Berliner Musik & Frieden. Ein neues Album im Gepäck, eine Menge Gitarren und noch mehr Energie. Laut war es. Und gut.  

Schade, dass man im Musik & Frieden in Berlin-Kreuzberg nicht rauchen darf. Der ehemalige Magnet-Club an der Oberbaumbrücke ist nämlich eine exzellente Location für kleinere Konzerte. Leider ist die Bar unterbesetzt mit wenig freundlichem Personal, verständlich, wenn man zu zweit einem größeren Ansturm gerecht werden soll. Da kriegt man schon mal schlechte Laune.

Zum Glück gibt es die Baumhaus-Bar ein Stockwerk weiter oben. Die ist während eines Konzertes nicht nur angenehm leer, hier darf auch geraucht werden und die fähigen Barkeeper machen ziemlich gute Drinks, empfehlen auch mal was und die Auswahl ist solide. Aber zurück vor die Bühne: Die Akustik überzeugt hier meist, so auch heute, als The Wake Woods spielen.

So gut, dass man die Lautstärke überhört  

Das Berliner Quartett hat gerade die zweite Platte „Blow Up Your Radio“ veröffentlicht und ist jetzt auf Tour. Schnell wird klar: Es braucht auch 2018 nicht mehr als zwei Gitarren, Schlagzeug und einen bassspielenden Schreihals, um gute Musik zu machen. Dass der Auftritt ohrenbetäubend ist, merkt man erst im Nachhinein, wenn die Ohren pfeifen. Die vier aber machen ihre Sache — will heißen: spielen ihre Instrumente so gut, dass man die Lautstärke glatt überhört.

Vital und mit unendlicher Verve rocken sie auf der Bühne, zeigen, dass die Zeit halbausschweifender Gitarrensoli noch nicht vorbei ist. Die Melodien sind einfach wie eingängig, gäbe es mehr gute Radiosender, wäre ihre Musik wohl absolut radiotauglich. Sänger Ingo Siara gibt die Rampensau, kommuniziert gut mit dem Publikum, das zumindest in den ersten Reihen definitiv jünger ist als die Jungs selbst, wenngleich sich weiter hinten auch mancher Gast mit grau meliertem Haupthaar findet.

Es wird gesoffen, geraucht und zerstört  

Zur Mitte des Auftritts wird dann eine Praline angekündigt, Ram Jams „Black Betty“. Das spielen sie so gut, dass man fast vergisst, dass nicht 1977 ist. Nicht umsonst waren The Wake Woods Vorband von Deep Purple. Sie haben einfach Bock auf Rock’n’Roll, das sieht man auch im Video zur albumbetitelnden Single „Blow Up Your Radio“: In schrillen Outfits wird gesoffen, geraucht, zerstört und nicht zuletzt ziemlich gute Musik gemacht.

Das machen sie auch auf der Bühne des Musik & Frieden, leider ohne Kippe, aber mit Zugabe. Dann ist nach etwa anderthalb Stunden musikalischer Verausgabung Feierabend, auch für die geplagten Barkeeper. Denn alles begibt sich hoch ins Baumhaus. Und raucht.

  • The Wake Woods: „Blow Up Your Radio“, erschienen bei Jayfish Records  
  • 17.03.18 Winterbach – Strandbar 51
  • 13.04.18 Hamburg – Marias Ballroom  
  • 14.04.18 Stralsund – Knuts Bar  
  • Mehr Tourdaten und Tickets  

Kratzig-kuschelige Kotze

Mit Audio-Review im Player

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Review zum Hören: 

Isolation Berlin sind mit ihrem zweiten Album zurück und Sänger Tobias Bamborschke überzeugt wieder als tragisch-komischer, hoffnungslos romantischer Lyriker.

Seit Mitternacht ist es da: „Vergifte dich“, das neue, elf Tracks umfassende Album von Isolation Berlin. Tobias Bamborschke, der dreckige Lyriker und Sänger der Band, zeigt wieder sein Talent hoffnungslos verzweifelt selbstbemitleidende und traurig bis eklige Texte in eingängige Musik zu packen.

Ruhige Töne aus elektrischen und akustischen Gitarren laden zu wachen Träumen ein, atomsphärisch bewegt man sich zwischen der kratzig-kuscheligen Wolldecke von der Oma und und einem gefrorenen Kotzfleck, auf dem man ausrutscht und dann auf dem harten Boden der Berliner Tatsachen landet. Stets klanglich umschmeichelt tut man sich beim Hören auch immer wieder weh.

Als hätten die vier Jungs das Einmaleins des Albumaufbaus auswendig gelernt, eröffnen sie gleich mit einem absoluten Knaller: Von „Serotonin“ hat man schon vor dem ersten Refrain einen Ohrwurm. Gleich danach wird es etwas experimenteller mit dem Titelsong „Vergifte dich“, der auf charmante Weise an die amateurhafte Punkmusik Berlins in der Achtzigern erinnert.

Endlich mal wieder ein Konzeptalbum  

Die Platte beschreibt die entschlossene Verwirrtheit von Spätmittzwanzigern in Berlin, diesem Ort der mehr Sumpf ist als Stadt. „Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben“ erinnert am ehesten an die früheren Stücke, leugnet aber ebenso wenig wie der Rest der Songs die künstlerische Entwicklung der Gruppe, die sie so gut und gerne verstecken.

„Antimaterie“ spricht den Hörer oder vielmehr die Hörerin direkt an und ist an jeden und jede da draußen eine Liebeserklärung. Aber eben nur an diese eine. Man hört all den Stücken gerne zu, auch weil man nicht das Gefühl hat, Musik zu hören, sondern auf einer unbezogenen, schäbigen Matratze zu liegen und Geschichten erzählt zu bekommen.

Außerdem hört sich „Vergifte dich“ an wie das erste Konzeptalbum seit langem, die Reihenfolge macht irgendeinen unergründlichen Sinn,  so eingängig funktionieren die Songs, wenn man sie alle hintereinander und immer wieder hört. Am besten jetzt.

  • Isolation Berlin: „Vergifte dich“, erschienen bei Staatsakt  
  • 15.03.18 Potsdam – Waschhaus  
  • 07.04.18 Zwickau – Alter Gasometer  
  • 12.05.18 Berlin – Astra Kulturhaus  
  • Mehr Tourdaten und Tickets  

Neunmal high und einmal Reue

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Nach langem Warten präsentieren Franz Ferdinand ihr neues Album: Seit dem 09. Februar ist „Always Ascending“ erhältlich.

Rock’n’Roll wurde in den Vereinigten Staaten erfunden. Allzu lang dauerte es aber nicht, bis die Insel zwischen Nordsee und Atlantischem Ozean, das Vereinigte Königreich, zum Kreissaal jedweder legendären Geburt des Genres mutierte. Zu diesen Kindern gehören auch Franz Ferdinand, auf deren eigenen Nachwuchs die Welt lange hat warten müssen. In diesem noch jungen Jahr ist es aber so weit: Die Schotten präsentieren ihr neues Album „Always Ascending“.

Die titelgebende Single kann man schon seit vergangenem Oktober belauschen, ein Ausblick auf den eingeschlagenen Weg gibt sie wohl, wenn die ersten Pianoschläge ertönen und die entstandene Irritation dann von Alex Kapranos gewaltiger Stimme aufgelöst wird. Der Song ist ein Höhenflug, ein High, der Reue zumindest lyrisch nur am Rande formuliert.

Schottisches Raufboldentum und Trinkfestigkeit

Mit ihrem Erstlingswerk von 2004 schafften es Franz Ferdinand sich nicht nur international, sondern auch in den Staaten Gehör zu verschaffen. Das Album war die Initialzündung für die Entstehung einer ganzen Front indierockender Bands im Königreich. Class of 05, benannt nach dem Jahr der größten Sternstunden und den meist schülerhaften Akteuren, sollte diese neue, pluralistischere Phase heißen. Und Franz Ferdinand waren irgendwie und irgendwo die musikalisch-moralische Instanz dieser Epoche.

Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Jungs überpünktlich zum Durchbruch mindestens an der Dreißig kratzten und alle schlechten und postpubertären Angewohnheiten, abgesehen von dem den Schotten eigenen Raufboldentum und immer währender Trinkfestigkeit vielleicht, mehr oder weniger abgelegt hatten. Ganz sicher war es aber auch einfach schon immer ihrer wirklich außergewöhnlichen Musik geschuldet.

Erfolgsverwöhnt und ernüchternd: Elektronische Musik auf dem Vormarsch  

Mit der Single ‚Take Me Out‘ vom ersten Studioalbum schafften sie gleich auch den Durchbruch auf dem für europäische Bands mittlerweile in jeder Hinsicht schwierigen US-Markt. Eine nicht minder erfolgreiche Platte folgte der ersten im Herbst 2005. Vier weitere Jahre später war die Situation dann schon eine ganz andere: Elektronische Musik auf dem Vormarsch, nicht nur in Berlin, nicht nur in Manchester, auch in Glasgow, Geburtsort der Band.

Man hielt am bewährten Konzept fest, traf damit sicher den Geschmack ganz eingefleischter Fans, nicht aber den Zeitgeist. Und irgendwie stellte der gewählte Mittelweg niemanden so ganz zufrieden. Anhänger der ersten Stunde enttäuscht ob der hier und da neuen Sounds, Avantgardisten vergrault mit Halbherzigkeit. Wieder vier Jahre später, 2013, ein letzter Versuch, mit dem altbewährten Rezept erfolgreich zu sein.

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“, diesem, Einstein zumindest zugeschriebenen Zitat zufolge, war das Album blanker Wahnsinn, und nicht auf die gute Weise. In den aller meisten Fällen impliziert Indie-Musik gemeinsames Erwachsenwerden von Band und Fans, Erfolg nicht zuletzt auch bei Mädchen und gerade deshalb auch Identifikation für die Jungs.

Einflüsse für das neue Material? McEwan’s Export und Kokain

Franz Ferdinand hatten ihrer Fanbase gegenüber aber einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung. Sie wurden nicht erwachsen, sie waren es schon. Nicht nur deshalb wurde es dann auch ruhig. Es folgte 2015 die von langer Hand geplante und FFS genannte Kooperation mit den US-amerikanischen Sparks. Erste Gehversuche, zeitgemäße Beats zu etablieren. Große Teile des Publikums nahmen das eher verärgert auf, das Erwachsenwerden verlief eben nicht parallel.

Nun, fünf Jahre nach dem letzten echten Album, drei nach der schwierigen Kooperation und zwei nach dem medial quasi nicht stattgefundenen Release des Donald-Trump-Pamphlets ‚Demagogue‘ bringen die Schotten eben „Always Ascending“. Es umfasst zehn Tracks, für die ein neuer Produzent engagiert wurde, es gab Personalwechsel, man wollte sich neu erfinden, sperrte sich dafür in einer abgelegenen Hütte ein. Es brauchte eine wahrhaftige Renaissance.

Mitgründer Nick McCarthy, der mehr Zeit für Familie und andere Projekte wollte, verließ die Band, für ihn übernahm Julian Corrie Gitarre und Keyboard im Studio. Einflüsse für das neue Material? „Mir fällt eigentlich nur Tarka Daal, McEwans Export und Kokain ein… vielleicht sollten wir lieber nicht davon sprechen.“ sagt Drummer Paul Thomson.

Also alles wie immer. Wie immer? Nein, sie wollten neu und sie kreierten neu: Seit geraumer Zeit tun sich Bands dieses Genres schwer mit dem Spagat zwischen rebellierender Jugend und klarer Linie, zwischen Rock und radiotauglich. Der gelingt den Schotten aber besonders gut mit „Feel The Love Go“, eine wahre Indie-Dance-Hymne. Würden die ganzen Clubs dieser Richtung nicht gerade ihre Türen für immer schließen, dies wäre ein neuer für lange Nächte.

Der Puls bleibt immer auf Schlagzahl  

„Paper Cages“ hingegen könnte das heimliche Schmankerl für eingefleischte Fans sein. Jeder Takt erinnert an frühe Werke, ohne je abgestanden zu wirken. Frisch gemacht und bereit für 2018 könnte man sagen. Die schnellen Rhythmuswechsel in „Glimps Of Love“ vereinen Postpunk-Elemente mit experimentellen Effekten, dazu einen eingängigen Refrain. Der Song kaschiert aber an mancher Stelle auch die melodischen Qualitäten der Band.

„Lazy Boy“ hingegen weckt Erinnerungen an alte Tage, funkbetonte Akkordfolgen, eingängige Riffs in der Bridge und ein schmissiger Refrain werden im Club wie im Stadion zu biergeschwängertem Mitsingen einladen. Der heimliche Superstar der LP aber ist „The Academy Award“. Der teilweise akustisch eingespielte Song mag den Blutdruck vorübergehend senken, der Puls bleibt ob der Stimme und der mit- bis zerreißenden Melodie aber immer auf Schlagzahl.

Dieser fünfte Song von „Always Ascending“ kann lyrisch als Kritik an der zunehmenden technikinduzierten Verrohung der Gesellschaft und gleichzeitig als verzweifelte Ode an die Menschheit verstanden werden: „Through liquid crystal we look at the world“, wir betrachten die Welt auf einem LCD-Bildschirm. Sänger Alex Kapranos trägt sie mit größter Elastizität im Bariton vor. Was bleibt von dieser lang ersehnten Platte, ist eine äußerst professionelle und doch emotionale Gratwanderung zwischen Class of 05 und 2018. Öffnet man sich den neuen Tönen, hört man ein wirklich gelungenes, facettenreiches Album, das jedes mal noch ein kleines bisschen besser wird. 2005 ist lange vorbei!

  • Franz Ferdinand: „Always Ascending“, erscheint bei Domino Records  
  • 01.03.2018 Hamburg – Mehr! Theater
  • 05.03.2018 Köln – Palladium
  • 07.03.2018 Berlin – Tempodrom
  • 12.03.2018 München – Tonhalle

Engagement macht frei!

Am 08. Februar hat Robert Menasse in Berlin über seinen preisgekrönten Europa-Roman „Die Hauptstadt“ gesprochen und daraus vorgelesen. Die Quintessenz: ein unglückliches Format tut seinem Buch keinen Abbruch.

Das Atrium der Deutschen Bank. Ein ökonomisch-dogmatisch gestriegelter Veranstaltungsort, an dem Robert Menasse, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017, dem radioeins-Literaturagenten Thomas Böhm Rede und Antwort steht. Und aus seinem preisgekrönten Werk „Die Hauptstadt“ liest.

Gekünstelte Altbaufassaden umgeben das Publikum, echte Altbauten waren das nie, und ein Glasdach hält sie zusammen. Ein Deutsche-Bank-Angestellter im Designeranzug eröffnet das rein kulturelle Interesse der hauseigenen Stiftung, die auch Hauptsponsor des Deutschen Buchpreises ist. Es riecht nach einer Pflichtveranstaltung für den letztjährigen Gewinner.

Die Akustik ist mies. Schwer verständlich also eröffnet der radioeins-Mann Böhm den Talk über Menasses Europa-Roman mit einem Witz: „Heute dürfen nur Handys stören, deren Klingelton ‚Eine Ode an die Freude‘ ist.“ Er biedert sich schon sehr an. Das Gespräch aber ist interessant, der Wiener Autor erzählt freigiebig über die Entstehung, die Recherche: Frei nach dem Motto „kannste einen, kannste alle“ habe er zahlreiche Kontakte der Eurokratie gemacht.

Roter Faden und Recherche  

Die Frage nach derer Literaturfähigkeit stellte sich ihm nur anfangs, viel warm gegessen habe er bei all den Treffen. Sympathisch tritt Menasse auf, gefragt nach dem durch Brüssel rennenden Schwein, einem stringenten, verbindenden Element in seinem Roman, gesteht er, nicht mehr zu wissen wie es zu der Idee kam. Das Schwein halte aber als Metapher für quasi alles her: Glücksschwein und Drecksau, Nazisau bis Judenschwein. Kulturell Ambivalent und doch universal.

Und neben dem Schwein als roten Faden hält es auch sinnbildlich für die aktuelle EU-Politik her. Viele Ressorts mit verschiedenen Zielen suchen vergeblich nach einer Lösung für die Zucht, den Binnenmarkt und nicht zuletzt den Export. Könnte hier nur auch ein Schwein das konnektive Element sein.

Als käme Robert Menasse nun umhin, die Eingangssequenz mit dem Schwein zu verlesen. Dabei wurde durch die ausführliche Diskussion im Vorhinein doch jede Spannung genommen. Er tut es trotzdem, gezwungenermaßen, und mit Wiener Akzent lässt sich doch alles irgendwie genießen, Schmunzeln gehört einfach dazu.

Windbeutel in Brüssel und Wien – und an der Macht  

Dann wird wieder geredet, über europäische Politik, über österreichische, über Sebastian Kurz, den neuen, jungen Kanzler, der ob seines um nationale Beschwichtigung bemühtes, teils gekünstelt verlogenes Verhaltens während seiner Zeit als Außenminister der Alpenrepublik in Brüssel laut Menasse hauptsächlich als Windbeutel bekannt ist.

Um szenisch auf seine nächste Leseprobe zu lenken, wird wie im Buch auch Auschwitz thematisiert. Er war selbst am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers vor Ort, der eigentlich irgendwelchen Delegationen vorbehalten ist. Der Autor rekapituliert die Geschichten, die auch den Weg in „Die Hauptstadt“ gefunden haben: Der Kaffeeautomat der Marke „Enjoy“, die einlassgewährenden Badges, die mit einer Aufschrift signalisieren, dass ihr Verlust dem der Aufenthaltsgenehmigung gleichkäme.

Rauchen macht frei  

Ungewollte Komik. Und dann liest er wieder vor. Und hinter ihm steht im Scheinwerferlicht ein Banner der Deutschen Bank Stiftung mit den Insignien der reibeisenbehandelten Fingerspitzen. „Engagement überwindet Grenzen“ klingt wie das ins 21. Jahrhundert beförderte Dogma der nationalsozialistischen Deportationslager, über deren Toren „Arbeit macht frei“ prangte.

Scheint niemandem aufgefallen zu sein. Außer Robert Menasse: Komisch ist eben die Realität. Wie auch die EU, deren Idee auf den Schrecken des Zweiten Weltkrieges fußt und die in jeder Sekunde verteidigt werden muss. Auch wenn es den Status Quo zu kritisieren gilt, und das tut Menasse, in seinem wirklich großartigen Roman genauso wie am Mikrofon. Das ist sein Thema, er verficht es zum Letzten, könnte sicher ewig weiterreden. Aber jetzt braucht Robert Menasse erstmal eine Zigarettenpause.