#2 Von Holländern und Klienten

Ein guter Freund von mir weilt von Berufswegen gerade in China. Wir kommunizieren unregelmäßig häufig über Facebook, Telefonieren wäre zu teuer. Er sagt dann oft, dass er sehr einsam sei. So oft man das in drei Wochen, die er jetzt da ist, sagen kann. Er ist der Landessprache (noch lange) nicht mächtig, bei der Arbeit sprechen zwei Vorgesetzte sehr gebrochenes Englisch, ab und zu trifft er zwei ständig betrunkene Holländer, die er vor Ort kennengelernt hat. Da kann man sich schon mal einsam fühlen.

Um ihn etwas aufzuheitern habe ich ihm dann vorgeschlagen, dass wir ja mal über Skype gemeinsam einen trinken könnten. Vielleicht während eines Fußballspiels, auch wenn das bei ihm dann mitten in der Nacht wäre, er müsste es wenigstens nicht alleine tun. Nicht, dass er wie die Holländer endet, dachte ich, und die waren wenigstens zu zweit. Das ist ja das Tolle an so einem Videochat — ist der Bildschirm groß genug, glaubt man nach dem dritten Bier man wäre tatsächlich in ein und dem selben Raum. Mein Freund aber erwiderte, sichtlich oder viel mehr seinem Online-Duktus entnehmbar geknickt, das ginge nicht, dafür reiche die Verbindung über seinen VPN-Client nicht.

Zinser, dachte ich, das hast du schon mal gehört. So ein Ding brauchtest du, um auf die digitale Bibliothek deiner Universität zugreifen zu können. Das hat auch immer geklappt. Zinser, dachte ich dann, verstanden hast du das aber nie. Das erste Google-Ergebnis macht schlauer: „VPN steht für ‚Virtual Private Network‘ und beschreibt ursprünglich eine Technik, die es Ihnen erlaubt, von jedem Ort auf der Welt sicher auf Ressourcen in Ihrem privaten Netzwerk zuzugreifen.“

Dann fällt mir ein, dass ich das in der taz auch schon mal aufgeschnappt habe. Als es darum ging, mit meinem privaten Rechner (sagt man das noch: Rechner?) oder vielmehr Laptop ins Redaktionssystem zu gelangen, weil der festinstallierte im Büro mir den Dienst verweigerte. Da hieß es auch: „Du brauchst einen VPN-Client.“ So weiß Wikipedia, die freie Enzyklopädie: „Beispielsweise kann der Computer eines Mitarbeiters von Zuhause aus Zugriff auf das Firmennetz erlangen, gerade so, als säße er mittendrin.“

Apropos: Im Rahmen des Umzuges der taz werden gerade Bücher ausgemistet, so auch ein etwa 40-Bändiger Brockhaus. Wer den zu Flohmarktzwecken aus dem vierten ins Erdgeschoss getragen hat, dankt Gott oder dem Internet oder beiden für Wikipedia. Aber zurück nach China: Weil da ja gängige Netzwerke wie Facebook und Co. nicht erlaubt sind, funktionieren sie ganz einfach auch nicht. Es sei denn — Trommelwirbel — man nutzt eben so einen VPN-Client. Der wiederum, erklärt mein Freund mir salopp, lässt den Speed des Internets ganz schön leiden.

So sehr, dass die Kommunikation über Facebook schon am Rande des Erträglichen vorbei schrammt. So wie hier mit gedrosseltem Internet? frage ich ihn. So wie in Deutschland mit gedrosseltem Internet. sagt er, schreibt er, alles in Kleinschrift und ohne Satzzeichen. Ich übrigens auch. Ihn mache das wahnsinnig, er tue das nur, damit ich mich nicht so einsam fühle. Aber ich könne wenigstens deutsches Bier trinken, das in China sei nicht so seins. Und Pornos gucken. Die gehen nämlich auch nicht, trotz VPN-Client.  

#1 Über Kochen und Fahrradfahren

Wenn ich überlege, wie man die eigene digitale Legasthenie, die gefühlte Legasthenie, in Worte fassen kann, ist der erste Impuls doch der, dass zu Instagrambildern von Mittagessen alles gesagt wurde. Und was haben wir gelacht. Dann aber macht sich Hunger breit und ich stelle mittelmäßig erstaunt fest, dass zu Mittagessen niemals alles gesagt sein kann, schließlich kommt der Hunger immer wieder und auch Essen ist vielfältig genug, um kilometerweise Regale mit Kochbüchern zu füllen. Nur dass die eben keiner mehr liest. Außer meine Oma vielleicht.

Aber die versteht Instagram auch nicht, das haben wir gemeinsam. Umso besser aber kann sie mit dem Thermomix umgehen, das hat sie mir voraus und der ist neuerdings auch digital geworden. Mit Farbbildschirm. „Digitales Kochen“ nennt der Hersteller das, „Guided-Cooking-Funktion“, ein Online-Rezeptarchiv inspiriert mit famosen Gerichten und über W-LAN wird dann die Anleitung auf das Display geschickt. Erlebniskochen also, ich dachte immer so nennt man das, was Köche in Dunkelrestaurants veranstalten oder Messerwurftricks beim Akt der Zubereitung.

Ich weiß nicht, ob meine Oma das neueste Modell hat, ich glaube aber nicht, das ginge ihr wohl zu weit. Spätestens wenn man Fotos von Essen auf Instagram an den Thermomix schicken kann, der das wiederum in Sekundenbruchteilen analysiert und das passende Rezept anzeigt, ohnehin alles selber zubereitet und dank des Smart-Fridges, dem ach so intelligenten Kühlschrank, direkt noch eine Mitteilung aufs Smartphone sendet, damit man von unterwegs noch schnell die fehlenden Zutaten online ordern kann. Falls der Kühlschrank das noch nicht alleine kann. Spätestens dann hat meine Oma die Schnauze voll.

Hilflos wird sie sein ob der ganzen Hilfe. Sie hat ja gelernt zu kochen. Das ist, als würde man versuchen das Fahrradfahren wieder zu verlernen. Und bis ich mir einen Thermomix mit Farbdisplay und einen smarten Kühlschrank leisten kann, der mit Kamerasystem das eigene Innenleben überwacht um sich und (hoffentlich nur) auf Wunsch auch mich ständig darüber informieren zu können was ihm denn fehlt, bin ich wohl auch so gut im Einkauforganisieren und Selberkochen, dass ich das Fahrradfahren wieder verlernen kann.

Wie ich dann in den Supermarkt komme, um meine taufrischen Kenntnisse im Einkauf ausgewählter Delikatessen zur Zubereitung eines Festmahls einsetzen zu können, wenn Diesel und dann wohl auch andere Verbrennungsmotoren in der Stadt verboten sind und die Elektroautos nur auf mein Handy hören, das ich nicht finde weil ich mittlerweile sehr alt und ein bisschen tatterig bin, das, ja das steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Mai 2018

Die Tage lang, kurz glimmt die Nacht,
dass manchem Gefühl neu Feuer entfacht.
Die Bäume stehen, es fühlt sich so an,
als wenn Wiederkehrendes wieder begann.
Dabei ist’s noch nicht so weit,
die Welt, sie macht sich nur langsam bereit.

Nicht so der Mensch in ihr, hegt Wünsche, Träume,
und wartet ganz anders als die alten Bäume,
höchst ungeduldig auf deren Erfüllung,
Hatz das Gebot der Stunde und das der Stimmung.
Die Ferne das Ziel, auch da geht’s schnell hin,
je schneller man ist, desto größer der Zeitgewinn.

Andernorts Entschleunigung, die ihre Wirkung erst entfaltet,
wenn der Alltag sich anmaßt und wieder die Zeit gestaltet.
Lang Herbeigesehntes endet meist am schnellsten,
verachtet wird dann der große Zeitgewinn,
die gewonnene Zeit drei Runden im Sinn,
und man merkt: Zuhause scheint die Sonne am hellsten.

Jann-Luca Zinser

Wo die Gitarre ein Zuhause hat

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Die neue EP von Father Midnight ist da. Das ging schnell — ein Glück. 

Schon wieder Father Midnight, diesmal in: Wie das Leben spielt. Durch Zufälle bedingt bringen die drei Berliner Jungs keine zwei Monate nach der letzten schon die nächste EP. Name: had it coming. Der Korrektheit halber allerdings müsste man vom Plattencover zitieren. Father Midnight Had It Coming. Philipp Stolterfoht — Sänger, Gitarrist und Lyrizist des Trios — nämlich sagt, der Titel solle auch immer eine kleine Geschichte erzählen, wie schon bei der letzten Publikation Father Midnight Lost His Shit. Die Cover-Artworks sind selbst gestaltet, Bassist Jochen Stückrath und Philipp collagierten jeweils.

Nun also die neue EP mit neuem Material. Das hört klingt alles sehr eingespielt als Ganzes, keiner als wäre er ein Lückenfüller, sondern wohl erwählt. Ein Sound, der an Früheres erinnert, das höchstens aber als Inspirationsquelle diente, den Staub abgeschüttelt, ein ganz neuer Klang. Der Twang der Fender Jazzmaster unverkennbar. Für die Aufnahmen nutzte die Band DDR-Nachbauten von Verstärkern aus den Sixties, arbeitete dann zwar digital, für den finalen Sound aber noch mit Tape Recordern. Dafür zogen sich die drei in ein Haus in Brandenburg zurück, um ungestört vom Trubel der Großstadt fertig zu produzieren. Am Ende stehen vier Lieder, die Sound und Geist vergangener Tage transportieren, ohne die Zeit ihrer Entstehung zu verleugnen. Sehnsucht an Gewesenes wird überdeckt von der Freude, solche Töne frisch zu erleben.

Tom Shaked, seit Jahreswechsel der Drummer von Father Midnight, ist zum ersten Mal auf einem ihrer Records zu hören und fügt sich ganz wunderbar in den Klang ein, gibt den Takt an und lässt Luft für Philipps Kopfstimme, die, so sagt er selbst, mehr Kontrolle ermöglicht, auch wenn er auf der neuen EP hier und da mit tieferen Stimmlagen experimentiert. Schon bekannt von Lost His Shit, diesmal aber noch entschlossener umgesetzt sind die teilweise langen Soli. Father Midnight haben den Mut dazu, nehmen sich Zeit für ausgedehnte Gitarrenparts. Eine lang verloren geglaubte Kunst. Allein dafür gebührt ihnen alle Ehre im immer erlesener werdenden Kreis der Gitarrenmusik-Fans.

Das Bassy, ein Berliner Club in dem sie schon spielten, schloss gerade erst für immer die Türen. Solche Hiobsbotschaften halten sie aber nicht auf, die Antwort ist eine kreischende Klampfe und die Flucht nach vorne. Die nächste Veröffentlichung steht auch schon ins Haus: Am 20. Juli erscheint eine Split mit der Band Ryl — Auftritt in der Kantine am Berghain inklusive. Vielleicht übertönt die Gitarre an diesem Abend dann kurz die Bassboxen des Technoclubs. Nicht nur wegen der Insolvenz des legendären Gitarrenbauers Gibson das bitter nötige Lebenszeichen massivhölzerner Saiteninstrumente.

Der Song „Words“ von der neuen EP:  

Affig nicht, aber arktisch

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Da war die Indie-Welt noch in Ordnung. Auf dem neuen Album aber scheint das einstige Feuerwerk kühler Seriosität gewichen zu sein.

Punk’s not dead! Was da mal stimmte, kann man von Indie Rock nicht behaupten. Lange als letzte Instanz des Genres beschworen, wollten (oder mussten?) sich nun auch die Arctic Monkeys neu erfinden: Die neue Platte „Tranquility Base Hotel & Casino“ macht ihrem Namen alle Ehre, ruhig ist es geworden. Und nicht unbedingt auf die gute Weise.  

Elf neue Songs, auf die die Welt fünf Jahre wartete. Wohl eher mehr als weniger sehnsüchtig. Viel wurde vorher spekuliert, Frontmann Alex Turner entwickelte sich zuletzt schnell in eine neue Richtung, machte mit Miles Kane zusammen als „Last Shadow Puppets“ andere, aber durchaus gefällige Musik. Drummer Matt Helders war mit Iggy Pop und Josh Homme auf „Post Pop Depression“-Tour, der Rest widmete sich wohl auch familiären Dingen, die Schraddelbubis von einst sind Männer geworden, einige auch Väter.

Klar, da ändert sich vieles, am Ende wohl auch die Musik. Als Alex Turner nach der Bekanntgabe des sechsten Studioalbums wieder vermehrt in der Öffentlichkeit war, zeigte er sich mit langem, nach hinten gegeltem oder viel mehr pomadigem Haar und: Bart. Mittlerweile gibt es gar mehrere Petitionen pro Rasur. Aber spätestens da war klar, dass die Zeiten von „Mardy Bum“ und „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ endgültig Geschichte sind.

Das neue Album verschweigt keineswegs Turner’s musikalisches Genie, diesmal hat er viel mit dem Piano gearbeitet, wie er detailliert dem wenigstens in seiner Printausgabe scheidenden „Intro“-Magazin schildert. Das gibt dem Album eine gewisse Dramaturgie, wenngleich das Wundervolle dieses Instruments oft blass bleibt trotz hervorragenden Spiels. Irgendwie will der neue Weg sich nirgendwo Zuhause fühlen, was per se nichts Schlechtes ist, in diesem Fall aber kein Soundtrack zu irgendeiner Stimmung ist und das untergräbt fast den Urgedanken jeder Musik.

Reinhören sollte man trotzdem, „Golden Trunks“ hat ein fettes Riff parat, das aus einem Bond-Theme stammen könnte, von dem man sich nur mehr wünschen kann. Und „The Ultracheese“ lässt das Klavier endlich mal Klavier sein. Mehr zum Album in der Audioreview unter dem Text oder auf Spotify. Und bald auch an dieser Stelle mehr zu den Arctic Monkeys, wenn sie in Berlin gespielt haben.


  • Arctic Monkeys: „Tranquility Base Hotel & Casino“, erschienen bei Domino Records  
  • 22.05. Columbiahalle, Berlin
  • 23.05. Columbiahalle, Berlin  
  • 24.06. Hurricane Festival, Scheesel  
  • Mehr Tourdaten und Tickets

 

Wenn das Schlachten vorüber ist

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Udo Lindenberg mit Benjamin von Stuckrad-Barre und dem Ensemble bei „Panikherz“ am 29. April 2018 © Moritz Haase

Laut, leise, schnell und Leid: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie „Panikherz“ wird im Berliner Ensemble unter Regie von Oliver Reese aufgeführt.

Keine Panik, ich bin nur zappelig. Der Abgrund der Kokainsucht, dieser Droge, die eigentlich aufdrehen soll, Kreislauf anregt in ihrer Urform, Menschen zum Reden bringt, ist Müdigkeit. Regungslosigkeit. Tod. Wenn nicht physisch, nicht endgültig, dann wenigstens seelisch. Wenn es so etwas gibt. Sie macht dich zum Spießer. Sagt zumindest Benjamin von Stuckrad-Barre. Und der muss es ja wissen.

Sein autobiographisches Panikherz wird im Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht und wie sich das für ein solches Stück gehört, sollte man es natürlich an einem Wochenende besuchen, lieber ausschlafen und Tickets auf den letzten Drücker besorgen. Also die Kateraufführung. Da passiert sicher was. Wie sich das wohl anfühlt, das eigene Leben auf der Bühne zu sehen, selbst dargestellt zu werden von vielen, wie in einem schizophrenen Albtraum? Und wie erst, wenn es das Leben eines Freundes ist, das man da betrachtet, in einem dunklen Theatersaal und durch die Gläser einer eckigen Sonnenbrille?

Selbstbildnis erfordert Mut, der auf der Bühne nicht immer zu finden ist

Große Teile des Publikums an diesem lichtreichen Sonntagnachmittag sehen so aus, als kämen sie gerade aus dem Berghain. Spricht für die Theorien jener, die das Werk weniger als abschreckendes, pamphletisches Exempel denn viel mehr als Motivationsspritze für drogeninduzierten Absturz sehen. Für Berghaingänger ist das wohl höchstens Blasphemie. Panikherz hat es kaum gebraucht, um Stuckrad-Barre als den großartigen Beobachter zu outen, der er ohne jeden Zweifel ist. Panikherz legt aber, zumindest auf dieser Bühne an einem Sonntag in Berlin, dar, dass diese, seine Gabe bei dem Blick auf sich selbst ins Schwammige driftet.

Sein Innerstes nach außen zu kehren, zumal öffentlich, erfordert Mut, man setzt sich einigermaßen ungeschützt Unbekannten aus. Diesem Mut fehlt in der Darbietung hier und da ein authentisches Moment, der Funke will nicht immer überspringen. Zumindest wenn man die Geschichte kennt, Interviews mit Stuckrad-Barre, ältere wie jüngere Kommentare zum eigenen Leidensweg.

Den Teufelskreis der Süchte hat er schon weit vor der Fertigstellung dieser, ja, irgendwo Abrechnung mit sich selbst, erklärt: Eine Sucht bedingt die andere, will man von einer loskommen, braucht man stets eine neue. Diese Geschichte ist eine, die Uneingeweihte auf Distanz hält, Kenner wohl aber in ihren Bann zu ziehen vermag. Schwer zu sagen, wie groß der Graben zwischen dem Geschilderten und dem Berliner Nachtleben ist, das ja zumindest auf dem Papier Freude suggeriert. Diese Freude, der schnelle Weg dahin und zum schnellen Leben, wird im Großen Haus des Berliner Ensembles so zügig und kurzweilig dargestellt wie er ist, schnell eben und laut, und schrill.

Leider verfällt die Besetzung teils in zu zappeliges Auftreten, das weniger panisch als nervtötend wirkt, soll es auch sein, der Weg zur Affektiertheit aber ist mindestens als kein weiter zu erkennen. Das unterschiedliche Gebaren der vier Benjamins kennt gerade Nuancen, die durch die verschiedenen Phänotypen aber verstärkt werden, somit Zerrissenheit im gemeinsamen Sumpf durchaus symbolisieren können. Sie stellen je die verschiedenen Epochen dieses Lebens dar, die Phasen von Kindheit, Aufstieg, Fall und dem Geläuterten, wenn man das so nennen darf, von Heute dar, die Grenzen aber sind fluid und verschwimmen so wie die diversen Ichs die ein jeder in sich trägt.

Der Soundtrack überzeugt und auch Authentisches ward noch gefunden

Ein wirkliches Highlight ist vor allem auch die Musik, die Band, die Gitarre, schaffen einen eigenen Soundtrack auch mit bekannten Titeln für die Vita des Benjamin von Stuckrad-Barre. Auch die Darsteller singen, herausragend vor allem Carina Zichner. Einzig die Darbietung der Oasis-Hymne „Don’t Look Back In Anger“ von Nico Holonics kann keinem echten Fan der Britpop-Legenden gefallen, unsäglich ist das Cover gar. Holonics überzeugt dafür schauspielerisch umso mehr, nicht zuletzt seiner herausragenden Authentizität wegen .

Das Highlight bleibt dennoch anderen überlassen: Denn hinter der eckigen Sonnenbrille, ganz hinten im dunklen Saal, versteckte sich natürlich Udo Lindenberg, nebst dem Autoren höchstpersönlich. Den abschließenden Ringelpiez auf der Bühne lassen sich beide nicht entgehen, Udo trällert bassig wie eh noch etwas mit und vor sich hin, ehe sich die ganze Bagage, Regisseur Oliver Reese inklusive, selbst feiert auf dieser Bühne mit dem großen Perser und dem kleinen Balkon, der dem Chateau Marmont entnommen sein könnte. Ebendiesem Hotel, in dem das Buch einst entstand und die Freundschaft dieser beiden Ausnahmeerscheinungen in jeder Hinsicht blühte.

  • Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin 
  • nächste Aufführungen: 10.05., 22.05. und 27.06.2018 
  • Mehr Infos und Karten 

April 2018

Am Löwenzahn der Zeit wird jedes Leben noch zur Pusteblume

Wenn die Sonne strahlt, dass der Kopf ganz neblig ist,
der Löwenzahn blüht und die Gedanken frisst,
dann ist der Frühling leider ausgeblieben,
wurden der Pflanzen Blüten zu früh ausgetrieben.

Dabei hat diese Zeit des Jahres doch ihre ganz eigne Magie,
macht sanften Übergang für Mensch und Vieh,
die der Gewöhnung an das Wetter doch bedürfen,
bevor sie wieder Kaltes schlürfen.

Jetzt schon wieder vom Herbst zu sprechen,
scheint ob der lang gewordnen Tage ganz vermessen.
Doch ward auch der zuletzt häufiger vergessen,
als würd‘ die Natur sich für irgendwas rächen.

Unschuldslämmer gibt’s nur weidend auf den Wiesen,
die die Menschen mit ihrem Gifte gießen.
Damit die Obstbäume immer früher entbinden,
so wird der Mensch sein Ende als Fallobst finden.

Jann-Luca Zinser

Father, where have you been?

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Was der Musik in der letzten Dekade gefehlt hat? Die Frage trieb so manchen um, doch das Warten hat ein Ende, die Antwort ist gefunden: Father Midnight.  

Wo Rock’n’Roll ist, sind Sex und Drogen selten weit. Eine wahre Lendenfreude und Aufruf zum Exzess ist die EP „Lost His Shit“ von Father Midnight. Die drei Jungs aus Berlin zeigen testosterongeladen, wie gute Rockmusik auch mit nur einer Gitarre funktioniert. Dabei halten sie jedem Vergleich mit historischen Granden des Genres stand, schon weil sie ihn hinfällig machen. Wenn sie loslegen, möchte man am liebsten seinen nackten Körper an einem anderen reiben und der Vollendung der Ästhetik solch einer Situation halber im Zuge des Rausches einander vor die Füße kotzen. In der einen Hand ein Bier, in der anderen eine Flasche Whiskey. Kippe im Mund, Bier ins Gesicht.

Zur Einstimmung auf dieses Stück Musikgeschichte — das ist es, das wird es, da sind wir uns ganz sicher — wollen wir diese ein bisschen mitschreiben und haben „Lost his Shit“ in einer Audioreview besprochen. Hört auf Spotify oder direkt hier rein:


Father Midnight auf Bandcamp

 

Sommergäste gefangen im eigenen Wahnsinn

Sommergäste
Foto: Arno Declair

Im Deutschen Theater ist derzeit Maxim Gorkis „Sommergäste“ zu bewundern. Zeitlos, aber im Geiste der Moderne inszeniert. 

Es ist doch immer wieder beeindruckend, wie zeitlos Theaterstücke sein können. Ob geschrieben in Zeiten größter Gelassenheit oder in der Krise, manches, so scheint es, ändert sich eben nie. Die Inszenierungen vielleicht, sie werden drastischer. Oder doch das Publikum empfindlicher? In Gorkis’ „Sommergäste“, im Deutschen Theater inszeniert von Daniela Löffner, stimmt wohl beides.

Nachdem sich kurz vor der Pause des vier Stunden langen, aber äußert kurzweilig aufgeführten Dramas die Julija Filippowna, gespielt von Kathleen Morgeneyer, im Rahmen ihrer Gesangseinlage schwarze Farbe erst auf die Beine, dann in den Schritt schmiert, kehren nach dem erneuten Gong jedenfalls viele der Zuschauer nicht zurück in den Saal. Dabei war ihre Performance wahrlich eindrucksvoll. Im goldenen Paillettenkleid schreitet sie zum Mikrofon, das Gewand wirft Lichter zurück in den Saal wie eine Discokugel und ihr vormals zarter Charakter erfährt eine langsame, intensive Steigerung, um am Ende doch zu explodieren.

Dem Publikum den Rücken zugewandt, streift sich Morgeneyer die schmalen Träger des Kleides von den Schultern, die Erregung auf der Bühne wie im Publikum ist greifbar, selbst bei den anderen Darstellern hat man das Gefühl, dass sie nicht wissen, ob sie sich umdrehen wird.

Komisch bis bissig auch in der aktuellen Debatte um Mann und Frau  

Sie dreht sich um. Schwarze Tassels verdecken die Brustwarzen an ihrem unglaublich drahtigen, muskulösen und hocherotischen Körper. Zuckend — kein orgasmisches Zucken, wohlgemerkt — vollendet sie großartig singend die Performance, die Aufführung in der Aufführung. Die Geschichte an sich aber funktioniert sprachlich wie inhaltlich auch im Heute, Sätze aus dem Vorabend der Revolution zitierend genauso wie pointierte Sprüche aus dem Jetzt.

Maxim Gorki wusste schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die moralische Zerrissenheit der Bourgeoisen und um die Stärke der Frauen, die gerade in dieser Zerrissenheit umso mehr zutage tritt. Regisseurin Löffner weiß das komisch bis bissig auch in die aktuelle Debatte um Mann und Frau zu integrieren. Auch die anderen, größtenteils aus dem Ensemble des Deutschen Theaters bekannten Darsteller wissen zu überzeugen mit jeder Menge Witz, bisweilen mit Tragik ihrer Figur wie in der ödipalen Beziehung des jungen Wlas (Marcel Kohler) zur älteren Schon-Mutter Marja Lwowna (Regine Zimmermann).

Die ständige Präsenz aller auf der Bühne, einem bronzenen Kasten, führt zu einer im besten Sinne kleinteiligen weil somit kurzweiligen Darbietung, die nicht mit Spannung und nie mit Gesellschaftskritik geizt.

  • Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, 10117 Berlin  
  • nächste Aufführungen: 18.04., 05. und 20.05.2018  
  • Mehr Infos

Ostern für das deutsche Fernsehen

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In Deutschland scheint es endlich bergauf zu gehen in der öffentlich-rechtlichen Fernsehlandschaft. Denn neu ist: einige Formate machen wirklich Spaß. Über eine Renaissance   

Es geht also doch. Nach Jahren unbändiger Langeweile und pünktlich kurz nach der größten Diskussion um öffentlich-rechtliche Sendeanstalten mindestens der vergangenen Dekade zeigen ebenjene nach ersten Andeutungen immer mehr ihr wahres Potential. Auf einmal wird über deutsche Serien geredet. Nicht nur weil sie gesehen werden, nein, weil sie wirklich gut sind.

Sogar gute Tatorte gibt es plötzlich. Klar, die Filmreihe hat Tradition, vor allem Sonntagabend auf deutschen Sofas. Wenigstens angerostet war sie aber auch, je nach Ort und Ermittlern auch schon durchoxidiert bis porös. Dann merkte man sehr spät, dass die Münsteraner Ausgabe mit den überbordenden Komikelementen erfolgreich ist und übertrug das Konzept nach Weimar, das ja sowieso sowas ist wie das Münster des Ostens. Nur eben in klein. Und anders. Da ermitteln dann sympathische Ermittler sympathisch halboriginelle Fälle inklusive vorhersehbarer Entwicklung und Ende mit Augenzwinkern.

Tatort mit Bier: Der Sonntagabend in Berlin

Gute Filme sind das nicht. Sie entlassen die Deutschen aber mit einem guten Gefühl aus dem Wochenende und haben es irgendwie geschafft, auch in der jüngeren Generation Kultstatus zu wecken. Tatort-Public-Viewing mit Bier am Sonntag Abend — im Berliner Nexus lässt man so ein langes Clubwochenende ausklingen. Was wurde diskutiert jahrelang, die kreative Mutlosigkeit moniert im allabendlichen Fernsehprogramm. Welch abstruse Vorschläge wurden gemacht, ein jüngeres Publikum anzusprechen, welch wahnwitzige wurden umgesetzt.

Soziale Medien hingen wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Intendanzen, wie ließen sich diese Menschen nur erreichen, die beim Fernsehen nicht aufhören ihr vollendetes Lebensglück in stets scheiternder Konzentration auf mindestens zwei Bildschirme zu suchen? Dabei war die Antwort immer ganz einfach: Einfach gute Inhalte schaffen. Okay, so leicht ist es nicht nach Jahren des Dosenbiers in der immer selben fleckigen Jogginghose auf der immer selben fleckigen Couch, wieder Ansprüche an sich selbst zu formulieren.

Klägliche Versuche folgten, Serien zu etablieren, die so sehr US-Abklatsch waren, dass sie alleine nicht hätten geradeaus laufen können wie die unsägliche ZDF-Produktion „Morgen hör ich auf“, die ob mangelnden Witzes nicht einmal als Klamauk durchging. „Die Lobbyistin“, die pünktlich zur Produktion der sechsten Staffel des das Genre im Mainstream erfolgreich machenden Politdramas „House of Cards“ erschien und ebendessen Titelmelodie nicht nur etwas zu sehr zum Vorbild nahm.

Vom Regen in die Traufe und dann mit Anlauf raus aus dem Loch  

Aber kurz bevor sich die deutsche Fernsehwelt endgültig lächerlich zu machen schien — an Geld und guten Schauspielern mangelt es schließlich nicht — erhob man sich aus der Senke. Etwa der rbb mit dem Berliner Tatort, der zwar schon seit 2015 mit den aktuellen Ermittlern läuft, sich und die eigene, fortlaufende Geschichte aber beständig weiterentwickelt und einen ersten Höhepunkt in der Berlinale-Folge „Meta“ fand, die pünktlich zum Filmfest Mitte Februar erstausgestrahlt wurde. Die Episode hat Spielfilm-Qualitäten, birgt tatsächlich unerwartete Elemente. In einem Tatort!

Und die Entscheidung, die Geschichte um die Ermittler abseits des aktuellen Falles weiterzuspinnen, erweist sich als absoluter Glücksgriff: die Charaktere entwickeln sich, müssen sich nicht auf plumpe weil kurz gedachte Züge beschränken. „Meta“ kann auch als Zitat bis Hommage an Scorseses „Taxi Driver“ verstanden werden, man bedient sich auch der grandiosen Filmmusik des Klassikers und bindet sie teils famos in die Szenerie des Krimis ein. Dazu endlich gewitzte Drehbücher, die nicht jeden einzelnen Joke zelebrieren als wenn es der letzte wäre. Subtil verpackt, unmittelbar zurück in die Handlung. Das ist anspruchsvoll, macht den Zuschauenden aber — oder gerade deswegen — einfach Spaß.

Wir konnten es einfach nicht  

Ein anderes gutes Beispiel ist „Bad Banks“ im ZDF. Andreas Schreitmüller von arte, die als Kooperationspartner an der Entstehung der Serie beteiligt waren, sagt dazu: „Noch bis vor kurzem war das Lamento der deutschen Fernsehkritik einhellig: „Warum sind deutsche Serien so mies?“ (Der Spiegel), „Regelmäßig enttäuschen Fernsehserien.“ (FAZ), „Wir können es einfach nicht.“ (taz), „Erzählnotstand.“ (SZ). Gemeint war die in der Tat rätselhafte Absenz deutscher horizontal erzählter Serien auf dem internationalen Markt. Doch das ist Vergangenheit! Cineasten haben sich nun auch in Deutschland des seriellen Formats angenommen und nutzen das hohe professionelle Niveau der fiktionalen Produktion hierzulande.“

Und er hat recht. „Bad Banks“ strotzt vor neuem Selbstbewusstsein. Die bislang sechs Episoden, eine zweite Staffel ist bereits bestellt, rollen actionreich die Facetten des Investmentbankings auf, hier und da sicher überzogen, immer schnell, international. Letzteres auch wegen der erfrischenden Darsteller. So kann es gerne weitergehen. Hoffentlich geht die Puste nicht so schnell aus.