#2 Von Holländern und Klienten

Ein guter Freund von mir weilt von Berufswegen gerade in China. Wir kommunizieren unregelmäßig häufig über Facebook, Telefonieren wäre zu teuer. Er sagt dann oft, dass er sehr einsam sei. So oft man das in drei Wochen, die er jetzt da ist, sagen kann. Er ist der Landessprache (noch lange) nicht mächtig, bei der Arbeit sprechen zwei Vorgesetzte sehr gebrochenes Englisch, ab und zu trifft er zwei ständig betrunkene Holländer, die er vor Ort kennengelernt hat. Da kann man sich schon mal einsam fühlen.

Um ihn etwas aufzuheitern habe ich ihm dann vorgeschlagen, dass wir ja mal über Skype gemeinsam einen trinken könnten. Vielleicht während eines Fußballspiels, auch wenn das bei ihm dann mitten in der Nacht wäre, er müsste es wenigstens nicht alleine tun. Nicht, dass er wie die Holländer endet, dachte ich, und die waren wenigstens zu zweit. Das ist ja das Tolle an so einem Videochat — ist der Bildschirm groß genug, glaubt man nach dem dritten Bier man wäre tatsächlich in ein und dem selben Raum. Mein Freund aber erwiderte, sichtlich oder viel mehr seinem Online-Duktus entnehmbar geknickt, das ginge nicht, dafür reiche die Verbindung über seinen VPN-Client nicht.

Zinser, dachte ich, das hast du schon mal gehört. So ein Ding brauchtest du, um auf die digitale Bibliothek deiner Universität zugreifen zu können. Das hat auch immer geklappt. Zinser, dachte ich dann, verstanden hast du das aber nie. Das erste Google-Ergebnis macht schlauer: „VPN steht für ‚Virtual Private Network‘ und beschreibt ursprünglich eine Technik, die es Ihnen erlaubt, von jedem Ort auf der Welt sicher auf Ressourcen in Ihrem privaten Netzwerk zuzugreifen.“

Dann fällt mir ein, dass ich das in der taz auch schon mal aufgeschnappt habe. Als es darum ging, mit meinem privaten Rechner (sagt man das noch: Rechner?) oder vielmehr Laptop ins Redaktionssystem zu gelangen, weil der festinstallierte im Büro mir den Dienst verweigerte. Da hieß es auch: „Du brauchst einen VPN-Client.“ So weiß Wikipedia, die freie Enzyklopädie: „Beispielsweise kann der Computer eines Mitarbeiters von Zuhause aus Zugriff auf das Firmennetz erlangen, gerade so, als säße er mittendrin.“

Apropos: Im Rahmen des Umzuges der taz werden gerade Bücher ausgemistet, so auch ein etwa 40-Bändiger Brockhaus. Wer den zu Flohmarktzwecken aus dem vierten ins Erdgeschoss getragen hat, dankt Gott oder dem Internet oder beiden für Wikipedia. Aber zurück nach China: Weil da ja gängige Netzwerke wie Facebook und Co. nicht erlaubt sind, funktionieren sie ganz einfach auch nicht. Es sei denn — Trommelwirbel — man nutzt eben so einen VPN-Client. Der wiederum, erklärt mein Freund mir salopp, lässt den Speed des Internets ganz schön leiden.

So sehr, dass die Kommunikation über Facebook schon am Rande des Erträglichen vorbei schrammt. So wie hier mit gedrosseltem Internet? frage ich ihn. So wie in Deutschland mit gedrosseltem Internet. sagt er, schreibt er, alles in Kleinschrift und ohne Satzzeichen. Ich übrigens auch. Ihn mache das wahnsinnig, er tue das nur, damit ich mich nicht so einsam fühle. Aber ich könne wenigstens deutsches Bier trinken, das in China sei nicht so seins. Und Pornos gucken. Die gehen nämlich auch nicht, trotz VPN-Client.  

#1 Über Kochen und Fahrradfahren

Wenn ich überlege, wie man die eigene digitale Legasthenie, die gefühlte Legasthenie, in Worte fassen kann, ist der erste Impuls doch der, dass zu Instagrambildern von Mittagessen alles gesagt wurde. Und was haben wir gelacht. Dann aber macht sich Hunger breit und ich stelle mittelmäßig erstaunt fest, dass zu Mittagessen niemals alles gesagt sein kann, schließlich kommt der Hunger immer wieder und auch Essen ist vielfältig genug, um kilometerweise Regale mit Kochbüchern zu füllen. Nur dass die eben keiner mehr liest. Außer meine Oma vielleicht.

Aber die versteht Instagram auch nicht, das haben wir gemeinsam. Umso besser aber kann sie mit dem Thermomix umgehen, das hat sie mir voraus und der ist neuerdings auch digital geworden. Mit Farbbildschirm. „Digitales Kochen“ nennt der Hersteller das, „Guided-Cooking-Funktion“, ein Online-Rezeptarchiv inspiriert mit famosen Gerichten und über W-LAN wird dann die Anleitung auf das Display geschickt. Erlebniskochen also, ich dachte immer so nennt man das, was Köche in Dunkelrestaurants veranstalten oder Messerwurftricks beim Akt der Zubereitung.

Ich weiß nicht, ob meine Oma das neueste Modell hat, ich glaube aber nicht, das ginge ihr wohl zu weit. Spätestens wenn man Fotos von Essen auf Instagram an den Thermomix schicken kann, der das wiederum in Sekundenbruchteilen analysiert und das passende Rezept anzeigt, ohnehin alles selber zubereitet und dank des Smart-Fridges, dem ach so intelligenten Kühlschrank, direkt noch eine Mitteilung aufs Smartphone sendet, damit man von unterwegs noch schnell die fehlenden Zutaten online ordern kann. Falls der Kühlschrank das noch nicht alleine kann. Spätestens dann hat meine Oma die Schnauze voll.

Hilflos wird sie sein ob der ganzen Hilfe. Sie hat ja gelernt zu kochen. Das ist, als würde man versuchen das Fahrradfahren wieder zu verlernen. Und bis ich mir einen Thermomix mit Farbdisplay und einen smarten Kühlschrank leisten kann, der mit Kamerasystem das eigene Innenleben überwacht um sich und (hoffentlich nur) auf Wunsch auch mich ständig darüber informieren zu können was ihm denn fehlt, bin ich wohl auch so gut im Einkauforganisieren und Selberkochen, dass ich das Fahrradfahren wieder verlernen kann.

Wie ich dann in den Supermarkt komme, um meine taufrischen Kenntnisse im Einkauf ausgewählter Delikatessen zur Zubereitung eines Festmahls einsetzen zu können, wenn Diesel und dann wohl auch andere Verbrennungsmotoren in der Stadt verboten sind und die Elektroautos nur auf mein Handy hören, das ich nicht finde weil ich mittlerweile sehr alt und ein bisschen tatterig bin, das, ja das steht auf einem anderen Blatt geschrieben.