Wenn das Schlachten vorüber ist

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Udo Lindenberg mit Benjamin von Stuckrad-Barre und dem Ensemble bei „Panikherz“ am 29. April 2018 © Moritz Haase

Laut, leise, schnell und Leid: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie „Panikherz“ wird im Berliner Ensemble unter Regie von Oliver Reese aufgeführt.

Keine Panik, ich bin nur zappelig. Der Abgrund der Kokainsucht, dieser Droge, die eigentlich aufdrehen soll, Kreislauf anregt in ihrer Urform, Menschen zum Reden bringt, ist Müdigkeit. Regungslosigkeit. Tod. Wenn nicht physisch, nicht endgültig, dann wenigstens seelisch. Wenn es so etwas gibt. Sie macht dich zum Spießer. Sagt zumindest Benjamin von Stuckrad-Barre. Und der muss es ja wissen.

Sein autobiographisches Panikherz wird im Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht und wie sich das für ein solches Stück gehört, sollte man es natürlich an einem Wochenende besuchen, lieber ausschlafen und Tickets auf den letzten Drücker besorgen. Also die Kateraufführung. Da passiert sicher was. Wie sich das wohl anfühlt, das eigene Leben auf der Bühne zu sehen, selbst dargestellt zu werden von vielen, wie in einem schizophrenen Albtraum? Und wie erst, wenn es das Leben eines Freundes ist, das man da betrachtet, in einem dunklen Theatersaal und durch die Gläser einer eckigen Sonnenbrille?

Selbstbildnis erfordert Mut, der auf der Bühne nicht immer zu finden ist

Große Teile des Publikums an diesem lichtreichen Sonntagnachmittag sehen so aus, als kämen sie gerade aus dem Berghain. Spricht für die Theorien jener, die das Werk weniger als abschreckendes, pamphletisches Exempel denn viel mehr als Motivationsspritze für drogeninduzierten Absturz sehen. Für Berghaingänger ist das wohl höchstens Blasphemie. Panikherz hat es kaum gebraucht, um Stuckrad-Barre als den großartigen Beobachter zu outen, der er ohne jeden Zweifel ist. Panikherz legt aber, zumindest auf dieser Bühne an einem Sonntag in Berlin, dar, dass diese, seine Gabe bei dem Blick auf sich selbst ins Schwammige driftet.

Sein Innerstes nach außen zu kehren, zumal öffentlich, erfordert Mut, man setzt sich einigermaßen ungeschützt Unbekannten aus. Diesem Mut fehlt in der Darbietung hier und da ein authentisches Moment, der Funke will nicht immer überspringen. Zumindest wenn man die Geschichte kennt, Interviews mit Stuckrad-Barre, ältere wie jüngere Kommentare zum eigenen Leidensweg.

Den Teufelskreis der Süchte hat er schon weit vor der Fertigstellung dieser, ja, irgendwo Abrechnung mit sich selbst, erklärt: Eine Sucht bedingt die andere, will man von einer loskommen, braucht man stets eine neue. Diese Geschichte ist eine, die Uneingeweihte auf Distanz hält, Kenner wohl aber in ihren Bann zu ziehen vermag. Schwer zu sagen, wie groß der Graben zwischen dem Geschilderten und dem Berliner Nachtleben ist, das ja zumindest auf dem Papier Freude suggeriert. Diese Freude, der schnelle Weg dahin und zum schnellen Leben, wird im Großen Haus des Berliner Ensembles so zügig und kurzweilig dargestellt wie er ist, schnell eben und laut, und schrill.

Leider verfällt die Besetzung teils in zu zappeliges Auftreten, das weniger panisch als nervtötend wirkt, soll es auch sein, der Weg zur Affektiertheit aber ist mindestens als kein weiter zu erkennen. Das unterschiedliche Gebaren der vier Benjamins kennt gerade Nuancen, die durch die verschiedenen Phänotypen aber verstärkt werden, somit Zerrissenheit im gemeinsamen Sumpf durchaus symbolisieren können. Sie stellen je die verschiedenen Epochen dieses Lebens dar, die Phasen von Kindheit, Aufstieg, Fall und dem Geläuterten, wenn man das so nennen darf, von Heute dar, die Grenzen aber sind fluid und verschwimmen so wie die diversen Ichs die ein jeder in sich trägt.

Der Soundtrack überzeugt und auch Authentisches ward noch gefunden

Ein wirkliches Highlight ist vor allem auch die Musik, die Band, die Gitarre, schaffen einen eigenen Soundtrack auch mit bekannten Titeln für die Vita des Benjamin von Stuckrad-Barre. Auch die Darsteller singen, herausragend vor allem Carina Zichner. Einzig die Darbietung der Oasis-Hymne „Don’t Look Back In Anger“ von Nico Holonics kann keinem echten Fan der Britpop-Legenden gefallen, unsäglich ist das Cover gar. Holonics überzeugt dafür schauspielerisch umso mehr, nicht zuletzt seiner herausragenden Authentizität wegen .

Das Highlight bleibt dennoch anderen überlassen: Denn hinter der eckigen Sonnenbrille, ganz hinten im dunklen Saal, versteckte sich natürlich Udo Lindenberg, nebst dem Autoren höchstpersönlich. Den abschließenden Ringelpiez auf der Bühne lassen sich beide nicht entgehen, Udo trällert bassig wie eh noch etwas mit und vor sich hin, ehe sich die ganze Bagage, Regisseur Oliver Reese inklusive, selbst feiert auf dieser Bühne mit dem großen Perser und dem kleinen Balkon, der dem Chateau Marmont entnommen sein könnte. Ebendiesem Hotel, in dem das Buch einst entstand und die Freundschaft dieser beiden Ausnahmeerscheinungen in jeder Hinsicht blühte.

  • Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin 
  • nächste Aufführungen: 10.05., 22.05. und 27.06.2018 
  • Mehr Infos und Karten 

Engagement macht frei!

Am 08. Februar hat Robert Menasse in Berlin über seinen preisgekrönten Europa-Roman „Die Hauptstadt“ gesprochen und daraus vorgelesen. Die Quintessenz: ein unglückliches Format tut seinem Buch keinen Abbruch.

Das Atrium der Deutschen Bank. Ein ökonomisch-dogmatisch gestriegelter Veranstaltungsort, an dem Robert Menasse, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017, dem radioeins-Literaturagenten Thomas Böhm Rede und Antwort steht. Und aus seinem preisgekrönten Werk „Die Hauptstadt“ liest.

Gekünstelte Altbaufassaden umgeben das Publikum, echte Altbauten waren das nie, und ein Glasdach hält sie zusammen. Ein Deutsche-Bank-Angestellter im Designeranzug eröffnet das rein kulturelle Interesse der hauseigenen Stiftung, die auch Hauptsponsor des Deutschen Buchpreises ist. Es riecht nach einer Pflichtveranstaltung für den letztjährigen Gewinner.

Die Akustik ist mies. Schwer verständlich also eröffnet der radioeins-Mann Böhm den Talk über Menasses Europa-Roman mit einem Witz: „Heute dürfen nur Handys stören, deren Klingelton ‚Eine Ode an die Freude‘ ist.“ Er biedert sich schon sehr an. Das Gespräch aber ist interessant, der Wiener Autor erzählt freigiebig über die Entstehung, die Recherche: Frei nach dem Motto „kannste einen, kannste alle“ habe er zahlreiche Kontakte der Eurokratie gemacht.

Roter Faden und Recherche  

Die Frage nach derer Literaturfähigkeit stellte sich ihm nur anfangs, viel warm gegessen habe er bei all den Treffen. Sympathisch tritt Menasse auf, gefragt nach dem durch Brüssel rennenden Schwein, einem stringenten, verbindenden Element in seinem Roman, gesteht er, nicht mehr zu wissen wie es zu der Idee kam. Das Schwein halte aber als Metapher für quasi alles her: Glücksschwein und Drecksau, Nazisau bis Judenschwein. Kulturell Ambivalent und doch universal.

Und neben dem Schwein als roten Faden hält es auch sinnbildlich für die aktuelle EU-Politik her. Viele Ressorts mit verschiedenen Zielen suchen vergeblich nach einer Lösung für die Zucht, den Binnenmarkt und nicht zuletzt den Export. Könnte hier nur auch ein Schwein das konnektive Element sein.

Als käme Robert Menasse nun umhin, die Eingangssequenz mit dem Schwein zu verlesen. Dabei wurde durch die ausführliche Diskussion im Vorhinein doch jede Spannung genommen. Er tut es trotzdem, gezwungenermaßen, und mit Wiener Akzent lässt sich doch alles irgendwie genießen, Schmunzeln gehört einfach dazu.

Windbeutel in Brüssel und Wien – und an der Macht  

Dann wird wieder geredet, über europäische Politik, über österreichische, über Sebastian Kurz, den neuen, jungen Kanzler, der ob seines um nationale Beschwichtigung bemühtes, teils gekünstelt verlogenes Verhaltens während seiner Zeit als Außenminister der Alpenrepublik in Brüssel laut Menasse hauptsächlich als Windbeutel bekannt ist.

Um szenisch auf seine nächste Leseprobe zu lenken, wird wie im Buch auch Auschwitz thematisiert. Er war selbst am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers vor Ort, der eigentlich irgendwelchen Delegationen vorbehalten ist. Der Autor rekapituliert die Geschichten, die auch den Weg in „Die Hauptstadt“ gefunden haben: Der Kaffeeautomat der Marke „Enjoy“, die einlassgewährenden Badges, die mit einer Aufschrift signalisieren, dass ihr Verlust dem der Aufenthaltsgenehmigung gleichkäme.

Rauchen macht frei  

Ungewollte Komik. Und dann liest er wieder vor. Und hinter ihm steht im Scheinwerferlicht ein Banner der Deutschen Bank Stiftung mit den Insignien der reibeisenbehandelten Fingerspitzen. „Engagement überwindet Grenzen“ klingt wie das ins 21. Jahrhundert beförderte Dogma der nationalsozialistischen Deportationslager, über deren Toren „Arbeit macht frei“ prangte.

Scheint niemandem aufgefallen zu sein. Außer Robert Menasse: Komisch ist eben die Realität. Wie auch die EU, deren Idee auf den Schrecken des Zweiten Weltkrieges fußt und die in jeder Sekunde verteidigt werden muss. Auch wenn es den Status Quo zu kritisieren gilt, und das tut Menasse, in seinem wirklich großartigen Roman genauso wie am Mikrofon. Das ist sein Thema, er verficht es zum Letzten, könnte sicher ewig weiterreden. Aber jetzt braucht Robert Menasse erstmal eine Zigarettenpause.