Wo die Gitarre ein Zuhause hat

a0707817835_16-2.jpg

Die neue EP von Father Midnight ist da. Das ging schnell — ein Glück. 

Schon wieder Father Midnight, diesmal in: Wie das Leben spielt. Durch Zufälle bedingt bringen die drei Berliner Jungs keine zwei Monate nach der letzten schon die nächste EP. Name: had it coming. Der Korrektheit halber allerdings müsste man vom Plattencover zitieren. Father Midnight Had It Coming. Philipp Stolterfoht — Sänger, Gitarrist und Lyrizist des Trios — nämlich sagt, der Titel solle auch immer eine kleine Geschichte erzählen, wie schon bei der letzten Publikation Father Midnight Lost His Shit. Die Cover-Artworks sind selbst gestaltet, Bassist Jochen Stückrath und Philipp collagierten jeweils.

Nun also die neue EP mit neuem Material. Das hört klingt alles sehr eingespielt als Ganzes, keiner als wäre er ein Lückenfüller, sondern wohl erwählt. Ein Sound, der an Früheres erinnert, das höchstens aber als Inspirationsquelle diente, den Staub abgeschüttelt, ein ganz neuer Klang. Der Twang der Fender Jazzmaster unverkennbar. Für die Aufnahmen nutzte die Band DDR-Nachbauten von Verstärkern aus den Sixties, arbeitete dann zwar digital, für den finalen Sound aber noch mit Tape Recordern. Dafür zogen sich die drei in ein Haus in Brandenburg zurück, um ungestört vom Trubel der Großstadt fertig zu produzieren. Am Ende stehen vier Lieder, die Sound und Geist vergangener Tage transportieren, ohne die Zeit ihrer Entstehung zu verleugnen. Sehnsucht an Gewesenes wird überdeckt von der Freude, solche Töne frisch zu erleben.

Tom Shaked, seit Jahreswechsel der Drummer von Father Midnight, ist zum ersten Mal auf einem ihrer Records zu hören und fügt sich ganz wunderbar in den Klang ein, gibt den Takt an und lässt Luft für Philipps Kopfstimme, die, so sagt er selbst, mehr Kontrolle ermöglicht, auch wenn er auf der neuen EP hier und da mit tieferen Stimmlagen experimentiert. Schon bekannt von Lost His Shit, diesmal aber noch entschlossener umgesetzt sind die teilweise langen Soli. Father Midnight haben den Mut dazu, nehmen sich Zeit für ausgedehnte Gitarrenparts. Eine lang verloren geglaubte Kunst. Allein dafür gebührt ihnen alle Ehre im immer erlesener werdenden Kreis der Gitarrenmusik-Fans.

Das Bassy, ein Berliner Club in dem sie schon spielten, schloss gerade erst für immer die Türen. Solche Hiobsbotschaften halten sie aber nicht auf, die Antwort ist eine kreischende Klampfe und die Flucht nach vorne. Die nächste Veröffentlichung steht auch schon ins Haus: Am 20. Juli erscheint eine Split mit der Band Ryl — Auftritt in der Kantine am Berghain inklusive. Vielleicht übertönt die Gitarre an diesem Abend dann kurz die Bassboxen des Technoclubs. Nicht nur wegen der Insolvenz des legendären Gitarrenbauers Gibson das bitter nötige Lebenszeichen massivhölzerner Saiteninstrumente.

Der Song „Words“ von der neuen EP:  

Father, where have you been?

10749914_1513853312214082_8268765550647216071_o

Was der Musik in der letzten Dekade gefehlt hat? Die Frage trieb so manchen um, doch das Warten hat ein Ende, die Antwort ist gefunden: Father Midnight.  

Wo Rock’n’Roll ist, sind Sex und Drogen selten weit. Eine wahre Lendenfreude und Aufruf zum Exzess ist die EP „Lost His Shit“ von Father Midnight. Die drei Jungs aus Berlin zeigen testosterongeladen, wie gute Rockmusik auch mit nur einer Gitarre funktioniert. Dabei halten sie jedem Vergleich mit historischen Granden des Genres stand, schon weil sie ihn hinfällig machen. Wenn sie loslegen, möchte man am liebsten seinen nackten Körper an einem anderen reiben und der Vollendung der Ästhetik solch einer Situation halber im Zuge des Rausches einander vor die Füße kotzen. In der einen Hand ein Bier, in der anderen eine Flasche Whiskey. Kippe im Mund, Bier ins Gesicht.

Zur Einstimmung auf dieses Stück Musikgeschichte — das ist es, das wird es, da sind wir uns ganz sicher — wollen wir diese ein bisschen mitschreiben und haben „Lost his Shit“ in einer Audioreview besprochen. Hört auf Spotify oder direkt hier rein:


Father Midnight auf Bandcamp

 

The Deconstruction der Eels

eels-the-deconstruction

Oder auch: Schnarchen in 15 Songs

„Life is hard and so am I.
You’d better give me something so I don’t die.“

Mit diesen Worten starteten die Eels vor über 20 Jahren ihr wohl bestes Album Beautiful Freak.  Inzwischen scheinen sie recht viel vom falschen „Something“ bekommen zu haben und dennoch ein hartes Leben zu führen. Denn  „The Deconstruction“ ist eine melancholische Schlaftablette, die verschwurbelnd, verkomplizierend und überproduziert keinen Aal mehr aus seiner Höhle locken kann.

Ähnlich gut wie der Wortwitz mit dem Aal (englisch: Eel) sind übrigens auch die Texte einiger der deutlich zu lang geratenen Songs auf „The Deconstruction“. Glaubt ihr nicht? Bitteschön:

I love that you’re my best friend and my wife
And I love our little family and our life

Was es sonst noch so zu „The Deconstruction“ von den Eels zu sagen gibt und ob die ganze Redaktion das so sieht, hört ihr in dieser aktuellen Audio Review von „Konzeptfreiheit bespricht“. Direkt im Player unter diesen Zeilen, oder auf Spotify.


Eels live 2018:

  • 25.06. München, TonHalle
  • 26.06. Köln, E-Werk
  • 28.06. Berlin, Tempodrom
  • 29.06. Hamburg, Mehr!Theater

 

George soll mal bei Tamara bleiben

9753258414_97c77b2eb0_o

Kennt ihr das? Der Motor will nicht so richtig durchstarten? Er schnoddert, stöhnt und ächtzt, nur kurz heult er richtig auf. Und am Ende ist dann doch nicht genug Power da, um das Auto zur nächsten Kneipe zu bringen. Ähnlich verhält es sich mit dem neuen Album „Staying at Tamaras“ von George Ezra. Wer das so noch nicht versteht, der sollte in die neue Folge „Konzeptfreiheit bespricht“ reinhören! Denn: ob „Paradise“ oder All my Love“ als Kickstarter des Albums taugen, hört ihr in der Review: George Ezra – „Staying At Tamara’s“.

Von den Fratellis nichts Neues

3085038519_e381fcd205_o

Review zum Hören: „In Your Own Sweet Time“ von den Fratellis

Wie viel Teenagerschweiß die Fratellis mit ihren Indiehüpfhymnen bereits vergossen haben, lässt sich nur schwer einschätzen. Mit ihren ersten beiden Alben haben die „Gebrüder“ (das bedeutet der Bandname nämlich ins Deutsche übersetzt) aber anscheinend sämtliche Asse ausgespielt, die sie in ihren engen Indiehemdsärmeln verstecken konnten. Nach den Scheiben „Costello Music“ und „Here We Stand“ kam nämlich: gar nichts mehr. Und so geht es auch mit den neuen Tracks auf „In Your Own Sweet Time“ weiter. Was genau da schief lief und ob man die ehemaligen Helden trotzdem noch gern haben, das kann erfahrt ihr in dieser liebevollen Audiofolge von „Konzeptfreiheit bespricht“.


  • The Fratellis: „In Your Own Sweet Time“, erschienen bei Cooking Vinyl
  • bislang keine Tourtermine für Deutschland

Nautiker im Weltraum?

Decemberists Concert

Review zum Hören: The Decemberists mit „I’ll Be Your Girl“

Seit Jahren erzählen sie immer wieder das gleiche, gefällige Seemannsgarn. The Decemberists nehmen mit in die Welt von verlassen Witwen, verschollenen Matrosen und Menschen die in Walfischen leben. Und auch in Liebesangelegenheiten sind die Jungs aus Portland an vieler Playlist Bord. Da machte es auch gar nichts, einige Jahre auf neuen Stoff zu warten, denn ein wahrer Kapitän muss ja erst was erleben bevor er darüber singen kann. Und jetzt das: Es soll Schluss sein mit dem altgedienten Schema der folkigen Träumereien! Poppig sollte die Neue sein, mit viel spacigem Synthie. Viele, vor allem Indiebands, sind so schon zugrunde gegangen. Zu viele!

Was  rauskam, als wir uns endlich getraut hatten den Playbutton zu drücken, das erfahrt ihr in dieser Audioreview zu „I’ll Be Your Girl“ von den Decemberists:


  • The Decemberists: „I’ll Be Your Girl“, erschienen bei Capital Records / Rough Trade (Europa)
  • 16.11.18 Berlin – Astra Kulturhaus
  • Mehr Tourdaten

Schall ohne Rauch

The_Wake_Woods_–_Metal_Monday_2016_03

The Wake Woods spielen im Berliner Musik & Frieden. Ein neues Album im Gepäck, eine Menge Gitarren und noch mehr Energie. Laut war es. Und gut.  

Schade, dass man im Musik & Frieden in Berlin-Kreuzberg nicht rauchen darf. Der ehemalige Magnet-Club an der Oberbaumbrücke ist nämlich eine exzellente Location für kleinere Konzerte. Leider ist die Bar unterbesetzt mit wenig freundlichem Personal, verständlich, wenn man zu zweit einem größeren Ansturm gerecht werden soll. Da kriegt man schon mal schlechte Laune.

Zum Glück gibt es die Baumhaus-Bar ein Stockwerk weiter oben. Die ist während eines Konzertes nicht nur angenehm leer, hier darf auch geraucht werden und die fähigen Barkeeper machen ziemlich gute Drinks, empfehlen auch mal was und die Auswahl ist solide. Aber zurück vor die Bühne: Die Akustik überzeugt hier meist, so auch heute, als The Wake Woods spielen.

So gut, dass man die Lautstärke überhört  

Das Berliner Quartett hat gerade die zweite Platte „Blow Up Your Radio“ veröffentlicht und ist jetzt auf Tour. Schnell wird klar: Es braucht auch 2018 nicht mehr als zwei Gitarren, Schlagzeug und einen bassspielenden Schreihals, um gute Musik zu machen. Dass der Auftritt ohrenbetäubend ist, merkt man erst im Nachhinein, wenn die Ohren pfeifen. Die vier aber machen ihre Sache — will heißen: spielen ihre Instrumente so gut, dass man die Lautstärke glatt überhört.

Vital und mit unendlicher Verve rocken sie auf der Bühne, zeigen, dass die Zeit halbausschweifender Gitarrensoli noch nicht vorbei ist. Die Melodien sind einfach wie eingängig, gäbe es mehr gute Radiosender, wäre ihre Musik wohl absolut radiotauglich. Sänger Ingo Siara gibt die Rampensau, kommuniziert gut mit dem Publikum, das zumindest in den ersten Reihen definitiv jünger ist als die Jungs selbst, wenngleich sich weiter hinten auch mancher Gast mit grau meliertem Haupthaar findet.

Es wird gesoffen, geraucht und zerstört  

Zur Mitte des Auftritts wird dann eine Praline angekündigt, Ram Jams „Black Betty“. Das spielen sie so gut, dass man fast vergisst, dass nicht 1977 ist. Nicht umsonst waren The Wake Woods Vorband von Deep Purple. Sie haben einfach Bock auf Rock’n’Roll, das sieht man auch im Video zur albumbetitelnden Single „Blow Up Your Radio“: In schrillen Outfits wird gesoffen, geraucht, zerstört und nicht zuletzt ziemlich gute Musik gemacht.

Das machen sie auch auf der Bühne des Musik & Frieden, leider ohne Kippe, aber mit Zugabe. Dann ist nach etwa anderthalb Stunden musikalischer Verausgabung Feierabend, auch für die geplagten Barkeeper. Denn alles begibt sich hoch ins Baumhaus. Und raucht.

  • The Wake Woods: „Blow Up Your Radio“, erschienen bei Jayfish Records  
  • 17.03.18 Winterbach – Strandbar 51
  • 13.04.18 Hamburg – Marias Ballroom  
  • 14.04.18 Stralsund – Knuts Bar  
  • Mehr Tourdaten und Tickets  

Kratzig-kuschelige Kotze

Mit Audio-Review im Player

28418024_2015009532054631_566986035_o

Review zum Hören: 

Isolation Berlin sind mit ihrem zweiten Album zurück und Sänger Tobias Bamborschke überzeugt wieder als tragisch-komischer, hoffnungslos romantischer Lyriker.

Seit Mitternacht ist es da: „Vergifte dich“, das neue, elf Tracks umfassende Album von Isolation Berlin. Tobias Bamborschke, der dreckige Lyriker und Sänger der Band, zeigt wieder sein Talent hoffnungslos verzweifelt selbstbemitleidende und traurig bis eklige Texte in eingängige Musik zu packen.

Ruhige Töne aus elektrischen und akustischen Gitarren laden zu wachen Träumen ein, atomsphärisch bewegt man sich zwischen der kratzig-kuscheligen Wolldecke von der Oma und und einem gefrorenen Kotzfleck, auf dem man ausrutscht und dann auf dem harten Boden der Berliner Tatsachen landet. Stets klanglich umschmeichelt tut man sich beim Hören auch immer wieder weh.

Als hätten die vier Jungs das Einmaleins des Albumaufbaus auswendig gelernt, eröffnen sie gleich mit einem absoluten Knaller: Von „Serotonin“ hat man schon vor dem ersten Refrain einen Ohrwurm. Gleich danach wird es etwas experimenteller mit dem Titelsong „Vergifte dich“, der auf charmante Weise an die amateurhafte Punkmusik Berlins in der Achtzigern erinnert.

Endlich mal wieder ein Konzeptalbum  

Die Platte beschreibt die entschlossene Verwirrtheit von Spätmittzwanzigern in Berlin, diesem Ort der mehr Sumpf ist als Stadt. „Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben“ erinnert am ehesten an die früheren Stücke, leugnet aber ebenso wenig wie der Rest der Songs die künstlerische Entwicklung der Gruppe, die sie so gut und gerne verstecken.

„Antimaterie“ spricht den Hörer oder vielmehr die Hörerin direkt an und ist an jeden und jede da draußen eine Liebeserklärung. Aber eben nur an diese eine. Man hört all den Stücken gerne zu, auch weil man nicht das Gefühl hat, Musik zu hören, sondern auf einer unbezogenen, schäbigen Matratze zu liegen und Geschichten erzählt zu bekommen.

Außerdem hört sich „Vergifte dich“ an wie das erste Konzeptalbum seit langem, die Reihenfolge macht irgendeinen unergründlichen Sinn,  so eingängig funktionieren die Songs, wenn man sie alle hintereinander und immer wieder hört. Am besten jetzt.

  • Isolation Berlin: „Vergifte dich“, erschienen bei Staatsakt  
  • 15.03.18 Potsdam – Waschhaus  
  • 07.04.18 Zwickau – Alter Gasometer  
  • 12.05.18 Berlin – Astra Kulturhaus  
  • Mehr Tourdaten und Tickets  

Neunmal high und einmal Reue

7855794450_9a7d74342e_o

Nach langem Warten präsentieren Franz Ferdinand ihr neues Album: Seit dem 09. Februar ist „Always Ascending“ erhältlich.

Rock’n’Roll wurde in den Vereinigten Staaten erfunden. Allzu lang dauerte es aber nicht, bis die Insel zwischen Nordsee und Atlantischem Ozean, das Vereinigte Königreich, zum Kreissaal jedweder legendären Geburt des Genres mutierte. Zu diesen Kindern gehören auch Franz Ferdinand, auf deren eigenen Nachwuchs die Welt lange hat warten müssen. In diesem noch jungen Jahr ist es aber so weit: Die Schotten präsentieren ihr neues Album „Always Ascending“.

Die titelgebende Single kann man schon seit vergangenem Oktober belauschen, ein Ausblick auf den eingeschlagenen Weg gibt sie wohl, wenn die ersten Pianoschläge ertönen und die entstandene Irritation dann von Alex Kapranos gewaltiger Stimme aufgelöst wird. Der Song ist ein Höhenflug, ein High, der Reue zumindest lyrisch nur am Rande formuliert.

Schottisches Raufboldentum und Trinkfestigkeit

Mit ihrem Erstlingswerk von 2004 schafften es Franz Ferdinand sich nicht nur international, sondern auch in den Staaten Gehör zu verschaffen. Das Album war die Initialzündung für die Entstehung einer ganzen Front indierockender Bands im Königreich. Class of 05, benannt nach dem Jahr der größten Sternstunden und den meist schülerhaften Akteuren, sollte diese neue, pluralistischere Phase heißen. Und Franz Ferdinand waren irgendwie und irgendwo die musikalisch-moralische Instanz dieser Epoche.

Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Jungs überpünktlich zum Durchbruch mindestens an der Dreißig kratzten und alle schlechten und postpubertären Angewohnheiten, abgesehen von dem den Schotten eigenen Raufboldentum und immer währender Trinkfestigkeit vielleicht, mehr oder weniger abgelegt hatten. Ganz sicher war es aber auch einfach schon immer ihrer wirklich außergewöhnlichen Musik geschuldet.

Erfolgsverwöhnt und ernüchternd: Elektronische Musik auf dem Vormarsch  

Mit der Single ‚Take Me Out‘ vom ersten Studioalbum schafften sie gleich auch den Durchbruch auf dem für europäische Bands mittlerweile in jeder Hinsicht schwierigen US-Markt. Eine nicht minder erfolgreiche Platte folgte der ersten im Herbst 2005. Vier weitere Jahre später war die Situation dann schon eine ganz andere: Elektronische Musik auf dem Vormarsch, nicht nur in Berlin, nicht nur in Manchester, auch in Glasgow, Geburtsort der Band.

Man hielt am bewährten Konzept fest, traf damit sicher den Geschmack ganz eingefleischter Fans, nicht aber den Zeitgeist. Und irgendwie stellte der gewählte Mittelweg niemanden so ganz zufrieden. Anhänger der ersten Stunde enttäuscht ob der hier und da neuen Sounds, Avantgardisten vergrault mit Halbherzigkeit. Wieder vier Jahre später, 2013, ein letzter Versuch, mit dem altbewährten Rezept erfolgreich zu sein.

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“, diesem, Einstein zumindest zugeschriebenen Zitat zufolge, war das Album blanker Wahnsinn, und nicht auf die gute Weise. In den aller meisten Fällen impliziert Indie-Musik gemeinsames Erwachsenwerden von Band und Fans, Erfolg nicht zuletzt auch bei Mädchen und gerade deshalb auch Identifikation für die Jungs.

Einflüsse für das neue Material? McEwan’s Export und Kokain

Franz Ferdinand hatten ihrer Fanbase gegenüber aber einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung. Sie wurden nicht erwachsen, sie waren es schon. Nicht nur deshalb wurde es dann auch ruhig. Es folgte 2015 die von langer Hand geplante und FFS genannte Kooperation mit den US-amerikanischen Sparks. Erste Gehversuche, zeitgemäße Beats zu etablieren. Große Teile des Publikums nahmen das eher verärgert auf, das Erwachsenwerden verlief eben nicht parallel.

Nun, fünf Jahre nach dem letzten echten Album, drei nach der schwierigen Kooperation und zwei nach dem medial quasi nicht stattgefundenen Release des Donald-Trump-Pamphlets ‚Demagogue‘ bringen die Schotten eben „Always Ascending“. Es umfasst zehn Tracks, für die ein neuer Produzent engagiert wurde, es gab Personalwechsel, man wollte sich neu erfinden, sperrte sich dafür in einer abgelegenen Hütte ein. Es brauchte eine wahrhaftige Renaissance.

Mitgründer Nick McCarthy, der mehr Zeit für Familie und andere Projekte wollte, verließ die Band, für ihn übernahm Julian Corrie Gitarre und Keyboard im Studio. Einflüsse für das neue Material? „Mir fällt eigentlich nur Tarka Daal, McEwans Export und Kokain ein… vielleicht sollten wir lieber nicht davon sprechen.“ sagt Drummer Paul Thomson.

Also alles wie immer. Wie immer? Nein, sie wollten neu und sie kreierten neu: Seit geraumer Zeit tun sich Bands dieses Genres schwer mit dem Spagat zwischen rebellierender Jugend und klarer Linie, zwischen Rock und radiotauglich. Der gelingt den Schotten aber besonders gut mit „Feel The Love Go“, eine wahre Indie-Dance-Hymne. Würden die ganzen Clubs dieser Richtung nicht gerade ihre Türen für immer schließen, dies wäre ein neuer für lange Nächte.

Der Puls bleibt immer auf Schlagzahl  

„Paper Cages“ hingegen könnte das heimliche Schmankerl für eingefleischte Fans sein. Jeder Takt erinnert an frühe Werke, ohne je abgestanden zu wirken. Frisch gemacht und bereit für 2018 könnte man sagen. Die schnellen Rhythmuswechsel in „Glimps Of Love“ vereinen Postpunk-Elemente mit experimentellen Effekten, dazu einen eingängigen Refrain. Der Song kaschiert aber an mancher Stelle auch die melodischen Qualitäten der Band.

„Lazy Boy“ hingegen weckt Erinnerungen an alte Tage, funkbetonte Akkordfolgen, eingängige Riffs in der Bridge und ein schmissiger Refrain werden im Club wie im Stadion zu biergeschwängertem Mitsingen einladen. Der heimliche Superstar der LP aber ist „The Academy Award“. Der teilweise akustisch eingespielte Song mag den Blutdruck vorübergehend senken, der Puls bleibt ob der Stimme und der mit- bis zerreißenden Melodie aber immer auf Schlagzahl.

Dieser fünfte Song von „Always Ascending“ kann lyrisch als Kritik an der zunehmenden technikinduzierten Verrohung der Gesellschaft und gleichzeitig als verzweifelte Ode an die Menschheit verstanden werden: „Through liquid crystal we look at the world“, wir betrachten die Welt auf einem LCD-Bildschirm. Sänger Alex Kapranos trägt sie mit größter Elastizität im Bariton vor. Was bleibt von dieser lang ersehnten Platte, ist eine äußerst professionelle und doch emotionale Gratwanderung zwischen Class of 05 und 2018. Öffnet man sich den neuen Tönen, hört man ein wirklich gelungenes, facettenreiches Album, das jedes mal noch ein kleines bisschen besser wird. 2005 ist lange vorbei!

  • Franz Ferdinand: „Always Ascending“, erscheint bei Domino Records  
  • 01.03.2018 Hamburg – Mehr! Theater
  • 05.03.2018 Köln – Palladium
  • 07.03.2018 Berlin – Tempodrom
  • 12.03.2018 München – Tonhalle

Rotwein lädt zum Sitzen ein

Am 25. Januar spielte Iron & Wine in Berlin. Tolle Stimme, toller Gig  – so man denn zu zweit und wankelmütig ist.

Iron & Wine, das ist Musik zum Kuscheln. Die man hört, wenn man zu zweit im Bett liegt. Oder alleine, an einem kalten, regnerischen Tag. Gitarrenmusik irgendwo, im Ensemble aber eher orchestral. Nichts für Exzesse, eher was für ein Glas Rotwein. Höchstens zwei.

Iron & Wine, das ist vor allem Sam Beam, ein gut aussehender US-Amerikaner mit Rauschebart. Egal mit wem er spielt oder auftritt, denn allein ist er nie, bleibt er wohl das musikalische Mastermind hinter den zahlreichen Songs.

Nun kam er also nach Berlin auf großer Europatournee, brachte einen Cellisten, eine Pianistin, eine Percussionistin und einen Kontrabassisten Schrägstrich Gitarristen mit in Huxley’s neue Welt an der Hasenheide. Ihn selbst an der Gitarre nicht zu vergessen. Es gibt ein umfangreiches Werk zu präsentieren, wenn auch nicht alle Songs von professionellen Studioalben kommen, so ist das Repertoire mehr als abendfüllend.

Das Huxley’s kennt man eher aus feucht-klebrigen, biergeschwängerten Nächten, in denen sich kalter und frischer Rauch zu harmonischen Schwaden formieren. Bei Iron & Wine ist das anders. Über der Bühne hängen zahlreiche, wattene Wolken, von den Boden-LEDs eindrucksvoll angestrahlt, davor eine unendliche zivilisierte Meute aus schmusenden Pärchen und zart kreischenden Frauen mittleren Alters, die wirken, als würden sie Sam Beim die Kleider am liebsten mit den Zähnen vom Leibe reißen. Ohne, dass das jemals unangenehm wirken könnte.

Die Stimme ist eine Wucht

Das Konzert dann ist irgendwo eine Wucht. Die Stimme  – eine Wucht. Selten allein gezeigt, wunderbar kombiniert mit ebenjener der Pianistin, entsteht dieses orchestrale, fast theaterhafte Schau- und Klangspiel, das einen vergessen lässt, dass man ohne Begleitung ist oder in Tieferes verschwinden kann. Wenn die Songs sich auch sehr ähneln, so sehr, dass der Laie sie kaum unterscheiden kann, so ist es doch Genusswerk.

Einzig die fast zwei Stunden auf der Bühne ermüden doch irgendwann. Zwischendrin verschwindet das Ensemble, der großartige Sam Beam bleibt allein zurück auf der Bühne, performt solo. Macht Witze. Die gut ankommen. Dann ist die Band zurück mit aufgeklebten Rauschebärten, spielt ein letztes Encore in perfektionistischer Manier. Und dann sind sie weg. Nur das halbvolle Glas Rotwein auf dem Verstärker steht noch da. Eigentlich ein Konzert zum Sitzen.

  • Iron & Wine spielen in Europa außerdem noch in der Schweiz, in Österreich und Italien