Anarchie in Bayern

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© KW neun

Das Augsburger Brechtfestival 2019 ist das letzte unter Patrick Wengenroths Leitung – und wirkt als Steilvorlage für gesellschaftliche Kritik.  

„Moral to go“ steht in Lettern aus Gaffatape in einer Pommesschale geschrieben, da, wo sonst das Fressen dargeboten liegt. Das Artwork des Brechtsfestivals macht klar: Anstand ist Arbeit, auch im Theater. Die seit 2010 jährlich in Augsburg stattfindende Veranstaltungsreihe ist keineswegs nur als Hommage an einen der bedeutendsten deutschen Dramatiker zu verstehen.

Das Nachfolgeformat von dem Literaturfest augsburg brecht connected (abc) widmet sich spätestens seit Beginn der dreijährigen Leitung von Patrick Wengenroth 2017 vornehmlich gesellschaftspolitischen Fragen, die von Brechtstücken und Expert*innendiskussionen zum Augsburger Lyriker flankiert werden. Wer Brecht nicht verändert tut ihm Unrecht, lautet ein Zitat oder eine Regisseur*innenweisheit, eine genaue Zuordnung ist nicht mehr möglich.

Die Zeit des Sich-nicht-Positionierens kann man sich nicht mehr leisten. 

Wer Brecht also anpackt, kann mit seinem Werk Forderungen formulieren. Genau das macht Wengenroth, ein kantiger Typ, Schnauzer, Trainingsanzug, mit pastelllila lackierten Fingernägeln: „Die Zeit des Sich-nicht-Positionierens kann man sich nicht mehr leisten. Man muss selber ran. Für eine solche Aktivierung funktioniert Brecht gut, der hat speziell in seinem Frühwerk mächtig ins Rudel gekackt, hat provoziert.“, erklärt er das Motto seines ersten Jahres, „Ändere die Welt, sie braucht es“.

Unter seiner Leitung hat das Festival ein feministisches Gepräge erhalten, deshalb wurde der Untertitel zur 2019er Ausgabe auch ganz bewusst mit Gendersternchen gewählt: „Für Städtebewohner*innen“. Die schwarzregierte Stadt Augsburg hat das Sternchen allerdings gerade verboten, ihr Schritt Richtung Geschlechtergleichstellung klammert das dritte Geschlecht aus, die Direktive für behördliche Schriften lautet: binäre Ausdrucksform, immerhin nicht nur die männliche.

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Der marodierende Dichter-Berserker Baal wird von einer Frau verkörpert © Jan-Pieter Fuhr

Und auch so packt Wengenroth Brecht an, der seine Frauen schäbig behandelte. Dessen zotigen Sprachgebrauch in seinen frühen Werken hält der Regisseur trotzdem für einen Vektor ins Heute. Übersetzt hat das Mareike Mikat am Staatstheater, in ihrer Inszenierung von Brechts Baal wird der sauffreudige, durch die Stadt marodierende Dichter-Berserker, dieser ebenso ekelhafte wie talentierte Jüngling Baal von einer Frau gespielt. „Diesen Testosteron-Quatsch von einem Mann inszeniert zu sehen will man eigentlich auch nicht“, kommentiert Wengenroth. Baal bleibt das einzige Brechtstück beim Festival 2019.

Ansonsten geht es eben um: Städtebewohner*innen. In Anlehnung an Brechts Gedichte für diese, natürlich, aber jenseits der literaturwissenschaftlichen Diskussionen zum Thema genutzt als Steilvorlage für kritische Auseinandersetzung mit den urbanen Herausforderungen der Zeit. Denn Augsburg wird als drittgrößte Stadt Bayerns heute von den gleichen Problemen geschüttelt wie Leipzig oder Berlin: Mietsteigerung, Verdrängung, Ausschluss. Linda Elsner, Gast einer Lesung auf dem Festival, sucht seit nunmehr sechs Monaten nach einer bezahlbaren Wohnung in Augsburg.

Bezahlbarer Wohnraum fehlt auch in Augsburg

Die junge Woman of Color ist keineswegs mittellos: sie hat ein Engagement am Staatstheater. Dass das Festival diese Themen auf die Agenda setzt, findet sie gut. Es wirke wie ein Impulsverstärker in die Stadt hinein, die ohnehin ein ständig in Bewegung befindliches Ganzes sei. Die Wohnungsknappheit und problematische Eigentumsverhältnisse greift das Theaterkollektiv She She Pop auf, in ihrem Stück „Oratorium“ bringen sie eine „kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“, wie es in der Broschüre heißt, auf die gerade eingeweihte Brechtbühne im Gaswerk.

Das passt: Der kathedralisch wirkende Saal wird ohne Tontechnik bespielt, lediglich eine traurige Solotrompete und ein munteres Xylophon füllen den Raum mit Klang. Und die wechselnden Sprechchöre. Wie von einem Teleprompter liest das Publikum nach Aufforderung in Gruppen seine Erwiderungen ab. Da sind mal Mütter ohne Altersvorsorge, mal Männer ohne Festanstellung angesprochen. Oder Erb*innen, die auf der Bühne ihr Erbe formulieren und die Summe errechnen sollen. Den etwa 15 Personen werden demnach über fünf Millionen Euro zuteil – den vielen auf den Sitzen wohl nichts.

Brecht ist Rock’n’Roll  

Das ist Theater in Wengenroths Sinn: aufstehen und drüber reden. Sich aktivieren, dabei kann das Theater helfen. Sich eine Meinung machen, dabei nicht. Dafür sei jede*r selbst verantwortlich. Wenn man ihn für sich zu lesen wisse, tauge Brecht sogar als Agitator, meint Patrick Wengenroth. Regisseur Tom Kühnel, der im kommenden Jahr zusammen mit Jürgen Kuttner die Festivalleitung übernimmt, sieht in Brecht nicht den Agitator: Dafür sei er viel zu dialektisch. „Vorhang zu und alle Fragen offen“, so schließt der gute Mensch von Sezuan. Brecht kann oder muss sogar unterschiedlich gelesen werden, seine Schaffensperioden waren divers.

Für Leif Eric Young ist Brecht „Rock’n’Roll“. Der 31-jährige hat mit dem „Theter-Ensemble“, einer ambitionierten Laiengruppe junger Schauspieler*innen, die ans große Theater streben, im Rahmen des Festivals Fassbinders „Anarchie in Bayern“ auf die provisorische Bühne eines Technoclubs gebracht. Wengenroth hat auch die Zugangsschwellen für Brecht und das Theater allgemein gesenkt. „Jetzt kommen junge Leute ins Theater, die sonst vielleicht nur hier in den Technoclub gehen. Es kommen aber auch Leute in den Technoclub, die sonst nur ins Theater gehen.“, sagt Young.

Außerdem wurde die Eintrittspreisstruktur nach unten angepasst. Das Kulturangebot wird geöffnet mit Brecht, durch Wengenroth, der, so Young, das Festival sexyer gemacht habe. In dessen Inszenierung von „Anarchie in Bayern“ fand Tom Kühnel Bertolt Brecht vor allem in den jungen Darsteller*innen, in ihrer epischen Spielart. Auch das kann Brecht sein. 

Dieser Text ist am 05.03.2019 (fast) genauso in der taz erschienen und wurde Jann-Luca Zinser und Donata Künßberg verfasst.  

Wenn das Schlachten vorüber ist

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Udo Lindenberg mit Benjamin von Stuckrad-Barre und dem Ensemble bei „Panikherz“ am 29. April 2018 © Moritz Haase

Laut, leise, schnell und Leid: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie „Panikherz“ wird im Berliner Ensemble unter Regie von Oliver Reese aufgeführt.

Keine Panik, ich bin nur zappelig. Der Abgrund der Kokainsucht, dieser Droge, die eigentlich aufdrehen soll, Kreislauf anregt in ihrer Urform, Menschen zum Reden bringt, ist Müdigkeit. Regungslosigkeit. Tod. Wenn nicht physisch, nicht endgültig, dann wenigstens seelisch. Wenn es so etwas gibt. Sie macht dich zum Spießer. Sagt zumindest Benjamin von Stuckrad-Barre. Und der muss es ja wissen.

Sein autobiographisches Panikherz wird im Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht und wie sich das für ein solches Stück gehört, sollte man es natürlich an einem Wochenende besuchen, lieber ausschlafen und Tickets auf den letzten Drücker besorgen. Also die Kateraufführung. Da passiert sicher was. Wie sich das wohl anfühlt, das eigene Leben auf der Bühne zu sehen, selbst dargestellt zu werden von vielen, wie in einem schizophrenen Albtraum? Und wie erst, wenn es das Leben eines Freundes ist, das man da betrachtet, in einem dunklen Theatersaal und durch die Gläser einer eckigen Sonnenbrille?

Selbstbildnis erfordert Mut, der auf der Bühne nicht immer zu finden ist

Große Teile des Publikums an diesem lichtreichen Sonntagnachmittag sehen so aus, als kämen sie gerade aus dem Berghain. Spricht für die Theorien jener, die das Werk weniger als abschreckendes, pamphletisches Exempel denn viel mehr als Motivationsspritze für drogeninduzierten Absturz sehen. Für Berghaingänger ist das wohl höchstens Blasphemie. Panikherz hat es kaum gebraucht, um Stuckrad-Barre als den großartigen Beobachter zu outen, der er ohne jeden Zweifel ist. Panikherz legt aber, zumindest auf dieser Bühne an einem Sonntag in Berlin, dar, dass diese, seine Gabe bei dem Blick auf sich selbst ins Schwammige driftet.

Sein Innerstes nach außen zu kehren, zumal öffentlich, erfordert Mut, man setzt sich einigermaßen ungeschützt Unbekannten aus. Diesem Mut fehlt in der Darbietung hier und da ein authentisches Moment, der Funke will nicht immer überspringen. Zumindest wenn man die Geschichte kennt, Interviews mit Stuckrad-Barre, ältere wie jüngere Kommentare zum eigenen Leidensweg.

Den Teufelskreis der Süchte hat er schon weit vor der Fertigstellung dieser, ja, irgendwo Abrechnung mit sich selbst, erklärt: Eine Sucht bedingt die andere, will man von einer loskommen, braucht man stets eine neue. Diese Geschichte ist eine, die Uneingeweihte auf Distanz hält, Kenner wohl aber in ihren Bann zu ziehen vermag. Schwer zu sagen, wie groß der Graben zwischen dem Geschilderten und dem Berliner Nachtleben ist, das ja zumindest auf dem Papier Freude suggeriert. Diese Freude, der schnelle Weg dahin und zum schnellen Leben, wird im Großen Haus des Berliner Ensembles so zügig und kurzweilig dargestellt wie er ist, schnell eben und laut, und schrill.

Leider verfällt die Besetzung teils in zu zappeliges Auftreten, das weniger panisch als nervtötend wirkt, soll es auch sein, der Weg zur Affektiertheit aber ist mindestens als kein weiter zu erkennen. Das unterschiedliche Gebaren der vier Benjamins kennt gerade Nuancen, die durch die verschiedenen Phänotypen aber verstärkt werden, somit Zerrissenheit im gemeinsamen Sumpf durchaus symbolisieren können. Sie stellen je die verschiedenen Epochen dieses Lebens dar, die Phasen von Kindheit, Aufstieg, Fall und dem Geläuterten, wenn man das so nennen darf, von Heute dar, die Grenzen aber sind fluid und verschwimmen so wie die diversen Ichs die ein jeder in sich trägt.

Der Soundtrack überzeugt und auch Authentisches ward noch gefunden

Ein wirkliches Highlight ist vor allem auch die Musik, die Band, die Gitarre, schaffen einen eigenen Soundtrack auch mit bekannten Titeln für die Vita des Benjamin von Stuckrad-Barre. Auch die Darsteller singen, herausragend vor allem Carina Zichner. Einzig die Darbietung der Oasis-Hymne „Don’t Look Back In Anger“ von Nico Holonics kann keinem echten Fan der Britpop-Legenden gefallen, unsäglich ist das Cover gar. Holonics überzeugt dafür schauspielerisch umso mehr, nicht zuletzt seiner herausragenden Authentizität wegen .

Das Highlight bleibt dennoch anderen überlassen: Denn hinter der eckigen Sonnenbrille, ganz hinten im dunklen Saal, versteckte sich natürlich Udo Lindenberg, nebst dem Autoren höchstpersönlich. Den abschließenden Ringelpiez auf der Bühne lassen sich beide nicht entgehen, Udo trällert bassig wie eh noch etwas mit und vor sich hin, ehe sich die ganze Bagage, Regisseur Oliver Reese inklusive, selbst feiert auf dieser Bühne mit dem großen Perser und dem kleinen Balkon, der dem Chateau Marmont entnommen sein könnte. Ebendiesem Hotel, in dem das Buch einst entstand und die Freundschaft dieser beiden Ausnahmeerscheinungen in jeder Hinsicht blühte.

  • Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin 
  • nächste Aufführungen: 10.05., 22.05. und 27.06.2018 
  • Mehr Infos und Karten 

Sommergäste gefangen im eigenen Wahnsinn

Sommergäste
Foto: Arno Declair

Im Deutschen Theater ist derzeit Maxim Gorkis „Sommergäste“ zu bewundern. Zeitlos, aber im Geiste der Moderne inszeniert. 

Es ist doch immer wieder beeindruckend, wie zeitlos Theaterstücke sein können. Ob geschrieben in Zeiten größter Gelassenheit oder in der Krise, manches, so scheint es, ändert sich eben nie. Die Inszenierungen vielleicht, sie werden drastischer. Oder doch das Publikum empfindlicher? In Gorkis’ „Sommergäste“, im Deutschen Theater inszeniert von Daniela Löffner, stimmt wohl beides.

Nachdem sich kurz vor der Pause des vier Stunden langen, aber äußert kurzweilig aufgeführten Dramas die Julija Filippowna, gespielt von Kathleen Morgeneyer, im Rahmen ihrer Gesangseinlage schwarze Farbe erst auf die Beine, dann in den Schritt schmiert, kehren nach dem erneuten Gong jedenfalls viele der Zuschauer nicht zurück in den Saal. Dabei war ihre Performance wahrlich eindrucksvoll. Im goldenen Paillettenkleid schreitet sie zum Mikrofon, das Gewand wirft Lichter zurück in den Saal wie eine Discokugel und ihr vormals zarter Charakter erfährt eine langsame, intensive Steigerung, um am Ende doch zu explodieren.

Dem Publikum den Rücken zugewandt, streift sich Morgeneyer die schmalen Träger des Kleides von den Schultern, die Erregung auf der Bühne wie im Publikum ist greifbar, selbst bei den anderen Darstellern hat man das Gefühl, dass sie nicht wissen, ob sie sich umdrehen wird.

Komisch bis bissig auch in der aktuellen Debatte um Mann und Frau  

Sie dreht sich um. Schwarze Tassels verdecken die Brustwarzen an ihrem unglaublich drahtigen, muskulösen und hocherotischen Körper. Zuckend — kein orgasmisches Zucken, wohlgemerkt — vollendet sie großartig singend die Performance, die Aufführung in der Aufführung. Die Geschichte an sich aber funktioniert sprachlich wie inhaltlich auch im Heute, Sätze aus dem Vorabend der Revolution zitierend genauso wie pointierte Sprüche aus dem Jetzt.

Maxim Gorki wusste schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die moralische Zerrissenheit der Bourgeoisen und um die Stärke der Frauen, die gerade in dieser Zerrissenheit umso mehr zutage tritt. Regisseurin Löffner weiß das komisch bis bissig auch in die aktuelle Debatte um Mann und Frau zu integrieren. Auch die anderen, größtenteils aus dem Ensemble des Deutschen Theaters bekannten Darsteller wissen zu überzeugen mit jeder Menge Witz, bisweilen mit Tragik ihrer Figur wie in der ödipalen Beziehung des jungen Wlas (Marcel Kohler) zur älteren Schon-Mutter Marja Lwowna (Regine Zimmermann).

Die ständige Präsenz aller auf der Bühne, einem bronzenen Kasten, führt zu einer im besten Sinne kleinteiligen weil somit kurzweiligen Darbietung, die nicht mit Spannung und nie mit Gesellschaftskritik geizt.

  • Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, 10117 Berlin  
  • nächste Aufführungen: 18.04., 05. und 20.05.2018  
  • Mehr Infos

Wer ist Katharina Blum?

Im Kleinen Theater am Südwestkorso wird zu Heinrich Bölls 100. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Bühne gebracht.

Das Stück ist laut, unbequem, drückend mit schnellen Szenenwechseln. Umbauten. Schauspielern, die in neue Rollen schlüpfen oder ihren Charakter wechseln.
Alles innerhalb kürzester Zeit und mit musikalischer Untermalung, dazu donnernd eingespielte Tastenschläge, die dem Stück den Takt verleihen. So stellt man es sich in der Redaktion der ZEITUNG vor.

Ein Schnellschuss folgt dem nächsten und trifft. Mal den einen und mal die andere. Hauptsache Blut fließt. Das sind die Momente, in denen die ZEITUNG ins Bewusstsein rückt. Sie stürzen sich auf alles, was sich noch bewegt. Man leidet mit Katharina, ist mit ihr auf dem Verhörstuhl gefangen. Befindet sich ebenfalls in dem Sieb, das von der sie umzingelnden Polizistenmeute geschüttelt wird, auf der Suche nach Informationen.

Unter- und übermalt vom Schlag der Schreibmaschinentasten der Chronistin, zeichnet sich das drohende Unheil bereits ab. Katharina wird ihrer Worte beraubt, ihre Aussagen umformuliert, Wörter entrückt, vermeintlich harmlos und unbedeutend. Frau Blum hakt ein. Die Maschine stoppt. Diese Möglichkeit wird die ZEITUNG ihr verwehren.

Wenn der Anstand zerbröselt

Es rieselt ihr sich auflösendes Selbstverständnis, die in einem anständigen Leben aufgebaute Haltung zu sich und das Vertrauen in die Umwelt. Zurück bleibt das Gefühl, dass hier Unrecht passiert, Macht missbraucht wird. Zu dieser packenden Darstellung des polizeilichen Übergriffs gesellt sich die Gewalt der ZEITUNG. Das Vorwort Bölls enthüllt die entscheidende Silbe: BILD.

Heinrich Böll kritisiert in seinem Buch das Sensationsgebaren der BILD-Zeitung (nachfolgend wird auf den Zusatz „Zeitung“ ausdrücklich verzichtet). Er stellt die von diesem Medium ausgehende Macht dar. „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“, lautet der Untertitel seines Werks, damals eine Reaktion auf die Unterstellungen ebendieser Publikation, er sympathisiere mit den Terroristen der RAF.

Man mische Unwahrheiten in Verunglimpfungen gewandt mit entsprechender Reichweite, bewässere damit die Sensationslust des Menschen und schaue dem Unkraut beim Wachsen zu. Nachdem die Blum in Mitten der Blütenlosen erstickt ist, sich verzweifelt zur Sonne wenden wollte, aber dem Sprießen der Disteln und Nesseln machtlos gegenübersteht, wird gemäht. Das Feld geräumt und die nächste Blum in den Kampf ums Überleben und ihren Platz in der Gesellschaft geschickt.

Unsere Aufmerksamkeit als Währung

Eine Formel, die heute mehr denn je Gefahren birgt, da die Zutaten wie die Unkräuter selbst unerschöpflich nachzuwachsen scheinen. Das Stichwort „postfaktisch“ möge als Schlüssel zur Gedankenschublade dienen. Dazu gesellt sich die zunehmende Möglichkeit der Verbreitung von (Fehl-)Informationen in Foren, Netzwerken, Blogs, etc. Es entsteht eine Reizlawine, der sich jeder Einzelne ausgesetzt sieht.

Die Artikel, Meinungen, Nachrichten, Videos und Bilder buhlen um die wohl wichtigste Währung des 21. Jahrhunderts: unsere Aufmerksamkeit. In der Arena bestehen meist die, die nicht vor unlauteren Mitteln zurückschrecken (Grüße an Bento und Co.). Von sensationell zu sensationellst gehetzt, verkümmert der Blick für die Blum. Jeder von uns könnte sie werden, ist aber zu sehr damit beschäftigt, dass er es gerade nicht ist, anstatt innezuhalten und kritisch das Dargelegte zu betrachten.

Ist die Lage hoffnungslos?

Die BILD wird es wohl auch weiterhin geben, auch die neuen Verbreitungsmöglichkeiten möchte keiner mehr missen, also bleibt als Ansatzpunkt nur der Konsument selbst. Wir können unseren Umgang mit Informationen ändern und dem Unkraut seinen Nährboden entziehen. Dazu bedarf es der Einsicht, dass ein jeder sich im Ringen um seine Aufmerksamkeit befindet.

Diese ist nur allzu flüchtig. Ein Hoch auf den, der nach Stunden im Internet seine Klickhistorie eigenständig rekonstruieren kann. Ein Hoch auf den, der links und rechts falsch abgebogen ist und zur Erkenntnis gelangt, etwas zu ändern. Dieses UmDENKEN bedarf der Einsicht, dass der Glockenschlag zur ersten Runde längst ertönt ist. In Schule und Familie gilt es einen jeden darauf vorzubereiten. Ihm bewusst zu machen, dass weitere Runden ihn begleiten. Frei nach Hesse: Jedem Gong wohnt ein Zauber inne. Und wer ihn bisher nicht vernommen hat, möge ins „Kleine Theater“ gehen und dort gebannt auf ihn warten.

  • Kleines Theater, Südwestkorso 64, 12161 Berlin
  • nächste Aufführungen: 17., 19. und 20.01.2018
  • kleines-theater.de

 

Über die protokollierte Machbarkeit eines Bühnenstücks

Kann man ein Protokoll als Theaterstück aufführen? Nein, aber man kann es versuchen. So geschehen bei der Uraufführung von Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zu seinem posthumen 100. im Kleinen Theater in Berlin. Die Darstellerschar riss mit, auf jeden Fall. Doch bleibt die Verständnisfrage für alle, die das Buch nie gelesen haben.

Kann oder soll  man bei der Verarbeitung bestehender Werke in andere Kunstformen die Kenntnis über den Bestand voraussetzen? Die diskrepierende Wahrnehmung von Leser und Nicht-Leser kann kaum Gegenstand der Untersuchung dieses Bühnenstückes sein, obwohl der Leser klar bevorteilt sein dürfte. Die ZEITUNG kann im Sprachgebrauch halt nur synonym für die BILD herhalten, wenn man weiß, dass sie gemeint ist.

Terroristische Assoziationen

Nicht nur für Unwissende schaffte das Schauspiel vor allem eines: Keine einzige Assoziation mit der von Böll selbst als falsch und rufmörderisch beklagten Vergleiche mit oder Interpretationen von Sympathien mit terroristischen Vereinigungen. Der nie zu sehende Protagonist Ludwig Götten blieb stets der Kriminelle, der er sein sollte. Nie mehr, selten weniger.

Die Dramaturgie sowohl im Aufbau der Geschichte als auch die im Spiel der Darsteller war zu jeder Zeit beeindruckend, wenngleich das unterbrechende und episodische Moment eines gespielten Protokolls Lücken in die Aufmerksamkeit des Zuschauers riss. Lässt man dieses kaum unübersehbare Loch außer Acht, bot das zwar kleine aber für die Verhältnisse des Kleinen Theaters recht umfangreiche Ensemble betörende, fast erotisch anmutende Unterhaltung.

Erotik auf der Bühne

Die Stimme der Katharina Blum spiegelt das Spektrum größter Kindlichkeit und Abgebrühtheit wider, das man sich beim Lesen nur wünschen oder gar vorstellen kann. Die spuckende Eminenz des Kommissars Beizmenne hätte wohl auch gut ein uneheliches, in vitro gezeugtes Kind von Liam Neeson und Al Bundy abgegeben, während die zweifelnde Kreatur namens Dr. Blorna, ebenfalls den Staatsanwalt darbietend, im wortwörtlich kleinen Theater fast zu schmecken war, so nah ging sie.

„Zweifellos hat Böll zur Hoffähigmachung der Bande [Anm d. Red.: gemeint war die RAF] mehr beigetragen als irgend jemand. Und zu ihrer Ermutigung. Sein Buch schildert in der empfehlendsten Weise, wie ein ‚Bild‘-Reporter ermordet wird.“ Die Welt

Wer also die literarisch korrekte Darbietung Bölls’ vielerorts kritisierten Buches erwartet, wird in dem Theater im alten West-Berlin kaum glücklich. Aber fordert die Kunstform Theater nicht auch immer die kritische Auseinandersetzung mit dem Gewesenen, dem Seienden und dem Werdenden? Denn wer dies zu akzeptieren vermag, wird größte Freude haben an der kleinensemblistischen Performanz der „Verlorenen Ehre der Katharina Blum“ im Kleinen Theater am Südwestkorso.

  • Kleines Theater, Südwestkorso 64, 12161 Berlin
  • nächste Aufführungen: 17., 19. und 20.01.2018
  • kleines-theater.de