Nautiker im Weltraum?

Decemberists Concert

Review zum Hören: The Decemberists mit „I’ll Be Your Girl“

Seit Jahren erzählen sie immer wieder das gleiche, gefällige Seemannsgarn. The Decemberists nehmen mit in die Welt von verlassen Witwen, verschollenen Matrosen und Menschen die in Walfischen leben. Und auch in Liebesangelegenheiten sind die Jungs aus Portland an vieler Playlist Bord. Da machte es auch gar nichts, einige Jahre auf neuen Stoff zu warten, denn ein wahrer Kapitän muss ja erst was erleben bevor er darüber singen kann. Und jetzt das: Es soll Schluss sein mit dem altgedienten Schema der folkigen Träumereien! Poppig sollte die Neue sein, mit viel spacigem Synthie. Viele, vor allem Indiebands, sind so schon zugrunde gegangen. Zu viele!

Was  rauskam, als wir uns endlich getraut hatten den Playbutton zu drücken, das erfahrt ihr in dieser Audioreview zu „I’ll Be Your Girl“ von den Decemberists:


  • The Decemberists: „I’ll Be Your Girl“, erschienen bei Capital Records / Rough Trade (Europa)
  • 16.11.18 Berlin – Astra Kulturhaus
  • Mehr Tourdaten

Ostern für das deutsche Fernsehen

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In Deutschland scheint es endlich bergauf zu gehen in der öffentlich-rechtlichen Fernsehlandschaft. Denn neu ist: einige Formate machen wirklich Spaß. Über eine Renaissance   

Es geht also doch. Nach Jahren unbändiger Langeweile und pünktlich kurz nach der größten Diskussion um öffentlich-rechtliche Sendeanstalten mindestens der vergangenen Dekade zeigen ebenjene nach ersten Andeutungen immer mehr ihr wahres Potential. Auf einmal wird über deutsche Serien geredet. Nicht nur weil sie gesehen werden, nein, weil sie wirklich gut sind.

Sogar gute Tatorte gibt es plötzlich. Klar, die Filmreihe hat Tradition, vor allem Sonntagabend auf deutschen Sofas. Wenigstens angerostet war sie aber auch, je nach Ort und Ermittlern auch schon durchoxidiert bis porös. Dann merkte man sehr spät, dass die Münsteraner Ausgabe mit den überbordenden Komikelementen erfolgreich ist und übertrug das Konzept nach Weimar, das ja sowieso sowas ist wie das Münster des Ostens. Nur eben in klein. Und anders. Da ermitteln dann sympathische Ermittler sympathisch halboriginelle Fälle inklusive vorhersehbarer Entwicklung und Ende mit Augenzwinkern.

Tatort mit Bier: Der Sonntagabend in Berlin

Gute Filme sind das nicht. Sie entlassen die Deutschen aber mit einem guten Gefühl aus dem Wochenende und haben es irgendwie geschafft, auch in der jüngeren Generation Kultstatus zu wecken. Tatort-Public-Viewing mit Bier am Sonntag Abend — im Berliner Nexus lässt man so ein langes Clubwochenende ausklingen. Was wurde diskutiert jahrelang, die kreative Mutlosigkeit moniert im allabendlichen Fernsehprogramm. Welch abstruse Vorschläge wurden gemacht, ein jüngeres Publikum anzusprechen, welch wahnwitzige wurden umgesetzt.

Soziale Medien hingen wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Intendanzen, wie ließen sich diese Menschen nur erreichen, die beim Fernsehen nicht aufhören ihr vollendetes Lebensglück in stets scheiternder Konzentration auf mindestens zwei Bildschirme zu suchen? Dabei war die Antwort immer ganz einfach: Einfach gute Inhalte schaffen. Okay, so leicht ist es nicht nach Jahren des Dosenbiers in der immer selben fleckigen Jogginghose auf der immer selben fleckigen Couch, wieder Ansprüche an sich selbst zu formulieren.

Klägliche Versuche folgten, Serien zu etablieren, die so sehr US-Abklatsch waren, dass sie alleine nicht hätten geradeaus laufen können wie die unsägliche ZDF-Produktion „Morgen hör ich auf“, die ob mangelnden Witzes nicht einmal als Klamauk durchging. „Die Lobbyistin“, die pünktlich zur Produktion der sechsten Staffel des das Genre im Mainstream erfolgreich machenden Politdramas „House of Cards“ erschien und ebendessen Titelmelodie nicht nur etwas zu sehr zum Vorbild nahm.

Vom Regen in die Traufe und dann mit Anlauf raus aus dem Loch  

Aber kurz bevor sich die deutsche Fernsehwelt endgültig lächerlich zu machen schien — an Geld und guten Schauspielern mangelt es schließlich nicht — erhob man sich aus der Senke. Etwa der rbb mit dem Berliner Tatort, der zwar schon seit 2015 mit den aktuellen Ermittlern läuft, sich und die eigene, fortlaufende Geschichte aber beständig weiterentwickelt und einen ersten Höhepunkt in der Berlinale-Folge „Meta“ fand, die pünktlich zum Filmfest Mitte Februar erstausgestrahlt wurde. Die Episode hat Spielfilm-Qualitäten, birgt tatsächlich unerwartete Elemente. In einem Tatort!

Und die Entscheidung, die Geschichte um die Ermittler abseits des aktuellen Falles weiterzuspinnen, erweist sich als absoluter Glücksgriff: die Charaktere entwickeln sich, müssen sich nicht auf plumpe weil kurz gedachte Züge beschränken. „Meta“ kann auch als Zitat bis Hommage an Scorseses „Taxi Driver“ verstanden werden, man bedient sich auch der grandiosen Filmmusik des Klassikers und bindet sie teils famos in die Szenerie des Krimis ein. Dazu endlich gewitzte Drehbücher, die nicht jeden einzelnen Joke zelebrieren als wenn es der letzte wäre. Subtil verpackt, unmittelbar zurück in die Handlung. Das ist anspruchsvoll, macht den Zuschauenden aber — oder gerade deswegen — einfach Spaß.

Wir konnten es einfach nicht  

Ein anderes gutes Beispiel ist „Bad Banks“ im ZDF. Andreas Schreitmüller von arte, die als Kooperationspartner an der Entstehung der Serie beteiligt waren, sagt dazu: „Noch bis vor kurzem war das Lamento der deutschen Fernsehkritik einhellig: „Warum sind deutsche Serien so mies?“ (Der Spiegel), „Regelmäßig enttäuschen Fernsehserien.“ (FAZ), „Wir können es einfach nicht.“ (taz), „Erzählnotstand.“ (SZ). Gemeint war die in der Tat rätselhafte Absenz deutscher horizontal erzählter Serien auf dem internationalen Markt. Doch das ist Vergangenheit! Cineasten haben sich nun auch in Deutschland des seriellen Formats angenommen und nutzen das hohe professionelle Niveau der fiktionalen Produktion hierzulande.“

Und er hat recht. „Bad Banks“ strotzt vor neuem Selbstbewusstsein. Die bislang sechs Episoden, eine zweite Staffel ist bereits bestellt, rollen actionreich die Facetten des Investmentbankings auf, hier und da sicher überzogen, immer schnell, international. Letzteres auch wegen der erfrischenden Darsteller. So kann es gerne weitergehen. Hoffentlich geht die Puste nicht so schnell aus.

Schall ohne Rauch

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The Wake Woods spielen im Berliner Musik & Frieden. Ein neues Album im Gepäck, eine Menge Gitarren und noch mehr Energie. Laut war es. Und gut.  

Schade, dass man im Musik & Frieden in Berlin-Kreuzberg nicht rauchen darf. Der ehemalige Magnet-Club an der Oberbaumbrücke ist nämlich eine exzellente Location für kleinere Konzerte. Leider ist die Bar unterbesetzt mit wenig freundlichem Personal, verständlich, wenn man zu zweit einem größeren Ansturm gerecht werden soll. Da kriegt man schon mal schlechte Laune.

Zum Glück gibt es die Baumhaus-Bar ein Stockwerk weiter oben. Die ist während eines Konzertes nicht nur angenehm leer, hier darf auch geraucht werden und die fähigen Barkeeper machen ziemlich gute Drinks, empfehlen auch mal was und die Auswahl ist solide. Aber zurück vor die Bühne: Die Akustik überzeugt hier meist, so auch heute, als The Wake Woods spielen.

So gut, dass man die Lautstärke überhört  

Das Berliner Quartett hat gerade die zweite Platte „Blow Up Your Radio“ veröffentlicht und ist jetzt auf Tour. Schnell wird klar: Es braucht auch 2018 nicht mehr als zwei Gitarren, Schlagzeug und einen bassspielenden Schreihals, um gute Musik zu machen. Dass der Auftritt ohrenbetäubend ist, merkt man erst im Nachhinein, wenn die Ohren pfeifen. Die vier aber machen ihre Sache — will heißen: spielen ihre Instrumente so gut, dass man die Lautstärke glatt überhört.

Vital und mit unendlicher Verve rocken sie auf der Bühne, zeigen, dass die Zeit halbausschweifender Gitarrensoli noch nicht vorbei ist. Die Melodien sind einfach wie eingängig, gäbe es mehr gute Radiosender, wäre ihre Musik wohl absolut radiotauglich. Sänger Ingo Siara gibt die Rampensau, kommuniziert gut mit dem Publikum, das zumindest in den ersten Reihen definitiv jünger ist als die Jungs selbst, wenngleich sich weiter hinten auch mancher Gast mit grau meliertem Haupthaar findet.

Es wird gesoffen, geraucht und zerstört  

Zur Mitte des Auftritts wird dann eine Praline angekündigt, Ram Jams „Black Betty“. Das spielen sie so gut, dass man fast vergisst, dass nicht 1977 ist. Nicht umsonst waren The Wake Woods Vorband von Deep Purple. Sie haben einfach Bock auf Rock’n’Roll, das sieht man auch im Video zur albumbetitelnden Single „Blow Up Your Radio“: In schrillen Outfits wird gesoffen, geraucht, zerstört und nicht zuletzt ziemlich gute Musik gemacht.

Das machen sie auch auf der Bühne des Musik & Frieden, leider ohne Kippe, aber mit Zugabe. Dann ist nach etwa anderthalb Stunden musikalischer Verausgabung Feierabend, auch für die geplagten Barkeeper. Denn alles begibt sich hoch ins Baumhaus. Und raucht.

  • The Wake Woods: „Blow Up Your Radio“, erschienen bei Jayfish Records  
  • 17.03.18 Winterbach – Strandbar 51
  • 13.04.18 Hamburg – Marias Ballroom  
  • 14.04.18 Stralsund – Knuts Bar  
  • Mehr Tourdaten und Tickets  

Kratzig-kuschelige Kotze

Mit Audio-Review im Player

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Review zum Hören: 

Isolation Berlin sind mit ihrem zweiten Album zurück und Sänger Tobias Bamborschke überzeugt wieder als tragisch-komischer, hoffnungslos romantischer Lyriker.

Seit Mitternacht ist es da: „Vergifte dich“, das neue, elf Tracks umfassende Album von Isolation Berlin. Tobias Bamborschke, der dreckige Lyriker und Sänger der Band, zeigt wieder sein Talent hoffnungslos verzweifelt selbstbemitleidende und traurig bis eklige Texte in eingängige Musik zu packen.

Ruhige Töne aus elektrischen und akustischen Gitarren laden zu wachen Träumen ein, atomsphärisch bewegt man sich zwischen der kratzig-kuscheligen Wolldecke von der Oma und und einem gefrorenen Kotzfleck, auf dem man ausrutscht und dann auf dem harten Boden der Berliner Tatsachen landet. Stets klanglich umschmeichelt tut man sich beim Hören auch immer wieder weh.

Als hätten die vier Jungs das Einmaleins des Albumaufbaus auswendig gelernt, eröffnen sie gleich mit einem absoluten Knaller: Von „Serotonin“ hat man schon vor dem ersten Refrain einen Ohrwurm. Gleich danach wird es etwas experimenteller mit dem Titelsong „Vergifte dich“, der auf charmante Weise an die amateurhafte Punkmusik Berlins in der Achtzigern erinnert.

Endlich mal wieder ein Konzeptalbum  

Die Platte beschreibt die entschlossene Verwirrtheit von Spätmittzwanzigern in Berlin, diesem Ort der mehr Sumpf ist als Stadt. „Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben“ erinnert am ehesten an die früheren Stücke, leugnet aber ebenso wenig wie der Rest der Songs die künstlerische Entwicklung der Gruppe, die sie so gut und gerne verstecken.

„Antimaterie“ spricht den Hörer oder vielmehr die Hörerin direkt an und ist an jeden und jede da draußen eine Liebeserklärung. Aber eben nur an diese eine. Man hört all den Stücken gerne zu, auch weil man nicht das Gefühl hat, Musik zu hören, sondern auf einer unbezogenen, schäbigen Matratze zu liegen und Geschichten erzählt zu bekommen.

Außerdem hört sich „Vergifte dich“ an wie das erste Konzeptalbum seit langem, die Reihenfolge macht irgendeinen unergründlichen Sinn,  so eingängig funktionieren die Songs, wenn man sie alle hintereinander und immer wieder hört. Am besten jetzt.

  • Isolation Berlin: „Vergifte dich“, erschienen bei Staatsakt  
  • 15.03.18 Potsdam – Waschhaus  
  • 07.04.18 Zwickau – Alter Gasometer  
  • 12.05.18 Berlin – Astra Kulturhaus  
  • Mehr Tourdaten und Tickets  

Neunmal high und einmal Reue

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Nach langem Warten präsentieren Franz Ferdinand ihr neues Album: Seit dem 09. Februar ist „Always Ascending“ erhältlich.

Rock’n’Roll wurde in den Vereinigten Staaten erfunden. Allzu lang dauerte es aber nicht, bis die Insel zwischen Nordsee und Atlantischem Ozean, das Vereinigte Königreich, zum Kreissaal jedweder legendären Geburt des Genres mutierte. Zu diesen Kindern gehören auch Franz Ferdinand, auf deren eigenen Nachwuchs die Welt lange hat warten müssen. In diesem noch jungen Jahr ist es aber so weit: Die Schotten präsentieren ihr neues Album „Always Ascending“.

Die titelgebende Single kann man schon seit vergangenem Oktober belauschen, ein Ausblick auf den eingeschlagenen Weg gibt sie wohl, wenn die ersten Pianoschläge ertönen und die entstandene Irritation dann von Alex Kapranos gewaltiger Stimme aufgelöst wird. Der Song ist ein Höhenflug, ein High, der Reue zumindest lyrisch nur am Rande formuliert.

Schottisches Raufboldentum und Trinkfestigkeit

Mit ihrem Erstlingswerk von 2004 schafften es Franz Ferdinand sich nicht nur international, sondern auch in den Staaten Gehör zu verschaffen. Das Album war die Initialzündung für die Entstehung einer ganzen Front indierockender Bands im Königreich. Class of 05, benannt nach dem Jahr der größten Sternstunden und den meist schülerhaften Akteuren, sollte diese neue, pluralistischere Phase heißen. Und Franz Ferdinand waren irgendwie und irgendwo die musikalisch-moralische Instanz dieser Epoche.

Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Jungs überpünktlich zum Durchbruch mindestens an der Dreißig kratzten und alle schlechten und postpubertären Angewohnheiten, abgesehen von dem den Schotten eigenen Raufboldentum und immer währender Trinkfestigkeit vielleicht, mehr oder weniger abgelegt hatten. Ganz sicher war es aber auch einfach schon immer ihrer wirklich außergewöhnlichen Musik geschuldet.

Erfolgsverwöhnt und ernüchternd: Elektronische Musik auf dem Vormarsch  

Mit der Single ‚Take Me Out‘ vom ersten Studioalbum schafften sie gleich auch den Durchbruch auf dem für europäische Bands mittlerweile in jeder Hinsicht schwierigen US-Markt. Eine nicht minder erfolgreiche Platte folgte der ersten im Herbst 2005. Vier weitere Jahre später war die Situation dann schon eine ganz andere: Elektronische Musik auf dem Vormarsch, nicht nur in Berlin, nicht nur in Manchester, auch in Glasgow, Geburtsort der Band.

Man hielt am bewährten Konzept fest, traf damit sicher den Geschmack ganz eingefleischter Fans, nicht aber den Zeitgeist. Und irgendwie stellte der gewählte Mittelweg niemanden so ganz zufrieden. Anhänger der ersten Stunde enttäuscht ob der hier und da neuen Sounds, Avantgardisten vergrault mit Halbherzigkeit. Wieder vier Jahre später, 2013, ein letzter Versuch, mit dem altbewährten Rezept erfolgreich zu sein.

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“, diesem, Einstein zumindest zugeschriebenen Zitat zufolge, war das Album blanker Wahnsinn, und nicht auf die gute Weise. In den aller meisten Fällen impliziert Indie-Musik gemeinsames Erwachsenwerden von Band und Fans, Erfolg nicht zuletzt auch bei Mädchen und gerade deshalb auch Identifikation für die Jungs.

Einflüsse für das neue Material? McEwan’s Export und Kokain

Franz Ferdinand hatten ihrer Fanbase gegenüber aber einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung. Sie wurden nicht erwachsen, sie waren es schon. Nicht nur deshalb wurde es dann auch ruhig. Es folgte 2015 die von langer Hand geplante und FFS genannte Kooperation mit den US-amerikanischen Sparks. Erste Gehversuche, zeitgemäße Beats zu etablieren. Große Teile des Publikums nahmen das eher verärgert auf, das Erwachsenwerden verlief eben nicht parallel.

Nun, fünf Jahre nach dem letzten echten Album, drei nach der schwierigen Kooperation und zwei nach dem medial quasi nicht stattgefundenen Release des Donald-Trump-Pamphlets ‚Demagogue‘ bringen die Schotten eben „Always Ascending“. Es umfasst zehn Tracks, für die ein neuer Produzent engagiert wurde, es gab Personalwechsel, man wollte sich neu erfinden, sperrte sich dafür in einer abgelegenen Hütte ein. Es brauchte eine wahrhaftige Renaissance.

Mitgründer Nick McCarthy, der mehr Zeit für Familie und andere Projekte wollte, verließ die Band, für ihn übernahm Julian Corrie Gitarre und Keyboard im Studio. Einflüsse für das neue Material? „Mir fällt eigentlich nur Tarka Daal, McEwans Export und Kokain ein… vielleicht sollten wir lieber nicht davon sprechen.“ sagt Drummer Paul Thomson.

Also alles wie immer. Wie immer? Nein, sie wollten neu und sie kreierten neu: Seit geraumer Zeit tun sich Bands dieses Genres schwer mit dem Spagat zwischen rebellierender Jugend und klarer Linie, zwischen Rock und radiotauglich. Der gelingt den Schotten aber besonders gut mit „Feel The Love Go“, eine wahre Indie-Dance-Hymne. Würden die ganzen Clubs dieser Richtung nicht gerade ihre Türen für immer schließen, dies wäre ein neuer für lange Nächte.

Der Puls bleibt immer auf Schlagzahl  

„Paper Cages“ hingegen könnte das heimliche Schmankerl für eingefleischte Fans sein. Jeder Takt erinnert an frühe Werke, ohne je abgestanden zu wirken. Frisch gemacht und bereit für 2018 könnte man sagen. Die schnellen Rhythmuswechsel in „Glimps Of Love“ vereinen Postpunk-Elemente mit experimentellen Effekten, dazu einen eingängigen Refrain. Der Song kaschiert aber an mancher Stelle auch die melodischen Qualitäten der Band.

„Lazy Boy“ hingegen weckt Erinnerungen an alte Tage, funkbetonte Akkordfolgen, eingängige Riffs in der Bridge und ein schmissiger Refrain werden im Club wie im Stadion zu biergeschwängertem Mitsingen einladen. Der heimliche Superstar der LP aber ist „The Academy Award“. Der teilweise akustisch eingespielte Song mag den Blutdruck vorübergehend senken, der Puls bleibt ob der Stimme und der mit- bis zerreißenden Melodie aber immer auf Schlagzahl.

Dieser fünfte Song von „Always Ascending“ kann lyrisch als Kritik an der zunehmenden technikinduzierten Verrohung der Gesellschaft und gleichzeitig als verzweifelte Ode an die Menschheit verstanden werden: „Through liquid crystal we look at the world“, wir betrachten die Welt auf einem LCD-Bildschirm. Sänger Alex Kapranos trägt sie mit größter Elastizität im Bariton vor. Was bleibt von dieser lang ersehnten Platte, ist eine äußerst professionelle und doch emotionale Gratwanderung zwischen Class of 05 und 2018. Öffnet man sich den neuen Tönen, hört man ein wirklich gelungenes, facettenreiches Album, das jedes mal noch ein kleines bisschen besser wird. 2005 ist lange vorbei!

  • Franz Ferdinand: „Always Ascending“, erscheint bei Domino Records  
  • 01.03.2018 Hamburg – Mehr! Theater
  • 05.03.2018 Köln – Palladium
  • 07.03.2018 Berlin – Tempodrom
  • 12.03.2018 München – Tonhalle

Engagement macht frei!

Am 08. Februar hat Robert Menasse in Berlin über seinen preisgekrönten Europa-Roman „Die Hauptstadt“ gesprochen und daraus vorgelesen. Die Quintessenz: ein unglückliches Format tut seinem Buch keinen Abbruch.

Das Atrium der Deutschen Bank. Ein ökonomisch-dogmatisch gestriegelter Veranstaltungsort, an dem Robert Menasse, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017, dem radioeins-Literaturagenten Thomas Böhm Rede und Antwort steht. Und aus seinem preisgekrönten Werk „Die Hauptstadt“ liest.

Gekünstelte Altbaufassaden umgeben das Publikum, echte Altbauten waren das nie, und ein Glasdach hält sie zusammen. Ein Deutsche-Bank-Angestellter im Designeranzug eröffnet das rein kulturelle Interesse der hauseigenen Stiftung, die auch Hauptsponsor des Deutschen Buchpreises ist. Es riecht nach einer Pflichtveranstaltung für den letztjährigen Gewinner.

Die Akustik ist mies. Schwer verständlich also eröffnet der radioeins-Mann Böhm den Talk über Menasses Europa-Roman mit einem Witz: „Heute dürfen nur Handys stören, deren Klingelton ‚Eine Ode an die Freude‘ ist.“ Er biedert sich schon sehr an. Das Gespräch aber ist interessant, der Wiener Autor erzählt freigiebig über die Entstehung, die Recherche: Frei nach dem Motto „kannste einen, kannste alle“ habe er zahlreiche Kontakte der Eurokratie gemacht.

Roter Faden und Recherche  

Die Frage nach derer Literaturfähigkeit stellte sich ihm nur anfangs, viel warm gegessen habe er bei all den Treffen. Sympathisch tritt Menasse auf, gefragt nach dem durch Brüssel rennenden Schwein, einem stringenten, verbindenden Element in seinem Roman, gesteht er, nicht mehr zu wissen wie es zu der Idee kam. Das Schwein halte aber als Metapher für quasi alles her: Glücksschwein und Drecksau, Nazisau bis Judenschwein. Kulturell Ambivalent und doch universal.

Und neben dem Schwein als roten Faden hält es auch sinnbildlich für die aktuelle EU-Politik her. Viele Ressorts mit verschiedenen Zielen suchen vergeblich nach einer Lösung für die Zucht, den Binnenmarkt und nicht zuletzt den Export. Könnte hier nur auch ein Schwein das konnektive Element sein.

Als käme Robert Menasse nun umhin, die Eingangssequenz mit dem Schwein zu verlesen. Dabei wurde durch die ausführliche Diskussion im Vorhinein doch jede Spannung genommen. Er tut es trotzdem, gezwungenermaßen, und mit Wiener Akzent lässt sich doch alles irgendwie genießen, Schmunzeln gehört einfach dazu.

Windbeutel in Brüssel und Wien – und an der Macht  

Dann wird wieder geredet, über europäische Politik, über österreichische, über Sebastian Kurz, den neuen, jungen Kanzler, der ob seines um nationale Beschwichtigung bemühtes, teils gekünstelt verlogenes Verhaltens während seiner Zeit als Außenminister der Alpenrepublik in Brüssel laut Menasse hauptsächlich als Windbeutel bekannt ist.

Um szenisch auf seine nächste Leseprobe zu lenken, wird wie im Buch auch Auschwitz thematisiert. Er war selbst am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers vor Ort, der eigentlich irgendwelchen Delegationen vorbehalten ist. Der Autor rekapituliert die Geschichten, die auch den Weg in „Die Hauptstadt“ gefunden haben: Der Kaffeeautomat der Marke „Enjoy“, die einlassgewährenden Badges, die mit einer Aufschrift signalisieren, dass ihr Verlust dem der Aufenthaltsgenehmigung gleichkäme.

Rauchen macht frei  

Ungewollte Komik. Und dann liest er wieder vor. Und hinter ihm steht im Scheinwerferlicht ein Banner der Deutschen Bank Stiftung mit den Insignien der reibeisenbehandelten Fingerspitzen. „Engagement überwindet Grenzen“ klingt wie das ins 21. Jahrhundert beförderte Dogma der nationalsozialistischen Deportationslager, über deren Toren „Arbeit macht frei“ prangte.

Scheint niemandem aufgefallen zu sein. Außer Robert Menasse: Komisch ist eben die Realität. Wie auch die EU, deren Idee auf den Schrecken des Zweiten Weltkrieges fußt und die in jeder Sekunde verteidigt werden muss. Auch wenn es den Status Quo zu kritisieren gilt, und das tut Menasse, in seinem wirklich großartigen Roman genauso wie am Mikrofon. Das ist sein Thema, er verficht es zum Letzten, könnte sicher ewig weiterreden. Aber jetzt braucht Robert Menasse erstmal eine Zigarettenpause.

Februar 2018

Bald ist’s geschafft, die Wüste durchquert
Der eisige Wind, der die Blätter durchfährt
Auch er wird längst gewesen sein
Wenn das Licht, wenn der gelbe Schein
Wolken grau vom Himmel ringt
Wenn der gelbe Schein durch die Blätter dringt

Auf und nieder und zu zieht sich die Luft
Füllt sich bald mit neuem, anhaltendem Duft
Noch lässt er auf sich warten
In der Städte Garten
Mögen die Knospen aufsteigen gen Blau
Bald löst sich der Braunblätter letzter Tau

Dann werden sie wieder zusammen steh‘n
Hand in Hand die Straßen lang zieh‘n
Aus dem nichts werden sie da gewesen sein
Zu aller Wunder, nur kurz stellt sich’s ein
Dann ward‘s vergessen wie alle Wunder nur
Außer das eine, das der Natur.

Jann-Luca Zinser

Eine Enzyklopädie des Zarten

Im Neuköllner Körnerpark werden seit dem 2. Februar nicht nur multimediale Werke, die sich mehr oder weniger abstrakt mit dem Zarten auseinandersetzen, ausgestellt.

Atmosphärisch völlig deplatziert und doch erhaben bis wundervoll erstreckt sich der Körnerpark wenig abseits der durchaus frequentierten Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln. Unweit unzähliger Dönerbuden, Handy-Reparatur-Läden und Großstadtstaub findet sich eine royal anmutende, schlossgartenähnliche Parkanlage inmitten des Szenebezirks. Offensichtlich gibt sich hier jemand Mühe bei der Pflege der Grünflächen. Und hier finden sich Speisesaal wie Galerie, im Sommer öffnet der Biergarten und lädt auch abseits abgedroschener Floskeln wahrlich zum Verweilen ein.

Doch das farbenfrohe Spiel der Flora vor dem Kiesbett weist auch den Weg in die Galerie am Körnerpark. Langgezogene Räumlichkeiten mit Decken, die an Unendlichkeit zu erinnern vermögen, spenden Platz für die Werke von beinah 40 Künstlern, kuratiert von Anne Brannys unter dem viel bis nichtssagenden Titel “Eine Enzyklopädie des Zarten“.

Eine Domäne des Weiblichen?

Nebst jedwedem aktuellen Diskurs bleibt zumindest auf den ersten Blick das Zarte eine Domäne des Weiblichen, der stereotype Mann würde sich wohl die Bezichtigung der Grobheit gefallen lassen, bevor er sich und anderen Zärtlichkeit ein- und zugesteht. Doch in dem von Maximilian Meier ausgestellten Comic tritt die ganze Deutungsambivalenz des zarten Begriffes zutage. Das Zarte braucht stets das Unzarte, um als zart zu gelten, wie das Gute des Bösen bedingt. Wie kann etwas zart sein, wenn es das Grobe nicht gibt?

Die facettenreiche Ausstellung findet einen ihrer zahlreichen Höhepunkte in der Arbeit von Edith Kollath. Sie hat sich intensiv mit der menschlichen Atmung auseinandergesetzt. Während Tiere hecheln, keine Pausen zwischen Ein- und Ausatmen machen, so erzählt sie, lernt der Mensch mit der Entwicklung seines Ichs nicht nur atmenden Stillstand, er nutzt diesen explizit beim Sprechen.

Fasziniert davon entwickelte sie die Ideen für die beiden von ihr ausgestellten Stücke. Das fallende Tuch, genannt „nothing will ever be the same“, ist beeindruckend simpel aufgebaut und vermag doch irgendwo den Zyklus des Lebens darzustellen. Es gibt Säugetiere, Spitzmäuse beispielsweise, mit vierstelligem Ruhepuls und Elefanten mit einer Herzfrequenz von etwa 25. Beide werden in ihrem Leben eine sehr ähnliche Gesamtzahl an Herzschlägen erfahren.

Von der kulturellen Verbundenheit von Gesellschaft und Religion

Und so divers der Atemrhythmus zwischen den Säugetieren ist, so ist er es auch bei den Menschen im Speziellen. Eine kinetische Konstruktion zieht ein weiß schimmerndes Tuch hoch bis zur Decke und lässt los. Das Tuch fällt immer, doch fällt es immer anders. Wie die Töne, die der Mensch beim Ausatmen von sich gibt, die immer anders geartet sind, immer andere Laute formen, sich zu Sprache wandeln.

Außerdem zeigt Edith Kollath ihre atmenden Bücher „Bibel und Koran“ („Thinking I’d last forever (Duett: Bible & Koran)“. Die atmenden Bücher gibt es schon länger, in verschiedenen Ausführungen. Doch die ausgestellte Version ist neben der Kunst auch ein forderndes, ein progressives Signal für wenig säkulare Völkerverständigung. Die Prämisse der kulturellen Verbundenheit von Gesellschaft und Religion nutzend, impliziert das Werk eine wahrhaftige menschliche Zugewandtheit, die unserer Zeit nur gut täte.

Der Aufbau glänzt wieder in seiner Schlichtheit, wenn er auch zahllose Arbeitsstunden impliziert, die auf den ersten Blick kaum sichtbar sind. Zwei jeweils antike Exemplare von Bibel und Koran liegen einander gegenüber. Profitieren von der verschiedenen Leserichtung, keiner muss kopfstehen. Mittels Motor und in Feinstarbeit an Nähten aufgezogener Seiten empfinden die Bücher eindrucksvoll die Funktionsweise einer menschlichen Lunge nach.

Abseits des Kunstwerkes an und für sich kann die Entstehungsgeschichte ebendieses Exemplars allein stehen. Während sich im mit Antiquariaten übersäten Berlin zahllose elegante wie eingestaubte, beeindruckende Bibelexemplare finden, gestaltet sich die Suche beim islamischen Pendant deutlich komplizierter. Der Ästhetik und der Technik halber sollten die Formate der Schriften sich jedoch wenigstens ähneln.

Grenzen einreißen, Kommunikation schaffen

Intensivere Recherchen förderten zutage, dass der Islam einen zumindest gefühlt wesentlich sorgsameren Umgang mit dem Buch als Produkt, das es ja auch ist, proklamiert. Regeln für die Benutzung, vor allem aber auch für davor und danach spiegeln die Intensität der Glaubensrichtung.

Nichts und mehr von alledem aber konnten die in Eutin Kollath davon abhalten, die atmenden Bücher symbiotisch einander gegenüberzustellen. Die Rücken hinten, die offenen Seiten einander zugewandt, könnte dieses Kunstwerk, einmal verstanden, Grenzen einreißen, Kommunikation schaffen, Differenzen nicht nur abbauen, sondern überspringen.

Eine andere Version der atmenden Bücher, in dem Fall antiquarische Ausgaben von Klassikern der Weltliteratur, hat es schon in die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar geschafft, wo sie ab Mitte März in einer ständigen Ausstellung präsentiert werden.

Vielleicht schafft es diese ja in die heilige Stadt. Irgendwann. Und befriedet den wohl größten Konflikt der jüngeren Menschheitsgeschichte. Bis dahin gilt es, auch die intensiven, hier und da intimen, aber immer mindestens frischen Exponate der zahlreichen Künstler in der Galerie im Körnerpark zu betrachten, zu erfahren, wertzuschätzen. Denn wie sagte schon John Locke? Nichts macht einen zarteren und tieferen Eindruck auf den Geist des Menschen als das Beispiel.

  • Galerie im Körnerpark: Schierker Str. 8, 12051 Berlin
  • täglich geöffnet von 10 – 20 Uhr  
  • Die Ausstellung läuft bis April  

 

Rotwein lädt zum Sitzen ein

Am 25. Januar spielte Iron & Wine in Berlin. Tolle Stimme, toller Gig  – so man denn zu zweit und wankelmütig ist.

Iron & Wine, das ist Musik zum Kuscheln. Die man hört, wenn man zu zweit im Bett liegt. Oder alleine, an einem kalten, regnerischen Tag. Gitarrenmusik irgendwo, im Ensemble aber eher orchestral. Nichts für Exzesse, eher was für ein Glas Rotwein. Höchstens zwei.

Iron & Wine, das ist vor allem Sam Beam, ein gut aussehender US-Amerikaner mit Rauschebart. Egal mit wem er spielt oder auftritt, denn allein ist er nie, bleibt er wohl das musikalische Mastermind hinter den zahlreichen Songs.

Nun kam er also nach Berlin auf großer Europatournee, brachte einen Cellisten, eine Pianistin, eine Percussionistin und einen Kontrabassisten Schrägstrich Gitarristen mit in Huxley’s neue Welt an der Hasenheide. Ihn selbst an der Gitarre nicht zu vergessen. Es gibt ein umfangreiches Werk zu präsentieren, wenn auch nicht alle Songs von professionellen Studioalben kommen, so ist das Repertoire mehr als abendfüllend.

Das Huxley’s kennt man eher aus feucht-klebrigen, biergeschwängerten Nächten, in denen sich kalter und frischer Rauch zu harmonischen Schwaden formieren. Bei Iron & Wine ist das anders. Über der Bühne hängen zahlreiche, wattene Wolken, von den Boden-LEDs eindrucksvoll angestrahlt, davor eine unendliche zivilisierte Meute aus schmusenden Pärchen und zart kreischenden Frauen mittleren Alters, die wirken, als würden sie Sam Beim die Kleider am liebsten mit den Zähnen vom Leibe reißen. Ohne, dass das jemals unangenehm wirken könnte.

Die Stimme ist eine Wucht

Das Konzert dann ist irgendwo eine Wucht. Die Stimme  – eine Wucht. Selten allein gezeigt, wunderbar kombiniert mit ebenjener der Pianistin, entsteht dieses orchestrale, fast theaterhafte Schau- und Klangspiel, das einen vergessen lässt, dass man ohne Begleitung ist oder in Tieferes verschwinden kann. Wenn die Songs sich auch sehr ähneln, so sehr, dass der Laie sie kaum unterscheiden kann, so ist es doch Genusswerk.

Einzig die fast zwei Stunden auf der Bühne ermüden doch irgendwann. Zwischendrin verschwindet das Ensemble, der großartige Sam Beam bleibt allein zurück auf der Bühne, performt solo. Macht Witze. Die gut ankommen. Dann ist die Band zurück mit aufgeklebten Rauschebärten, spielt ein letztes Encore in perfektionistischer Manier. Und dann sind sie weg. Nur das halbvolle Glas Rotwein auf dem Verstärker steht noch da. Eigentlich ein Konzert zum Sitzen.

  • Iron & Wine spielen in Europa außerdem noch in der Schweiz, in Österreich und Italien  

James will doch nur spielen

James ist Singer-Songwriter, stammt aus einer Kleinstadt in Schottland, hat stets eine Zigarette im Mund und einen Drink in der Hand. Heute tritt er in der Lagari-Bar in Neukölln auf. Arbeiten nennt er das aber nicht.

„Routine is the lazy boys‘ hell“, singt der Mann mit den langen Haaren ins Mikrofon. Er heißt James Michael Rodgers, ist 26 Jahre alt, Schotte, und hat eine Stimme, so durchdringend, dass man denkt, die Luft vibriert. Man konnte sie schon vor dem Auftritt hören. Nicht auf der Bühne, sondern aus allen Ecken der Bar. Denn James scheint mit jedem hier bekannt zu sein, und bei wem das noch nicht der Fall ist, den lernt er eben kennen. Alkohol hilft dabei.

Betrunkene, die in Berlins Kneipen wirre Geschichten erzählen, sind keine Seltenheit. Dazu gehört James aber nicht: Er hat heute eine offene Bühne organisiert, spricht mit den Teilnehmern, sammelt in einem Hut Geld für sie und ruft störende Besucher zur Räson. Er ist dabei allerdings selbst so laut, dass man der Musik nicht mehr folgen kann. Sein Auftritt ist der letzte für diesen Abend, es ist bereits nach eins. Die meisten Gäste sind gegangen, ebenso die anderen Künstler. Viel erwartet man nicht, die vorherigen Beiträge des Abends geben keinen Anlass dazu.

Als hätte er Schleifpapier gegessen

Und auch James ist heute nicht in Form. Die vorherige Nacht hat er durchgemacht, in einer der Berliner Kneipen, die nie schließen. Er hat nicht geglaubt, dass es das wirklich gibt, wollte nur mal nachsehen und ist dann dort versackt. Viele billige Schnäpse, noch mehr Zigaretten – seine Stimme klingt, als hätte er Schleifpapier gegessen. Im Gespräch mit James bleibt jedes zweite Wort unverstanden, was nicht nur an seiner Heiserkeit liegt. Der 26-Jährige spricht Englisch mit genuscheltem schottischen Akzent und trotz zwei Jahren in Berlin kein Wort Deutsch.

Anfang 2015 ist er von Glasgow nach Schöneberg gezogen, der Onkel seiner Freundin besitzt hier eine Einzimmerwohnung, die die beiden für 400 Euro mieten. Anders als die meisten Songwriter finanziert sich James nur durch Musik. Beim Busking, wie das Auf-der-Straße-Musizieren auch genannt wird, verdient James an den besten Tagen 20 Euro die Stunde. Sehr viel länger darf ein Auftritt für ihn auch nicht dauern. Denn das laute Singen, das genauso zu seinen Songs gehört wie die schnellen Gitarrenriffs, ist anstrengend.

Davon ist jetzt aber noch nichts zu merken. Schon bei den ersten Tönen bereut es keiner der Anwesenden, geblieben zu sein. Auf der Bühne steht nicht der Kerl mit Alkoholproblem, sondern einer, der was zu sagen hat. Wegen des Akzents ist zwar nicht viel vom Text verständlich, aber die Zeilen, die ankommen, gehen direkt ins Herz. Mal winselt seine Stimme “Feasting on your soul, soul, soul“, ein anderes Mal schmettert sie einen Refrain: „It ́s a shame to be alive“.

Bis zum Haus mit Kindern ist es noch weit

Nach sechs Songs steigt James durchgeschwitzt und nun gänzlich ohne Stimme vom Podest. Ein Glas Whiskey steht schon bereit, James schnappt es im Gehen und rennt wie ein Staffelläufer weiter zum Ausgang. Draußen kramt er Drehzeug aus der Hosentasche. Er hat zwar während des Auftritts viel geraucht, aber die Zigarette danach ist doch immer die beste. Über 60 solcher Konzerte hat er im letzten Jahr gegeben, die Straßenmusik nicht mitgezählt.

Er träumt davon, einmal ein Haus im Grünen zu haben. Mit eigenem Studio, Katze, Hund und Kindern. „Und alle paar Monate auf Tour“. Draußen, vor der kleinen Kaschemme in Neukölln, ist das weit weg. Ohne die paar Tage, die seine Freundin wöchentlich in einem Café jobbt, kämen sie erst gar nicht über die Runden.

Er könnte mehr verdienen, wenn er statt eigener Lieder Coversongs spielte. Vor angesoffenen Touristen, die drei Mal hintereinander „Wonderwall“ grölen wollen. Dazu sagt James aber: Das wäre kein Musikmachen mehr. Das wäre Arbeiten. „Und ein Arbeiter bin ich nicht. Ich bin Musiker.“