The Deconstruction der Eels

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Oder auch: Schnarchen in 15 Songs

„Life is hard and so am I.
You’d better give me something so I don’t die.“

Mit diesen Worten starteten die Eels vor über 20 Jahren ihr wohl bestes Album Beautiful Freak.  Inzwischen scheinen sie recht viel vom falschen „Something“ bekommen zu haben und dennoch ein hartes Leben zu führen. Denn  „The Deconstruction“ ist eine melancholische Schlaftablette, die verschwurbelnd, verkomplizierend und überproduziert keinen Aal mehr aus seiner Höhle locken kann.

Ähnlich gut wie der Wortwitz mit dem Aal (englisch: Eel) sind übrigens auch die Texte einiger der deutlich zu lang geratenen Songs auf „The Deconstruction“. Glaubt ihr nicht? Bitteschön:

I love that you’re my best friend and my wife
And I love our little family and our life

Was es sonst noch so zu „The Deconstruction“ von den Eels zu sagen gibt und ob die ganze Redaktion das so sieht, hört ihr in dieser aktuellen Audio Review von „Konzeptfreiheit bespricht“. Direkt im Player unter diesen Zeilen, oder auf Spotify.


Eels live 2018:

  • 25.06. München, TonHalle
  • 26.06. Köln, E-Werk
  • 28.06. Berlin, Tempodrom
  • 29.06. Hamburg, Mehr!Theater

 

Zeichen einer Zeit

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Irving Penn wird bis zum 01. Juli 2018 anlässlich seines 100. Geburtstags mit einer einzigartigen Retrospektive in der C/O Galerie gefeiert.

Unzählige warten auf Einlass, Irving Penn anlässlich seines 100. Geburtstages mit der großen Retrospektive „Centennial“ in der C/O Galerie im Amerika-Haus zu feiern. Nachdem drinnen im Kreise Ausgewählter die Vernissage eröffnet und die ersten Weinfalschen geköpft wurden, werden nun hunderte Fotografieenthusiast*innen in den beengten Eingangsbereich gespült.

In der Luft hängt ein Gemisch aus schwerem Parfüm und Weißwein. Vorbei an Blusen, Sakkos und individuellen Hornbrillen empfängt am Ausstellungseingang endlich Irving Penn die Besucher*innen höchstselbst in Form eins übergroßes Selbstporträt, das ihn leger an seiner Großformatkamera lehnend zeigt. Beginnend mit Penns Stilleben, die er in den frühen 1940ern als erste Auftragsarbeiten für das Modemagazin Vogue arrangierte, entwickelt sich die Ausstellung chronologisch.

„Theatre Accident“ zählt wohl zu seinen bekannteren stilllebendigen Kompositionen: 1947 arrangierte er den durch ein Malheur auf dem Boden zerstreuten Inhalt einer Damenhandtasche während eines Theaterbesuchs. Auf den ersten Blick erscheint alles als heilloses Chaos, im zweiten aber lässt sich die Sorgfalt einer eigenen Ordnung erkennen, nämlich die einer symbolischen Beschreibung kleiner Zeitkapseln, die in ihrer kontrollierten Anordnungen auf etwas Nicht-Anwesendes verweist – wie aus Kaffeesatz lassen sich hier aus dem Tascheninhalt Zeichen der Zeit, der Begegnungen und der Identität der Taschenträgerin erahnen. Kleine Rätsel, die manche Besucher*innen erfolglos in frontaler Distanzlosigkeit zu den Bildern zu erraten versuchen. Leider.

1945 kehrte Penn nach einem Kriegseinsatz wieder zur Arbeit bei der Vogue zurück. Im Angrenzenden Teil der Ausstellung zeigt sich, dass Penn die technische Kontrolle seiner Stillleben auf seine ersten ruhmreichen Porträts übertragen konnte. Es entstanden seine „Existenziellen Porträts“, die nicht nur aufgrund der abgebildeten Prominenzen zu zeitgeschichtlichen Bildern wurden. Penn war ein Meister darin, Subjekte außerhalb ihrer habituellen Kontexte zu inszenieren, denn seinen Modellen ließ er zwar jede Entfaltungsmöglichkeit, doch stets vor einem minimalistisch kontrollierten Hintergrund.

Eine Technik, die er auch während seiner Reise 1948 ins Peruanische Cuzco exportierte. In einem geschichtslosen Studio porträtierte er die hiesige Dorfgemeinschaft. Die Form des Beschreibens in seinen sogenannten „Ethnografischen Fotografien“ bleibt aus anthropologscher Sicht unbedingt fragwürdig, denn er nimmt Anlehnung an den zeitgenössischen Primitivismus mit dessen Inszenierungen des Edlen Wilden – einem Idealtypus vorzivilisatorischen Lebens. Andererseits erzeugte er mit der Übersetzung seiner Technik der Existenziellen Porträts in diesem Peruanischen Kontext eine Art der Gleichzeitigkeit: Ob US-Amerikanischer Glamourstar oder provinzieller Marktverkäufer, für Penn ergeben sich daraus keine Unterschiede aber zeitlose Fotografien.

So bemerkt er mit Hinblick auf seine Modefotografien: „Ich hatte immer das Gefühl, dass wir Träume verkaufen, nicht Kleider.“ Ein Zitat mit welchem auch koloniale Sehnsuchtsgefühle der Moderne interpretiert werden können, für die Penn plastische Metaphern schuf. Dennoch: Penn verstand es, in seinen Fotografien Zusammenspiele von Formen und Zeiten zu inszenieren. Darin liegt wohl sein meisterhaftes Können, das sich lohnt, bestaunt zu werden.

 

Sommergäste gefangen im eigenen Wahnsinn

Sommergäste
Foto: Arno Declair

Im Deutschen Theater ist derzeit Maxim Gorkis „Sommergäste“ zu bewundern. Zeitlos, aber im Geiste der Moderne inszeniert. 

Es ist doch immer wieder beeindruckend, wie zeitlos Theaterstücke sein können. Ob geschrieben in Zeiten größter Gelassenheit oder in der Krise, manches, so scheint es, ändert sich eben nie. Die Inszenierungen vielleicht, sie werden drastischer. Oder doch das Publikum empfindlicher? In Gorkis’ „Sommergäste“, im Deutschen Theater inszeniert von Daniela Löffner, stimmt wohl beides.

Nachdem sich kurz vor der Pause des vier Stunden langen, aber äußert kurzweilig aufgeführten Dramas die Julija Filippowna, gespielt von Kathleen Morgeneyer, im Rahmen ihrer Gesangseinlage schwarze Farbe erst auf die Beine, dann in den Schritt schmiert, kehren nach dem erneuten Gong jedenfalls viele der Zuschauer nicht zurück in den Saal. Dabei war ihre Performance wahrlich eindrucksvoll. Im goldenen Paillettenkleid schreitet sie zum Mikrofon, das Gewand wirft Lichter zurück in den Saal wie eine Discokugel und ihr vormals zarter Charakter erfährt eine langsame, intensive Steigerung, um am Ende doch zu explodieren.

Dem Publikum den Rücken zugewandt, streift sich Morgeneyer die schmalen Träger des Kleides von den Schultern, die Erregung auf der Bühne wie im Publikum ist greifbar, selbst bei den anderen Darstellern hat man das Gefühl, dass sie nicht wissen, ob sie sich umdrehen wird.

Komisch bis bissig auch in der aktuellen Debatte um Mann und Frau  

Sie dreht sich um. Schwarze Tassels verdecken die Brustwarzen an ihrem unglaublich drahtigen, muskulösen und hocherotischen Körper. Zuckend — kein orgasmisches Zucken, wohlgemerkt — vollendet sie großartig singend die Performance, die Aufführung in der Aufführung. Die Geschichte an sich aber funktioniert sprachlich wie inhaltlich auch im Heute, Sätze aus dem Vorabend der Revolution zitierend genauso wie pointierte Sprüche aus dem Jetzt.

Maxim Gorki wusste schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die moralische Zerrissenheit der Bourgeoisen und um die Stärke der Frauen, die gerade in dieser Zerrissenheit umso mehr zutage tritt. Regisseurin Löffner weiß das komisch bis bissig auch in die aktuelle Debatte um Mann und Frau zu integrieren. Auch die anderen, größtenteils aus dem Ensemble des Deutschen Theaters bekannten Darsteller wissen zu überzeugen mit jeder Menge Witz, bisweilen mit Tragik ihrer Figur wie in der ödipalen Beziehung des jungen Wlas (Marcel Kohler) zur älteren Schon-Mutter Marja Lwowna (Regine Zimmermann).

Die ständige Präsenz aller auf der Bühne, einem bronzenen Kasten, führt zu einer im besten Sinne kleinteiligen weil somit kurzweiligen Darbietung, die nicht mit Spannung und nie mit Gesellschaftskritik geizt.

  • Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, 10117 Berlin  
  • nächste Aufführungen: 18.04., 05. und 20.05.2018  
  • Mehr Infos

März 2018

Fastenzeit

Und es begab sich, dass ein Blinder sich verirrte
Durch goldene Pforten in der Hesperiten Garten,
Betört von wohlig klingenden Gesängen,
Sieh hin! Schau Her!
Was unter der Sonne Kraft so funkelnd vor dir lacht.

Am Ort an dem die Quellen nie versieben,
stößt lieblich zarter Hauch
die Worte der Versuchung aus
und trifft auf taube Ohren, harter Brauch,
enthaltsam, von nun an nicht zu lieben.

Nach einem Tag und einer Nacht,
den Samen sicher an sein Ziel geschafft,
Geht auf die Knie er nieder
Inmitten ewig blühender
Wiesen
Und gräbt ein Loch.
So möge doch
Ein endlich Keim hier für ihn sprießen.

Und um die Saat zu wässern, folgt er nun dem Rauschen,
Aus dem verwunsch‘nen Weiher streift die Nymphenhand
Um am Schopfe ihn zu packen,
Unentwegt, dem Pfade treu
Versagt er ihrem Zauberbann
Und schöpft drei Tropfen
Sobald zurück, beginnt er neu.
und bringt die nächsten Drei heran.

40 Tage lang.

In stummer Frömmigkeit,
Kein Wasser er getrunken,
Durstend nach der schönsten aller Blüten.

Und es begab sich, dass ein Finder unbeirrt
Durch goldene Pforten verlässt der Nymphen Wundergarten,
Gesäumt von zartesten Geränken.
Sieh hin! Schau her!
Was ohne seiner Augen Kraft so blühend er gebracht.

Ein Opfer
Dir zu zeigen
Ihr Kopf, er soll an deiner Stelle
sich in Endlichkeit
verneigen.

Kenneth Koslowski

George soll mal bei Tamara bleiben

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Kennt ihr das? Der Motor will nicht so richtig durchstarten? Er schnoddert, stöhnt und ächtzt, nur kurz heult er richtig auf. Und am Ende ist dann doch nicht genug Power da, um das Auto zur nächsten Kneipe zu bringen. Ähnlich verhält es sich mit dem neuen Album „Staying at Tamaras“ von George Ezra. Wer das so noch nicht versteht, der sollte in die neue Folge „Konzeptfreiheit bespricht“ reinhören! Denn: ob „Paradise“ oder All my Love“ als Kickstarter des Albums taugen, hört ihr in der Review: George Ezra – „Staying At Tamara’s“.

Von den Fratellis nichts Neues

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Review zum Hören: „In Your Own Sweet Time“ von den Fratellis

Wie viel Teenagerschweiß die Fratellis mit ihren Indiehüpfhymnen bereits vergossen haben, lässt sich nur schwer einschätzen. Mit ihren ersten beiden Alben haben die „Gebrüder“ (das bedeutet der Bandname nämlich ins Deutsche übersetzt) aber anscheinend sämtliche Asse ausgespielt, die sie in ihren engen Indiehemdsärmeln verstecken konnten. Nach den Scheiben „Costello Music“ und „Here We Stand“ kam nämlich: gar nichts mehr. Und so geht es auch mit den neuen Tracks auf „In Your Own Sweet Time“ weiter. Was genau da schief lief und ob man die ehemaligen Helden trotzdem noch gern haben, das kann erfahrt ihr in dieser liebevollen Audiofolge von „Konzeptfreiheit bespricht“.


  • The Fratellis: „In Your Own Sweet Time“, erschienen bei Cooking Vinyl
  • bislang keine Tourtermine für Deutschland

Nautiker im Weltraum?

Decemberists Concert

Review zum Hören: The Decemberists mit „I’ll Be Your Girl“

Seit Jahren erzählen sie immer wieder das gleiche, gefällige Seemannsgarn. The Decemberists nehmen mit in die Welt von verlassen Witwen, verschollenen Matrosen und Menschen die in Walfischen leben. Und auch in Liebesangelegenheiten sind die Jungs aus Portland an vieler Playlist Bord. Da machte es auch gar nichts, einige Jahre auf neuen Stoff zu warten, denn ein wahrer Kapitän muss ja erst was erleben bevor er darüber singen kann. Und jetzt das: Es soll Schluss sein mit dem altgedienten Schema der folkigen Träumereien! Poppig sollte die Neue sein, mit viel spacigem Synthie. Viele, vor allem Indiebands, sind so schon zugrunde gegangen. Zu viele!

Was  rauskam, als wir uns endlich getraut hatten den Playbutton zu drücken, das erfahrt ihr in dieser Audioreview zu „I’ll Be Your Girl“ von den Decemberists:


  • The Decemberists: „I’ll Be Your Girl“, erschienen bei Capital Records / Rough Trade (Europa)
  • 16.11.18 Berlin – Astra Kulturhaus
  • Mehr Tourdaten

Ostern für das deutsche Fernsehen

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In Deutschland scheint es endlich bergauf zu gehen in der öffentlich-rechtlichen Fernsehlandschaft. Denn neu ist: einige Formate machen wirklich Spaß. Über eine Renaissance   

Es geht also doch. Nach Jahren unbändiger Langeweile und pünktlich kurz nach der größten Diskussion um öffentlich-rechtliche Sendeanstalten mindestens der vergangenen Dekade zeigen ebenjene nach ersten Andeutungen immer mehr ihr wahres Potential. Auf einmal wird über deutsche Serien geredet. Nicht nur weil sie gesehen werden, nein, weil sie wirklich gut sind.

Sogar gute Tatorte gibt es plötzlich. Klar, die Filmreihe hat Tradition, vor allem Sonntagabend auf deutschen Sofas. Wenigstens angerostet war sie aber auch, je nach Ort und Ermittlern auch schon durchoxidiert bis porös. Dann merkte man sehr spät, dass die Münsteraner Ausgabe mit den überbordenden Komikelementen erfolgreich ist und übertrug das Konzept nach Weimar, das ja sowieso sowas ist wie das Münster des Ostens. Nur eben in klein. Und anders. Da ermitteln dann sympathische Ermittler sympathisch halboriginelle Fälle inklusive vorhersehbarer Entwicklung und Ende mit Augenzwinkern.

Tatort mit Bier: Der Sonntagabend in Berlin

Gute Filme sind das nicht. Sie entlassen die Deutschen aber mit einem guten Gefühl aus dem Wochenende und haben es irgendwie geschafft, auch in der jüngeren Generation Kultstatus zu wecken. Tatort-Public-Viewing mit Bier am Sonntag Abend — im Berliner Nexus lässt man so ein langes Clubwochenende ausklingen. Was wurde diskutiert jahrelang, die kreative Mutlosigkeit moniert im allabendlichen Fernsehprogramm. Welch abstruse Vorschläge wurden gemacht, ein jüngeres Publikum anzusprechen, welch wahnwitzige wurden umgesetzt.

Soziale Medien hingen wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Intendanzen, wie ließen sich diese Menschen nur erreichen, die beim Fernsehen nicht aufhören ihr vollendetes Lebensglück in stets scheiternder Konzentration auf mindestens zwei Bildschirme zu suchen? Dabei war die Antwort immer ganz einfach: Einfach gute Inhalte schaffen. Okay, so leicht ist es nicht nach Jahren des Dosenbiers in der immer selben fleckigen Jogginghose auf der immer selben fleckigen Couch, wieder Ansprüche an sich selbst zu formulieren.

Klägliche Versuche folgten, Serien zu etablieren, die so sehr US-Abklatsch waren, dass sie alleine nicht hätten geradeaus laufen können wie die unsägliche ZDF-Produktion „Morgen hör ich auf“, die ob mangelnden Witzes nicht einmal als Klamauk durchging. „Die Lobbyistin“, die pünktlich zur Produktion der sechsten Staffel des das Genre im Mainstream erfolgreich machenden Politdramas „House of Cards“ erschien und ebendessen Titelmelodie nicht nur etwas zu sehr zum Vorbild nahm.

Vom Regen in die Traufe und dann mit Anlauf raus aus dem Loch  

Aber kurz bevor sich die deutsche Fernsehwelt endgültig lächerlich zu machen schien — an Geld und guten Schauspielern mangelt es schließlich nicht — erhob man sich aus der Senke. Etwa der rbb mit dem Berliner Tatort, der zwar schon seit 2015 mit den aktuellen Ermittlern läuft, sich und die eigene, fortlaufende Geschichte aber beständig weiterentwickelt und einen ersten Höhepunkt in der Berlinale-Folge „Meta“ fand, die pünktlich zum Filmfest Mitte Februar erstausgestrahlt wurde. Die Episode hat Spielfilm-Qualitäten, birgt tatsächlich unerwartete Elemente. In einem Tatort!

Und die Entscheidung, die Geschichte um die Ermittler abseits des aktuellen Falles weiterzuspinnen, erweist sich als absoluter Glücksgriff: die Charaktere entwickeln sich, müssen sich nicht auf plumpe weil kurz gedachte Züge beschränken. „Meta“ kann auch als Zitat bis Hommage an Scorseses „Taxi Driver“ verstanden werden, man bedient sich auch der grandiosen Filmmusik des Klassikers und bindet sie teils famos in die Szenerie des Krimis ein. Dazu endlich gewitzte Drehbücher, die nicht jeden einzelnen Joke zelebrieren als wenn es der letzte wäre. Subtil verpackt, unmittelbar zurück in die Handlung. Das ist anspruchsvoll, macht den Zuschauenden aber — oder gerade deswegen — einfach Spaß.

Wir konnten es einfach nicht  

Ein anderes gutes Beispiel ist „Bad Banks“ im ZDF. Andreas Schreitmüller von arte, die als Kooperationspartner an der Entstehung der Serie beteiligt waren, sagt dazu: „Noch bis vor kurzem war das Lamento der deutschen Fernsehkritik einhellig: „Warum sind deutsche Serien so mies?“ (Der Spiegel), „Regelmäßig enttäuschen Fernsehserien.“ (FAZ), „Wir können es einfach nicht.“ (taz), „Erzählnotstand.“ (SZ). Gemeint war die in der Tat rätselhafte Absenz deutscher horizontal erzählter Serien auf dem internationalen Markt. Doch das ist Vergangenheit! Cineasten haben sich nun auch in Deutschland des seriellen Formats angenommen und nutzen das hohe professionelle Niveau der fiktionalen Produktion hierzulande.“

Und er hat recht. „Bad Banks“ strotzt vor neuem Selbstbewusstsein. Die bislang sechs Episoden, eine zweite Staffel ist bereits bestellt, rollen actionreich die Facetten des Investmentbankings auf, hier und da sicher überzogen, immer schnell, international. Letzteres auch wegen der erfrischenden Darsteller. So kann es gerne weitergehen. Hoffentlich geht die Puste nicht so schnell aus.

Schall ohne Rauch

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The Wake Woods spielen im Berliner Musik & Frieden. Ein neues Album im Gepäck, eine Menge Gitarren und noch mehr Energie. Laut war es. Und gut.  

Schade, dass man im Musik & Frieden in Berlin-Kreuzberg nicht rauchen darf. Der ehemalige Magnet-Club an der Oberbaumbrücke ist nämlich eine exzellente Location für kleinere Konzerte. Leider ist die Bar unterbesetzt mit wenig freundlichem Personal, verständlich, wenn man zu zweit einem größeren Ansturm gerecht werden soll. Da kriegt man schon mal schlechte Laune.

Zum Glück gibt es die Baumhaus-Bar ein Stockwerk weiter oben. Die ist während eines Konzertes nicht nur angenehm leer, hier darf auch geraucht werden und die fähigen Barkeeper machen ziemlich gute Drinks, empfehlen auch mal was und die Auswahl ist solide. Aber zurück vor die Bühne: Die Akustik überzeugt hier meist, so auch heute, als The Wake Woods spielen.

So gut, dass man die Lautstärke überhört  

Das Berliner Quartett hat gerade die zweite Platte „Blow Up Your Radio“ veröffentlicht und ist jetzt auf Tour. Schnell wird klar: Es braucht auch 2018 nicht mehr als zwei Gitarren, Schlagzeug und einen bassspielenden Schreihals, um gute Musik zu machen. Dass der Auftritt ohrenbetäubend ist, merkt man erst im Nachhinein, wenn die Ohren pfeifen. Die vier aber machen ihre Sache — will heißen: spielen ihre Instrumente so gut, dass man die Lautstärke glatt überhört.

Vital und mit unendlicher Verve rocken sie auf der Bühne, zeigen, dass die Zeit halbausschweifender Gitarrensoli noch nicht vorbei ist. Die Melodien sind einfach wie eingängig, gäbe es mehr gute Radiosender, wäre ihre Musik wohl absolut radiotauglich. Sänger Ingo Siara gibt die Rampensau, kommuniziert gut mit dem Publikum, das zumindest in den ersten Reihen definitiv jünger ist als die Jungs selbst, wenngleich sich weiter hinten auch mancher Gast mit grau meliertem Haupthaar findet.

Es wird gesoffen, geraucht und zerstört  

Zur Mitte des Auftritts wird dann eine Praline angekündigt, Ram Jams „Black Betty“. Das spielen sie so gut, dass man fast vergisst, dass nicht 1977 ist. Nicht umsonst waren The Wake Woods Vorband von Deep Purple. Sie haben einfach Bock auf Rock’n’Roll, das sieht man auch im Video zur albumbetitelnden Single „Blow Up Your Radio“: In schrillen Outfits wird gesoffen, geraucht, zerstört und nicht zuletzt ziemlich gute Musik gemacht.

Das machen sie auch auf der Bühne des Musik & Frieden, leider ohne Kippe, aber mit Zugabe. Dann ist nach etwa anderthalb Stunden musikalischer Verausgabung Feierabend, auch für die geplagten Barkeeper. Denn alles begibt sich hoch ins Baumhaus. Und raucht.

  • The Wake Woods: „Blow Up Your Radio“, erschienen bei Jayfish Records  
  • 17.03.18 Winterbach – Strandbar 51
  • 13.04.18 Hamburg – Marias Ballroom  
  • 14.04.18 Stralsund – Knuts Bar  
  • Mehr Tourdaten und Tickets  

Kratzig-kuschelige Kotze

Mit Audio-Review im Player

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Review zum Hören: 

Isolation Berlin sind mit ihrem zweiten Album zurück und Sänger Tobias Bamborschke überzeugt wieder als tragisch-komischer, hoffnungslos romantischer Lyriker.

Seit Mitternacht ist es da: „Vergifte dich“, das neue, elf Tracks umfassende Album von Isolation Berlin. Tobias Bamborschke, der dreckige Lyriker und Sänger der Band, zeigt wieder sein Talent hoffnungslos verzweifelt selbstbemitleidende und traurig bis eklige Texte in eingängige Musik zu packen.

Ruhige Töne aus elektrischen und akustischen Gitarren laden zu wachen Träumen ein, atomsphärisch bewegt man sich zwischen der kratzig-kuscheligen Wolldecke von der Oma und und einem gefrorenen Kotzfleck, auf dem man ausrutscht und dann auf dem harten Boden der Berliner Tatsachen landet. Stets klanglich umschmeichelt tut man sich beim Hören auch immer wieder weh.

Als hätten die vier Jungs das Einmaleins des Albumaufbaus auswendig gelernt, eröffnen sie gleich mit einem absoluten Knaller: Von „Serotonin“ hat man schon vor dem ersten Refrain einen Ohrwurm. Gleich danach wird es etwas experimenteller mit dem Titelsong „Vergifte dich“, der auf charmante Weise an die amateurhafte Punkmusik Berlins in der Achtzigern erinnert.

Endlich mal wieder ein Konzeptalbum  

Die Platte beschreibt die entschlossene Verwirrtheit von Spätmittzwanzigern in Berlin, diesem Ort der mehr Sumpf ist als Stadt. „Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben“ erinnert am ehesten an die früheren Stücke, leugnet aber ebenso wenig wie der Rest der Songs die künstlerische Entwicklung der Gruppe, die sie so gut und gerne verstecken.

„Antimaterie“ spricht den Hörer oder vielmehr die Hörerin direkt an und ist an jeden und jede da draußen eine Liebeserklärung. Aber eben nur an diese eine. Man hört all den Stücken gerne zu, auch weil man nicht das Gefühl hat, Musik zu hören, sondern auf einer unbezogenen, schäbigen Matratze zu liegen und Geschichten erzählt zu bekommen.

Außerdem hört sich „Vergifte dich“ an wie das erste Konzeptalbum seit langem, die Reihenfolge macht irgendeinen unergründlichen Sinn,  so eingängig funktionieren die Songs, wenn man sie alle hintereinander und immer wieder hört. Am besten jetzt.

  • Isolation Berlin: „Vergifte dich“, erschienen bei Staatsakt  
  • 15.03.18 Potsdam – Waschhaus  
  • 07.04.18 Zwickau – Alter Gasometer  
  • 12.05.18 Berlin – Astra Kulturhaus  
  • Mehr Tourdaten und Tickets