Zeichen einer Zeit

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Irving Penn wird bis zum 01. Juli 2018 anlässlich seines 100. Geburtstags mit einer einzigartigen Retrospektive in der C/O Galerie gefeiert.

Unzählige warten auf Einlass, Irving Penn anlässlich seines 100. Geburtstages mit der großen Retrospektive „Centennial“ in der C/O Galerie im Amerika-Haus zu feiern. Nachdem drinnen im Kreise Ausgewählter die Vernissage eröffnet und die ersten Weinfalschen geköpft wurden, werden nun hunderte Fotografieenthusiast*innen in den beengten Eingangsbereich gespült.

In der Luft hängt ein Gemisch aus schwerem Parfüm und Weißwein. Vorbei an Blusen, Sakkos und individuellen Hornbrillen empfängt am Ausstellungseingang endlich Irving Penn die Besucher*innen höchstselbst in Form eins übergroßes Selbstporträt, das ihn leger an seiner Großformatkamera lehnend zeigt. Beginnend mit Penns Stilleben, die er in den frühen 1940ern als erste Auftragsarbeiten für das Modemagazin Vogue arrangierte, entwickelt sich die Ausstellung chronologisch.

„Theatre Accident“ zählt wohl zu seinen bekannteren stilllebendigen Kompositionen: 1947 arrangierte er den durch ein Malheur auf dem Boden zerstreuten Inhalt einer Damenhandtasche während eines Theaterbesuchs. Auf den ersten Blick erscheint alles als heilloses Chaos, im zweiten aber lässt sich die Sorgfalt einer eigenen Ordnung erkennen, nämlich die einer symbolischen Beschreibung kleiner Zeitkapseln, die in ihrer kontrollierten Anordnungen auf etwas Nicht-Anwesendes verweist – wie aus Kaffeesatz lassen sich hier aus dem Tascheninhalt Zeichen der Zeit, der Begegnungen und der Identität der Taschenträgerin erahnen. Kleine Rätsel, die manche Besucher*innen erfolglos in frontaler Distanzlosigkeit zu den Bildern zu erraten versuchen. Leider.

1945 kehrte Penn nach einem Kriegseinsatz wieder zur Arbeit bei der Vogue zurück. Im Angrenzenden Teil der Ausstellung zeigt sich, dass Penn die technische Kontrolle seiner Stillleben auf seine ersten ruhmreichen Porträts übertragen konnte. Es entstanden seine „Existenziellen Porträts“, die nicht nur aufgrund der abgebildeten Prominenzen zu zeitgeschichtlichen Bildern wurden. Penn war ein Meister darin, Subjekte außerhalb ihrer habituellen Kontexte zu inszenieren, denn seinen Modellen ließ er zwar jede Entfaltungsmöglichkeit, doch stets vor einem minimalistisch kontrollierten Hintergrund.

Eine Technik, die er auch während seiner Reise 1948 ins Peruanische Cuzco exportierte. In einem geschichtslosen Studio porträtierte er die hiesige Dorfgemeinschaft. Die Form des Beschreibens in seinen sogenannten „Ethnografischen Fotografien“ bleibt aus anthropologscher Sicht unbedingt fragwürdig, denn er nimmt Anlehnung an den zeitgenössischen Primitivismus mit dessen Inszenierungen des Edlen Wilden – einem Idealtypus vorzivilisatorischen Lebens. Andererseits erzeugte er mit der Übersetzung seiner Technik der Existenziellen Porträts in diesem Peruanischen Kontext eine Art der Gleichzeitigkeit: Ob US-Amerikanischer Glamourstar oder provinzieller Marktverkäufer, für Penn ergeben sich daraus keine Unterschiede aber zeitlose Fotografien.

So bemerkt er mit Hinblick auf seine Modefotografien: „Ich hatte immer das Gefühl, dass wir Träume verkaufen, nicht Kleider.“ Ein Zitat mit welchem auch koloniale Sehnsuchtsgefühle der Moderne interpretiert werden können, für die Penn plastische Metaphern schuf. Dennoch: Penn verstand es, in seinen Fotografien Zusammenspiele von Formen und Zeiten zu inszenieren. Darin liegt wohl sein meisterhaftes Können, das sich lohnt, bestaunt zu werden.

 

Eine Enzyklopädie des Zarten

Im Neuköllner Körnerpark werden seit dem 2. Februar nicht nur multimediale Werke, die sich mehr oder weniger abstrakt mit dem Zarten auseinandersetzen, ausgestellt.

Atmosphärisch völlig deplatziert und doch erhaben bis wundervoll erstreckt sich der Körnerpark wenig abseits der durchaus frequentierten Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln. Unweit unzähliger Dönerbuden, Handy-Reparatur-Läden und Großstadtstaub findet sich eine royal anmutende, schlossgartenähnliche Parkanlage inmitten des Szenebezirks. Offensichtlich gibt sich hier jemand Mühe bei der Pflege der Grünflächen. Und hier finden sich Speisesaal wie Galerie, im Sommer öffnet der Biergarten und lädt auch abseits abgedroschener Floskeln wahrlich zum Verweilen ein.

Doch das farbenfrohe Spiel der Flora vor dem Kiesbett weist auch den Weg in die Galerie am Körnerpark. Langgezogene Räumlichkeiten mit Decken, die an Unendlichkeit zu erinnern vermögen, spenden Platz für die Werke von beinah 40 Künstlern, kuratiert von Anne Brannys unter dem viel bis nichtssagenden Titel “Eine Enzyklopädie des Zarten“.

Eine Domäne des Weiblichen?

Nebst jedwedem aktuellen Diskurs bleibt zumindest auf den ersten Blick das Zarte eine Domäne des Weiblichen, der stereotype Mann würde sich wohl die Bezichtigung der Grobheit gefallen lassen, bevor er sich und anderen Zärtlichkeit ein- und zugesteht. Doch in dem von Maximilian Meier ausgestellten Comic tritt die ganze Deutungsambivalenz des zarten Begriffes zutage. Das Zarte braucht stets das Unzarte, um als zart zu gelten, wie das Gute des Bösen bedingt. Wie kann etwas zart sein, wenn es das Grobe nicht gibt?

Die facettenreiche Ausstellung findet einen ihrer zahlreichen Höhepunkte in der Arbeit von Edith Kollath. Sie hat sich intensiv mit der menschlichen Atmung auseinandergesetzt. Während Tiere hecheln, keine Pausen zwischen Ein- und Ausatmen machen, so erzählt sie, lernt der Mensch mit der Entwicklung seines Ichs nicht nur atmenden Stillstand, er nutzt diesen explizit beim Sprechen.

Fasziniert davon entwickelte sie die Ideen für die beiden von ihr ausgestellten Stücke. Das fallende Tuch, genannt „nothing will ever be the same“, ist beeindruckend simpel aufgebaut und vermag doch irgendwo den Zyklus des Lebens darzustellen. Es gibt Säugetiere, Spitzmäuse beispielsweise, mit vierstelligem Ruhepuls und Elefanten mit einer Herzfrequenz von etwa 25. Beide werden in ihrem Leben eine sehr ähnliche Gesamtzahl an Herzschlägen erfahren.

Von der kulturellen Verbundenheit von Gesellschaft und Religion

Und so divers der Atemrhythmus zwischen den Säugetieren ist, so ist er es auch bei den Menschen im Speziellen. Eine kinetische Konstruktion zieht ein weiß schimmerndes Tuch hoch bis zur Decke und lässt los. Das Tuch fällt immer, doch fällt es immer anders. Wie die Töne, die der Mensch beim Ausatmen von sich gibt, die immer anders geartet sind, immer andere Laute formen, sich zu Sprache wandeln.

Außerdem zeigt Edith Kollath ihre atmenden Bücher „Bibel und Koran“ („Thinking I’d last forever (Duett: Bible & Koran)“. Die atmenden Bücher gibt es schon länger, in verschiedenen Ausführungen. Doch die ausgestellte Version ist neben der Kunst auch ein forderndes, ein progressives Signal für wenig säkulare Völkerverständigung. Die Prämisse der kulturellen Verbundenheit von Gesellschaft und Religion nutzend, impliziert das Werk eine wahrhaftige menschliche Zugewandtheit, die unserer Zeit nur gut täte.

Der Aufbau glänzt wieder in seiner Schlichtheit, wenn er auch zahllose Arbeitsstunden impliziert, die auf den ersten Blick kaum sichtbar sind. Zwei jeweils antike Exemplare von Bibel und Koran liegen einander gegenüber. Profitieren von der verschiedenen Leserichtung, keiner muss kopfstehen. Mittels Motor und in Feinstarbeit an Nähten aufgezogener Seiten empfinden die Bücher eindrucksvoll die Funktionsweise einer menschlichen Lunge nach.

Abseits des Kunstwerkes an und für sich kann die Entstehungsgeschichte ebendieses Exemplars allein stehen. Während sich im mit Antiquariaten übersäten Berlin zahllose elegante wie eingestaubte, beeindruckende Bibelexemplare finden, gestaltet sich die Suche beim islamischen Pendant deutlich komplizierter. Der Ästhetik und der Technik halber sollten die Formate der Schriften sich jedoch wenigstens ähneln.

Grenzen einreißen, Kommunikation schaffen

Intensivere Recherchen förderten zutage, dass der Islam einen zumindest gefühlt wesentlich sorgsameren Umgang mit dem Buch als Produkt, das es ja auch ist, proklamiert. Regeln für die Benutzung, vor allem aber auch für davor und danach spiegeln die Intensität der Glaubensrichtung.

Nichts und mehr von alledem aber konnten die in Eutin Kollath davon abhalten, die atmenden Bücher symbiotisch einander gegenüberzustellen. Die Rücken hinten, die offenen Seiten einander zugewandt, könnte dieses Kunstwerk, einmal verstanden, Grenzen einreißen, Kommunikation schaffen, Differenzen nicht nur abbauen, sondern überspringen.

Eine andere Version der atmenden Bücher, in dem Fall antiquarische Ausgaben von Klassikern der Weltliteratur, hat es schon in die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar geschafft, wo sie ab Mitte März in einer ständigen Ausstellung präsentiert werden.

Vielleicht schafft es diese ja in die heilige Stadt. Irgendwann. Und befriedet den wohl größten Konflikt der jüngeren Menschheitsgeschichte. Bis dahin gilt es, auch die intensiven, hier und da intimen, aber immer mindestens frischen Exponate der zahlreichen Künstler in der Galerie im Körnerpark zu betrachten, zu erfahren, wertzuschätzen. Denn wie sagte schon John Locke? Nichts macht einen zarteren und tieferen Eindruck auf den Geist des Menschen als das Beispiel.

  • Galerie im Körnerpark: Schierker Str. 8, 12051 Berlin
  • täglich geöffnet von 10 – 20 Uhr  
  • Die Ausstellung läuft bis April