Father, where have you been?

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Was der Musik in der letzten Dekade gefehlt hat? Die Frage trieb so manchen um, doch das Warten hat ein Ende, die Antwort ist gefunden: Father Midnight.  

Wo Rock’n’Roll ist, sind Sex und Drogen selten weit. Eine wahre Lendenfreude und Aufruf zum Exzess ist die EP „Lost His Shit“ von Father Midnight. Die drei Jungs aus Berlin zeigen testosterongeladen, wie gute Rockmusik auch mit nur einer Gitarre funktioniert. Dabei halten sie jedem Vergleich mit historischen Granden des Genres stand, schon weil sie ihn hinfällig machen. Wenn sie loslegen, möchte man am liebsten seinen nackten Körper an einem anderen reiben und der Vollendung der Ästhetik solch einer Situation halber im Zuge des Rausches einander vor die Füße kotzen. In der einen Hand ein Bier, in der anderen eine Flasche Whiskey. Kippe im Mund, Bier ins Gesicht.

Zur Einstimmung auf dieses Stück Musikgeschichte — das ist es, das wird es, da sind wir uns ganz sicher — wollen wir diese ein bisschen mitschreiben und haben „Lost his Shit“ in einer Audioreview besprochen. Hört auf Spotify oder direkt hier rein:


Father Midnight auf Bandcamp

 

Zeichen einer Zeit

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Irving Penn wird bis zum 01. Juli 2018 anlässlich seines 100. Geburtstags mit einer einzigartigen Retrospektive in der C/O Galerie gefeiert.

Unzählige warten auf Einlass, Irving Penn anlässlich seines 100. Geburtstages mit der großen Retrospektive „Centennial“ in der C/O Galerie im Amerika-Haus zu feiern. Nachdem drinnen im Kreise Ausgewählter die Vernissage eröffnet und die ersten Weinfalschen geköpft wurden, werden nun hunderte Fotografieenthusiast*innen in den beengten Eingangsbereich gespült.

In der Luft hängt ein Gemisch aus schwerem Parfüm und Weißwein. Vorbei an Blusen, Sakkos und individuellen Hornbrillen empfängt am Ausstellungseingang endlich Irving Penn die Besucher*innen höchstselbst in Form eins übergroßes Selbstporträt, das ihn leger an seiner Großformatkamera lehnend zeigt. Beginnend mit Penns Stilleben, die er in den frühen 1940ern als erste Auftragsarbeiten für das Modemagazin Vogue arrangierte, entwickelt sich die Ausstellung chronologisch.

„Theatre Accident“ zählt wohl zu seinen bekannteren stilllebendigen Kompositionen: 1947 arrangierte er den durch ein Malheur auf dem Boden zerstreuten Inhalt einer Damenhandtasche während eines Theaterbesuchs. Auf den ersten Blick erscheint alles als heilloses Chaos, im zweiten aber lässt sich die Sorgfalt einer eigenen Ordnung erkennen, nämlich die einer symbolischen Beschreibung kleiner Zeitkapseln, die in ihrer kontrollierten Anordnungen auf etwas Nicht-Anwesendes verweist – wie aus Kaffeesatz lassen sich hier aus dem Tascheninhalt Zeichen der Zeit, der Begegnungen und der Identität der Taschenträgerin erahnen. Kleine Rätsel, die manche Besucher*innen erfolglos in frontaler Distanzlosigkeit zu den Bildern zu erraten versuchen. Leider.

1945 kehrte Penn nach einem Kriegseinsatz wieder zur Arbeit bei der Vogue zurück. Im Angrenzenden Teil der Ausstellung zeigt sich, dass Penn die technische Kontrolle seiner Stillleben auf seine ersten ruhmreichen Porträts übertragen konnte. Es entstanden seine „Existenziellen Porträts“, die nicht nur aufgrund der abgebildeten Prominenzen zu zeitgeschichtlichen Bildern wurden. Penn war ein Meister darin, Subjekte außerhalb ihrer habituellen Kontexte zu inszenieren, denn seinen Modellen ließ er zwar jede Entfaltungsmöglichkeit, doch stets vor einem minimalistisch kontrollierten Hintergrund.

Eine Technik, die er auch während seiner Reise 1948 ins Peruanische Cuzco exportierte. In einem geschichtslosen Studio porträtierte er die hiesige Dorfgemeinschaft. Die Form des Beschreibens in seinen sogenannten „Ethnografischen Fotografien“ bleibt aus anthropologscher Sicht unbedingt fragwürdig, denn er nimmt Anlehnung an den zeitgenössischen Primitivismus mit dessen Inszenierungen des Edlen Wilden – einem Idealtypus vorzivilisatorischen Lebens. Andererseits erzeugte er mit der Übersetzung seiner Technik der Existenziellen Porträts in diesem Peruanischen Kontext eine Art der Gleichzeitigkeit: Ob US-Amerikanischer Glamourstar oder provinzieller Marktverkäufer, für Penn ergeben sich daraus keine Unterschiede aber zeitlose Fotografien.

So bemerkt er mit Hinblick auf seine Modefotografien: „Ich hatte immer das Gefühl, dass wir Träume verkaufen, nicht Kleider.“ Ein Zitat mit welchem auch koloniale Sehnsuchtsgefühle der Moderne interpretiert werden können, für die Penn plastische Metaphern schuf. Dennoch: Penn verstand es, in seinen Fotografien Zusammenspiele von Formen und Zeiten zu inszenieren. Darin liegt wohl sein meisterhaftes Können, das sich lohnt, bestaunt zu werden.

 

Schall ohne Rauch

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The Wake Woods spielen im Berliner Musik & Frieden. Ein neues Album im Gepäck, eine Menge Gitarren und noch mehr Energie. Laut war es. Und gut.  

Schade, dass man im Musik & Frieden in Berlin-Kreuzberg nicht rauchen darf. Der ehemalige Magnet-Club an der Oberbaumbrücke ist nämlich eine exzellente Location für kleinere Konzerte. Leider ist die Bar unterbesetzt mit wenig freundlichem Personal, verständlich, wenn man zu zweit einem größeren Ansturm gerecht werden soll. Da kriegt man schon mal schlechte Laune.

Zum Glück gibt es die Baumhaus-Bar ein Stockwerk weiter oben. Die ist während eines Konzertes nicht nur angenehm leer, hier darf auch geraucht werden und die fähigen Barkeeper machen ziemlich gute Drinks, empfehlen auch mal was und die Auswahl ist solide. Aber zurück vor die Bühne: Die Akustik überzeugt hier meist, so auch heute, als The Wake Woods spielen.

So gut, dass man die Lautstärke überhört  

Das Berliner Quartett hat gerade die zweite Platte „Blow Up Your Radio“ veröffentlicht und ist jetzt auf Tour. Schnell wird klar: Es braucht auch 2018 nicht mehr als zwei Gitarren, Schlagzeug und einen bassspielenden Schreihals, um gute Musik zu machen. Dass der Auftritt ohrenbetäubend ist, merkt man erst im Nachhinein, wenn die Ohren pfeifen. Die vier aber machen ihre Sache — will heißen: spielen ihre Instrumente so gut, dass man die Lautstärke glatt überhört.

Vital und mit unendlicher Verve rocken sie auf der Bühne, zeigen, dass die Zeit halbausschweifender Gitarrensoli noch nicht vorbei ist. Die Melodien sind einfach wie eingängig, gäbe es mehr gute Radiosender, wäre ihre Musik wohl absolut radiotauglich. Sänger Ingo Siara gibt die Rampensau, kommuniziert gut mit dem Publikum, das zumindest in den ersten Reihen definitiv jünger ist als die Jungs selbst, wenngleich sich weiter hinten auch mancher Gast mit grau meliertem Haupthaar findet.

Es wird gesoffen, geraucht und zerstört  

Zur Mitte des Auftritts wird dann eine Praline angekündigt, Ram Jams „Black Betty“. Das spielen sie so gut, dass man fast vergisst, dass nicht 1977 ist. Nicht umsonst waren The Wake Woods Vorband von Deep Purple. Sie haben einfach Bock auf Rock’n’Roll, das sieht man auch im Video zur albumbetitelnden Single „Blow Up Your Radio“: In schrillen Outfits wird gesoffen, geraucht, zerstört und nicht zuletzt ziemlich gute Musik gemacht.

Das machen sie auch auf der Bühne des Musik & Frieden, leider ohne Kippe, aber mit Zugabe. Dann ist nach etwa anderthalb Stunden musikalischer Verausgabung Feierabend, auch für die geplagten Barkeeper. Denn alles begibt sich hoch ins Baumhaus. Und raucht.

  • The Wake Woods: „Blow Up Your Radio“, erschienen bei Jayfish Records  
  • 17.03.18 Winterbach – Strandbar 51
  • 13.04.18 Hamburg – Marias Ballroom  
  • 14.04.18 Stralsund – Knuts Bar  
  • Mehr Tourdaten und Tickets  

Kratzig-kuschelige Kotze

Mit Audio-Review im Player

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Review zum Hören: 

Isolation Berlin sind mit ihrem zweiten Album zurück und Sänger Tobias Bamborschke überzeugt wieder als tragisch-komischer, hoffnungslos romantischer Lyriker.

Seit Mitternacht ist es da: „Vergifte dich“, das neue, elf Tracks umfassende Album von Isolation Berlin. Tobias Bamborschke, der dreckige Lyriker und Sänger der Band, zeigt wieder sein Talent hoffnungslos verzweifelt selbstbemitleidende und traurig bis eklige Texte in eingängige Musik zu packen.

Ruhige Töne aus elektrischen und akustischen Gitarren laden zu wachen Träumen ein, atomsphärisch bewegt man sich zwischen der kratzig-kuscheligen Wolldecke von der Oma und und einem gefrorenen Kotzfleck, auf dem man ausrutscht und dann auf dem harten Boden der Berliner Tatsachen landet. Stets klanglich umschmeichelt tut man sich beim Hören auch immer wieder weh.

Als hätten die vier Jungs das Einmaleins des Albumaufbaus auswendig gelernt, eröffnen sie gleich mit einem absoluten Knaller: Von „Serotonin“ hat man schon vor dem ersten Refrain einen Ohrwurm. Gleich danach wird es etwas experimenteller mit dem Titelsong „Vergifte dich“, der auf charmante Weise an die amateurhafte Punkmusik Berlins in der Achtzigern erinnert.

Endlich mal wieder ein Konzeptalbum  

Die Platte beschreibt die entschlossene Verwirrtheit von Spätmittzwanzigern in Berlin, diesem Ort der mehr Sumpf ist als Stadt. „Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben“ erinnert am ehesten an die früheren Stücke, leugnet aber ebenso wenig wie der Rest der Songs die künstlerische Entwicklung der Gruppe, die sie so gut und gerne verstecken.

„Antimaterie“ spricht den Hörer oder vielmehr die Hörerin direkt an und ist an jeden und jede da draußen eine Liebeserklärung. Aber eben nur an diese eine. Man hört all den Stücken gerne zu, auch weil man nicht das Gefühl hat, Musik zu hören, sondern auf einer unbezogenen, schäbigen Matratze zu liegen und Geschichten erzählt zu bekommen.

Außerdem hört sich „Vergifte dich“ an wie das erste Konzeptalbum seit langem, die Reihenfolge macht irgendeinen unergründlichen Sinn,  so eingängig funktionieren die Songs, wenn man sie alle hintereinander und immer wieder hört. Am besten jetzt.

  • Isolation Berlin: „Vergifte dich“, erschienen bei Staatsakt  
  • 15.03.18 Potsdam – Waschhaus  
  • 07.04.18 Zwickau – Alter Gasometer  
  • 12.05.18 Berlin – Astra Kulturhaus  
  • Mehr Tourdaten und Tickets  

Engagement macht frei!

Am 08. Februar hat Robert Menasse in Berlin über seinen preisgekrönten Europa-Roman „Die Hauptstadt“ gesprochen und daraus vorgelesen. Die Quintessenz: ein unglückliches Format tut seinem Buch keinen Abbruch.

Das Atrium der Deutschen Bank. Ein ökonomisch-dogmatisch gestriegelter Veranstaltungsort, an dem Robert Menasse, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017, dem radioeins-Literaturagenten Thomas Böhm Rede und Antwort steht. Und aus seinem preisgekrönten Werk „Die Hauptstadt“ liest.

Gekünstelte Altbaufassaden umgeben das Publikum, echte Altbauten waren das nie, und ein Glasdach hält sie zusammen. Ein Deutsche-Bank-Angestellter im Designeranzug eröffnet das rein kulturelle Interesse der hauseigenen Stiftung, die auch Hauptsponsor des Deutschen Buchpreises ist. Es riecht nach einer Pflichtveranstaltung für den letztjährigen Gewinner.

Die Akustik ist mies. Schwer verständlich also eröffnet der radioeins-Mann Böhm den Talk über Menasses Europa-Roman mit einem Witz: „Heute dürfen nur Handys stören, deren Klingelton ‚Eine Ode an die Freude‘ ist.“ Er biedert sich schon sehr an. Das Gespräch aber ist interessant, der Wiener Autor erzählt freigiebig über die Entstehung, die Recherche: Frei nach dem Motto „kannste einen, kannste alle“ habe er zahlreiche Kontakte der Eurokratie gemacht.

Roter Faden und Recherche  

Die Frage nach derer Literaturfähigkeit stellte sich ihm nur anfangs, viel warm gegessen habe er bei all den Treffen. Sympathisch tritt Menasse auf, gefragt nach dem durch Brüssel rennenden Schwein, einem stringenten, verbindenden Element in seinem Roman, gesteht er, nicht mehr zu wissen wie es zu der Idee kam. Das Schwein halte aber als Metapher für quasi alles her: Glücksschwein und Drecksau, Nazisau bis Judenschwein. Kulturell Ambivalent und doch universal.

Und neben dem Schwein als roten Faden hält es auch sinnbildlich für die aktuelle EU-Politik her. Viele Ressorts mit verschiedenen Zielen suchen vergeblich nach einer Lösung für die Zucht, den Binnenmarkt und nicht zuletzt den Export. Könnte hier nur auch ein Schwein das konnektive Element sein.

Als käme Robert Menasse nun umhin, die Eingangssequenz mit dem Schwein zu verlesen. Dabei wurde durch die ausführliche Diskussion im Vorhinein doch jede Spannung genommen. Er tut es trotzdem, gezwungenermaßen, und mit Wiener Akzent lässt sich doch alles irgendwie genießen, Schmunzeln gehört einfach dazu.

Windbeutel in Brüssel und Wien – und an der Macht  

Dann wird wieder geredet, über europäische Politik, über österreichische, über Sebastian Kurz, den neuen, jungen Kanzler, der ob seines um nationale Beschwichtigung bemühtes, teils gekünstelt verlogenes Verhaltens während seiner Zeit als Außenminister der Alpenrepublik in Brüssel laut Menasse hauptsächlich als Windbeutel bekannt ist.

Um szenisch auf seine nächste Leseprobe zu lenken, wird wie im Buch auch Auschwitz thematisiert. Er war selbst am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers vor Ort, der eigentlich irgendwelchen Delegationen vorbehalten ist. Der Autor rekapituliert die Geschichten, die auch den Weg in „Die Hauptstadt“ gefunden haben: Der Kaffeeautomat der Marke „Enjoy“, die einlassgewährenden Badges, die mit einer Aufschrift signalisieren, dass ihr Verlust dem der Aufenthaltsgenehmigung gleichkäme.

Rauchen macht frei  

Ungewollte Komik. Und dann liest er wieder vor. Und hinter ihm steht im Scheinwerferlicht ein Banner der Deutschen Bank Stiftung mit den Insignien der reibeisenbehandelten Fingerspitzen. „Engagement überwindet Grenzen“ klingt wie das ins 21. Jahrhundert beförderte Dogma der nationalsozialistischen Deportationslager, über deren Toren „Arbeit macht frei“ prangte.

Scheint niemandem aufgefallen zu sein. Außer Robert Menasse: Komisch ist eben die Realität. Wie auch die EU, deren Idee auf den Schrecken des Zweiten Weltkrieges fußt und die in jeder Sekunde verteidigt werden muss. Auch wenn es den Status Quo zu kritisieren gilt, und das tut Menasse, in seinem wirklich großartigen Roman genauso wie am Mikrofon. Das ist sein Thema, er verficht es zum Letzten, könnte sicher ewig weiterreden. Aber jetzt braucht Robert Menasse erstmal eine Zigarettenpause.

Eine Enzyklopädie des Zarten

Im Neuköllner Körnerpark werden seit dem 2. Februar nicht nur multimediale Werke, die sich mehr oder weniger abstrakt mit dem Zarten auseinandersetzen, ausgestellt.

Atmosphärisch völlig deplatziert und doch erhaben bis wundervoll erstreckt sich der Körnerpark wenig abseits der durchaus frequentierten Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln. Unweit unzähliger Dönerbuden, Handy-Reparatur-Läden und Großstadtstaub findet sich eine royal anmutende, schlossgartenähnliche Parkanlage inmitten des Szenebezirks. Offensichtlich gibt sich hier jemand Mühe bei der Pflege der Grünflächen. Und hier finden sich Speisesaal wie Galerie, im Sommer öffnet der Biergarten und lädt auch abseits abgedroschener Floskeln wahrlich zum Verweilen ein.

Doch das farbenfrohe Spiel der Flora vor dem Kiesbett weist auch den Weg in die Galerie am Körnerpark. Langgezogene Räumlichkeiten mit Decken, die an Unendlichkeit zu erinnern vermögen, spenden Platz für die Werke von beinah 40 Künstlern, kuratiert von Anne Brannys unter dem viel bis nichtssagenden Titel “Eine Enzyklopädie des Zarten“.

Eine Domäne des Weiblichen?

Nebst jedwedem aktuellen Diskurs bleibt zumindest auf den ersten Blick das Zarte eine Domäne des Weiblichen, der stereotype Mann würde sich wohl die Bezichtigung der Grobheit gefallen lassen, bevor er sich und anderen Zärtlichkeit ein- und zugesteht. Doch in dem von Maximilian Meier ausgestellten Comic tritt die ganze Deutungsambivalenz des zarten Begriffes zutage. Das Zarte braucht stets das Unzarte, um als zart zu gelten, wie das Gute des Bösen bedingt. Wie kann etwas zart sein, wenn es das Grobe nicht gibt?

Die facettenreiche Ausstellung findet einen ihrer zahlreichen Höhepunkte in der Arbeit von Edith Kollath. Sie hat sich intensiv mit der menschlichen Atmung auseinandergesetzt. Während Tiere hecheln, keine Pausen zwischen Ein- und Ausatmen machen, so erzählt sie, lernt der Mensch mit der Entwicklung seines Ichs nicht nur atmenden Stillstand, er nutzt diesen explizit beim Sprechen.

Fasziniert davon entwickelte sie die Ideen für die beiden von ihr ausgestellten Stücke. Das fallende Tuch, genannt „nothing will ever be the same“, ist beeindruckend simpel aufgebaut und vermag doch irgendwo den Zyklus des Lebens darzustellen. Es gibt Säugetiere, Spitzmäuse beispielsweise, mit vierstelligem Ruhepuls und Elefanten mit einer Herzfrequenz von etwa 25. Beide werden in ihrem Leben eine sehr ähnliche Gesamtzahl an Herzschlägen erfahren.

Von der kulturellen Verbundenheit von Gesellschaft und Religion

Und so divers der Atemrhythmus zwischen den Säugetieren ist, so ist er es auch bei den Menschen im Speziellen. Eine kinetische Konstruktion zieht ein weiß schimmerndes Tuch hoch bis zur Decke und lässt los. Das Tuch fällt immer, doch fällt es immer anders. Wie die Töne, die der Mensch beim Ausatmen von sich gibt, die immer anders geartet sind, immer andere Laute formen, sich zu Sprache wandeln.

Außerdem zeigt Edith Kollath ihre atmenden Bücher „Bibel und Koran“ („Thinking I’d last forever (Duett: Bible & Koran)“. Die atmenden Bücher gibt es schon länger, in verschiedenen Ausführungen. Doch die ausgestellte Version ist neben der Kunst auch ein forderndes, ein progressives Signal für wenig säkulare Völkerverständigung. Die Prämisse der kulturellen Verbundenheit von Gesellschaft und Religion nutzend, impliziert das Werk eine wahrhaftige menschliche Zugewandtheit, die unserer Zeit nur gut täte.

Der Aufbau glänzt wieder in seiner Schlichtheit, wenn er auch zahllose Arbeitsstunden impliziert, die auf den ersten Blick kaum sichtbar sind. Zwei jeweils antike Exemplare von Bibel und Koran liegen einander gegenüber. Profitieren von der verschiedenen Leserichtung, keiner muss kopfstehen. Mittels Motor und in Feinstarbeit an Nähten aufgezogener Seiten empfinden die Bücher eindrucksvoll die Funktionsweise einer menschlichen Lunge nach.

Abseits des Kunstwerkes an und für sich kann die Entstehungsgeschichte ebendieses Exemplars allein stehen. Während sich im mit Antiquariaten übersäten Berlin zahllose elegante wie eingestaubte, beeindruckende Bibelexemplare finden, gestaltet sich die Suche beim islamischen Pendant deutlich komplizierter. Der Ästhetik und der Technik halber sollten die Formate der Schriften sich jedoch wenigstens ähneln.

Grenzen einreißen, Kommunikation schaffen

Intensivere Recherchen förderten zutage, dass der Islam einen zumindest gefühlt wesentlich sorgsameren Umgang mit dem Buch als Produkt, das es ja auch ist, proklamiert. Regeln für die Benutzung, vor allem aber auch für davor und danach spiegeln die Intensität der Glaubensrichtung.

Nichts und mehr von alledem aber konnten die in Eutin Kollath davon abhalten, die atmenden Bücher symbiotisch einander gegenüberzustellen. Die Rücken hinten, die offenen Seiten einander zugewandt, könnte dieses Kunstwerk, einmal verstanden, Grenzen einreißen, Kommunikation schaffen, Differenzen nicht nur abbauen, sondern überspringen.

Eine andere Version der atmenden Bücher, in dem Fall antiquarische Ausgaben von Klassikern der Weltliteratur, hat es schon in die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar geschafft, wo sie ab Mitte März in einer ständigen Ausstellung präsentiert werden.

Vielleicht schafft es diese ja in die heilige Stadt. Irgendwann. Und befriedet den wohl größten Konflikt der jüngeren Menschheitsgeschichte. Bis dahin gilt es, auch die intensiven, hier und da intimen, aber immer mindestens frischen Exponate der zahlreichen Künstler in der Galerie im Körnerpark zu betrachten, zu erfahren, wertzuschätzen. Denn wie sagte schon John Locke? Nichts macht einen zarteren und tieferen Eindruck auf den Geist des Menschen als das Beispiel.

  • Galerie im Körnerpark: Schierker Str. 8, 12051 Berlin
  • täglich geöffnet von 10 – 20 Uhr  
  • Die Ausstellung läuft bis April  

 

James will doch nur spielen

James ist Singer-Songwriter, stammt aus einer Kleinstadt in Schottland, hat stets eine Zigarette im Mund und einen Drink in der Hand. Heute tritt er in der Lagari-Bar in Neukölln auf. Arbeiten nennt er das aber nicht.

„Routine is the lazy boys‘ hell“, singt der Mann mit den langen Haaren ins Mikrofon. Er heißt James Michael Rodgers, ist 26 Jahre alt, Schotte, und hat eine Stimme, so durchdringend, dass man denkt, die Luft vibriert. Man konnte sie schon vor dem Auftritt hören. Nicht auf der Bühne, sondern aus allen Ecken der Bar. Denn James scheint mit jedem hier bekannt zu sein, und bei wem das noch nicht der Fall ist, den lernt er eben kennen. Alkohol hilft dabei.

Betrunkene, die in Berlins Kneipen wirre Geschichten erzählen, sind keine Seltenheit. Dazu gehört James aber nicht: Er hat heute eine offene Bühne organisiert, spricht mit den Teilnehmern, sammelt in einem Hut Geld für sie und ruft störende Besucher zur Räson. Er ist dabei allerdings selbst so laut, dass man der Musik nicht mehr folgen kann. Sein Auftritt ist der letzte für diesen Abend, es ist bereits nach eins. Die meisten Gäste sind gegangen, ebenso die anderen Künstler. Viel erwartet man nicht, die vorherigen Beiträge des Abends geben keinen Anlass dazu.

Als hätte er Schleifpapier gegessen

Und auch James ist heute nicht in Form. Die vorherige Nacht hat er durchgemacht, in einer der Berliner Kneipen, die nie schließen. Er hat nicht geglaubt, dass es das wirklich gibt, wollte nur mal nachsehen und ist dann dort versackt. Viele billige Schnäpse, noch mehr Zigaretten – seine Stimme klingt, als hätte er Schleifpapier gegessen. Im Gespräch mit James bleibt jedes zweite Wort unverstanden, was nicht nur an seiner Heiserkeit liegt. Der 26-Jährige spricht Englisch mit genuscheltem schottischen Akzent und trotz zwei Jahren in Berlin kein Wort Deutsch.

Anfang 2015 ist er von Glasgow nach Schöneberg gezogen, der Onkel seiner Freundin besitzt hier eine Einzimmerwohnung, die die beiden für 400 Euro mieten. Anders als die meisten Songwriter finanziert sich James nur durch Musik. Beim Busking, wie das Auf-der-Straße-Musizieren auch genannt wird, verdient James an den besten Tagen 20 Euro die Stunde. Sehr viel länger darf ein Auftritt für ihn auch nicht dauern. Denn das laute Singen, das genauso zu seinen Songs gehört wie die schnellen Gitarrenriffs, ist anstrengend.

Davon ist jetzt aber noch nichts zu merken. Schon bei den ersten Tönen bereut es keiner der Anwesenden, geblieben zu sein. Auf der Bühne steht nicht der Kerl mit Alkoholproblem, sondern einer, der was zu sagen hat. Wegen des Akzents ist zwar nicht viel vom Text verständlich, aber die Zeilen, die ankommen, gehen direkt ins Herz. Mal winselt seine Stimme “Feasting on your soul, soul, soul“, ein anderes Mal schmettert sie einen Refrain: „It ́s a shame to be alive“.

Bis zum Haus mit Kindern ist es noch weit

Nach sechs Songs steigt James durchgeschwitzt und nun gänzlich ohne Stimme vom Podest. Ein Glas Whiskey steht schon bereit, James schnappt es im Gehen und rennt wie ein Staffelläufer weiter zum Ausgang. Draußen kramt er Drehzeug aus der Hosentasche. Er hat zwar während des Auftritts viel geraucht, aber die Zigarette danach ist doch immer die beste. Über 60 solcher Konzerte hat er im letzten Jahr gegeben, die Straßenmusik nicht mitgezählt.

Er träumt davon, einmal ein Haus im Grünen zu haben. Mit eigenem Studio, Katze, Hund und Kindern. „Und alle paar Monate auf Tour“. Draußen, vor der kleinen Kaschemme in Neukölln, ist das weit weg. Ohne die paar Tage, die seine Freundin wöchentlich in einem Café jobbt, kämen sie erst gar nicht über die Runden.

Er könnte mehr verdienen, wenn er statt eigener Lieder Coversongs spielte. Vor angesoffenen Touristen, die drei Mal hintereinander „Wonderwall“ grölen wollen. Dazu sagt James aber: Das wäre kein Musikmachen mehr. Das wäre Arbeiten. „Und ein Arbeiter bin ich nicht. Ich bin Musiker.“