Affig nicht, aber arktisch

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Da war die Indie-Welt noch in Ordnung. Auf dem neuen Album aber scheint das einstige Feuerwerk kühler Seriosität gewichen zu sein.

Punk’s not dead! Was da mal stimmte, kann man von Indie Rock nicht behaupten. Lange als letzte Instanz des Genres beschworen, wollten (oder mussten?) sich nun auch die Arctic Monkeys neu erfinden: Die neue Platte „Tranquility Base Hotel & Casino“ macht ihrem Namen alle Ehre, ruhig ist es geworden. Und nicht unbedingt auf die gute Weise.  

Elf neue Songs, auf die die Welt fünf Jahre wartete. Wohl eher mehr als weniger sehnsüchtig. Viel wurde vorher spekuliert, Frontmann Alex Turner entwickelte sich zuletzt schnell in eine neue Richtung, machte mit Miles Kane zusammen als „Last Shadow Puppets“ andere, aber durchaus gefällige Musik. Drummer Matt Helders war mit Iggy Pop und Josh Homme auf „Post Pop Depression“-Tour, der Rest widmete sich wohl auch familiären Dingen, die Schraddelbubis von einst sind Männer geworden, einige auch Väter.

Klar, da ändert sich vieles, am Ende wohl auch die Musik. Als Alex Turner nach der Bekanntgabe des sechsten Studioalbums wieder vermehrt in der Öffentlichkeit war, zeigte er sich mit langem, nach hinten gegeltem oder viel mehr pomadigem Haar und: Bart. Mittlerweile gibt es gar mehrere Petitionen pro Rasur. Aber spätestens da war klar, dass die Zeiten von „Mardy Bum“ und „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ endgültig Geschichte sind.

Das neue Album verschweigt keineswegs Turner’s musikalisches Genie, diesmal hat er viel mit dem Piano gearbeitet, wie er detailliert dem wenigstens in seiner Printausgabe scheidenden „Intro“-Magazin schildert. Das gibt dem Album eine gewisse Dramaturgie, wenngleich das Wundervolle dieses Instruments oft blass bleibt trotz hervorragenden Spiels. Irgendwie will der neue Weg sich nirgendwo Zuhause fühlen, was per se nichts Schlechtes ist, in diesem Fall aber kein Soundtrack zu irgendeiner Stimmung ist und das untergräbt fast den Urgedanken jeder Musik.

Reinhören sollte man trotzdem, „Golden Trunks“ hat ein fettes Riff parat, das aus einem Bond-Theme stammen könnte, von dem man sich nur mehr wünschen kann. Und „The Ultracheese“ lässt das Klavier endlich mal Klavier sein. Mehr zum Album in der Audioreview unter dem Text oder auf Spotify. Und bald auch an dieser Stelle mehr zu den Arctic Monkeys, wenn sie in Berlin gespielt haben.


  • Arctic Monkeys: „Tranquility Base Hotel & Casino“, erschienen bei Domino Records  
  • 22.05. Columbiahalle, Berlin
  • 23.05. Columbiahalle, Berlin  
  • 24.06. Hurricane Festival, Scheesel  
  • Mehr Tourdaten und Tickets

 

Kratzig-kuschelige Kotze

Mit Audio-Review im Player

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Review zum Hören: 

Isolation Berlin sind mit ihrem zweiten Album zurück und Sänger Tobias Bamborschke überzeugt wieder als tragisch-komischer, hoffnungslos romantischer Lyriker.

Seit Mitternacht ist es da: „Vergifte dich“, das neue, elf Tracks umfassende Album von Isolation Berlin. Tobias Bamborschke, der dreckige Lyriker und Sänger der Band, zeigt wieder sein Talent hoffnungslos verzweifelt selbstbemitleidende und traurig bis eklige Texte in eingängige Musik zu packen.

Ruhige Töne aus elektrischen und akustischen Gitarren laden zu wachen Träumen ein, atomsphärisch bewegt man sich zwischen der kratzig-kuscheligen Wolldecke von der Oma und und einem gefrorenen Kotzfleck, auf dem man ausrutscht und dann auf dem harten Boden der Berliner Tatsachen landet. Stets klanglich umschmeichelt tut man sich beim Hören auch immer wieder weh.

Als hätten die vier Jungs das Einmaleins des Albumaufbaus auswendig gelernt, eröffnen sie gleich mit einem absoluten Knaller: Von „Serotonin“ hat man schon vor dem ersten Refrain einen Ohrwurm. Gleich danach wird es etwas experimenteller mit dem Titelsong „Vergifte dich“, der auf charmante Weise an die amateurhafte Punkmusik Berlins in der Achtzigern erinnert.

Endlich mal wieder ein Konzeptalbum  

Die Platte beschreibt die entschlossene Verwirrtheit von Spätmittzwanzigern in Berlin, diesem Ort der mehr Sumpf ist als Stadt. „Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben“ erinnert am ehesten an die früheren Stücke, leugnet aber ebenso wenig wie der Rest der Songs die künstlerische Entwicklung der Gruppe, die sie so gut und gerne verstecken.

„Antimaterie“ spricht den Hörer oder vielmehr die Hörerin direkt an und ist an jeden und jede da draußen eine Liebeserklärung. Aber eben nur an diese eine. Man hört all den Stücken gerne zu, auch weil man nicht das Gefühl hat, Musik zu hören, sondern auf einer unbezogenen, schäbigen Matratze zu liegen und Geschichten erzählt zu bekommen.

Außerdem hört sich „Vergifte dich“ an wie das erste Konzeptalbum seit langem, die Reihenfolge macht irgendeinen unergründlichen Sinn,  so eingängig funktionieren die Songs, wenn man sie alle hintereinander und immer wieder hört. Am besten jetzt.

  • Isolation Berlin: „Vergifte dich“, erschienen bei Staatsakt  
  • 15.03.18 Potsdam – Waschhaus  
  • 07.04.18 Zwickau – Alter Gasometer  
  • 12.05.18 Berlin – Astra Kulturhaus  
  • Mehr Tourdaten und Tickets  

Neunmal high und einmal Reue

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Nach langem Warten präsentieren Franz Ferdinand ihr neues Album: Seit dem 09. Februar ist „Always Ascending“ erhältlich.

Rock’n’Roll wurde in den Vereinigten Staaten erfunden. Allzu lang dauerte es aber nicht, bis die Insel zwischen Nordsee und Atlantischem Ozean, das Vereinigte Königreich, zum Kreissaal jedweder legendären Geburt des Genres mutierte. Zu diesen Kindern gehören auch Franz Ferdinand, auf deren eigenen Nachwuchs die Welt lange hat warten müssen. In diesem noch jungen Jahr ist es aber so weit: Die Schotten präsentieren ihr neues Album „Always Ascending“.

Die titelgebende Single kann man schon seit vergangenem Oktober belauschen, ein Ausblick auf den eingeschlagenen Weg gibt sie wohl, wenn die ersten Pianoschläge ertönen und die entstandene Irritation dann von Alex Kapranos gewaltiger Stimme aufgelöst wird. Der Song ist ein Höhenflug, ein High, der Reue zumindest lyrisch nur am Rande formuliert.

Schottisches Raufboldentum und Trinkfestigkeit

Mit ihrem Erstlingswerk von 2004 schafften es Franz Ferdinand sich nicht nur international, sondern auch in den Staaten Gehör zu verschaffen. Das Album war die Initialzündung für die Entstehung einer ganzen Front indierockender Bands im Königreich. Class of 05, benannt nach dem Jahr der größten Sternstunden und den meist schülerhaften Akteuren, sollte diese neue, pluralistischere Phase heißen. Und Franz Ferdinand waren irgendwie und irgendwo die musikalisch-moralische Instanz dieser Epoche.

Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Jungs überpünktlich zum Durchbruch mindestens an der Dreißig kratzten und alle schlechten und postpubertären Angewohnheiten, abgesehen von dem den Schotten eigenen Raufboldentum und immer währender Trinkfestigkeit vielleicht, mehr oder weniger abgelegt hatten. Ganz sicher war es aber auch einfach schon immer ihrer wirklich außergewöhnlichen Musik geschuldet.

Erfolgsverwöhnt und ernüchternd: Elektronische Musik auf dem Vormarsch  

Mit der Single ‚Take Me Out‘ vom ersten Studioalbum schafften sie gleich auch den Durchbruch auf dem für europäische Bands mittlerweile in jeder Hinsicht schwierigen US-Markt. Eine nicht minder erfolgreiche Platte folgte der ersten im Herbst 2005. Vier weitere Jahre später war die Situation dann schon eine ganz andere: Elektronische Musik auf dem Vormarsch, nicht nur in Berlin, nicht nur in Manchester, auch in Glasgow, Geburtsort der Band.

Man hielt am bewährten Konzept fest, traf damit sicher den Geschmack ganz eingefleischter Fans, nicht aber den Zeitgeist. Und irgendwie stellte der gewählte Mittelweg niemanden so ganz zufrieden. Anhänger der ersten Stunde enttäuscht ob der hier und da neuen Sounds, Avantgardisten vergrault mit Halbherzigkeit. Wieder vier Jahre später, 2013, ein letzter Versuch, mit dem altbewährten Rezept erfolgreich zu sein.

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“, diesem, Einstein zumindest zugeschriebenen Zitat zufolge, war das Album blanker Wahnsinn, und nicht auf die gute Weise. In den aller meisten Fällen impliziert Indie-Musik gemeinsames Erwachsenwerden von Band und Fans, Erfolg nicht zuletzt auch bei Mädchen und gerade deshalb auch Identifikation für die Jungs.

Einflüsse für das neue Material? McEwan’s Export und Kokain

Franz Ferdinand hatten ihrer Fanbase gegenüber aber einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung. Sie wurden nicht erwachsen, sie waren es schon. Nicht nur deshalb wurde es dann auch ruhig. Es folgte 2015 die von langer Hand geplante und FFS genannte Kooperation mit den US-amerikanischen Sparks. Erste Gehversuche, zeitgemäße Beats zu etablieren. Große Teile des Publikums nahmen das eher verärgert auf, das Erwachsenwerden verlief eben nicht parallel.

Nun, fünf Jahre nach dem letzten echten Album, drei nach der schwierigen Kooperation und zwei nach dem medial quasi nicht stattgefundenen Release des Donald-Trump-Pamphlets ‚Demagogue‘ bringen die Schotten eben „Always Ascending“. Es umfasst zehn Tracks, für die ein neuer Produzent engagiert wurde, es gab Personalwechsel, man wollte sich neu erfinden, sperrte sich dafür in einer abgelegenen Hütte ein. Es brauchte eine wahrhaftige Renaissance.

Mitgründer Nick McCarthy, der mehr Zeit für Familie und andere Projekte wollte, verließ die Band, für ihn übernahm Julian Corrie Gitarre und Keyboard im Studio. Einflüsse für das neue Material? „Mir fällt eigentlich nur Tarka Daal, McEwans Export und Kokain ein… vielleicht sollten wir lieber nicht davon sprechen.“ sagt Drummer Paul Thomson.

Also alles wie immer. Wie immer? Nein, sie wollten neu und sie kreierten neu: Seit geraumer Zeit tun sich Bands dieses Genres schwer mit dem Spagat zwischen rebellierender Jugend und klarer Linie, zwischen Rock und radiotauglich. Der gelingt den Schotten aber besonders gut mit „Feel The Love Go“, eine wahre Indie-Dance-Hymne. Würden die ganzen Clubs dieser Richtung nicht gerade ihre Türen für immer schließen, dies wäre ein neuer für lange Nächte.

Der Puls bleibt immer auf Schlagzahl  

„Paper Cages“ hingegen könnte das heimliche Schmankerl für eingefleischte Fans sein. Jeder Takt erinnert an frühe Werke, ohne je abgestanden zu wirken. Frisch gemacht und bereit für 2018 könnte man sagen. Die schnellen Rhythmuswechsel in „Glimps Of Love“ vereinen Postpunk-Elemente mit experimentellen Effekten, dazu einen eingängigen Refrain. Der Song kaschiert aber an mancher Stelle auch die melodischen Qualitäten der Band.

„Lazy Boy“ hingegen weckt Erinnerungen an alte Tage, funkbetonte Akkordfolgen, eingängige Riffs in der Bridge und ein schmissiger Refrain werden im Club wie im Stadion zu biergeschwängertem Mitsingen einladen. Der heimliche Superstar der LP aber ist „The Academy Award“. Der teilweise akustisch eingespielte Song mag den Blutdruck vorübergehend senken, der Puls bleibt ob der Stimme und der mit- bis zerreißenden Melodie aber immer auf Schlagzahl.

Dieser fünfte Song von „Always Ascending“ kann lyrisch als Kritik an der zunehmenden technikinduzierten Verrohung der Gesellschaft und gleichzeitig als verzweifelte Ode an die Menschheit verstanden werden: „Through liquid crystal we look at the world“, wir betrachten die Welt auf einem LCD-Bildschirm. Sänger Alex Kapranos trägt sie mit größter Elastizität im Bariton vor. Was bleibt von dieser lang ersehnten Platte, ist eine äußerst professionelle und doch emotionale Gratwanderung zwischen Class of 05 und 2018. Öffnet man sich den neuen Tönen, hört man ein wirklich gelungenes, facettenreiches Album, das jedes mal noch ein kleines bisschen besser wird. 2005 ist lange vorbei!

  • Franz Ferdinand: „Always Ascending“, erscheint bei Domino Records  
  • 01.03.2018 Hamburg – Mehr! Theater
  • 05.03.2018 Köln – Palladium
  • 07.03.2018 Berlin – Tempodrom
  • 12.03.2018 München – Tonhalle