Wo die Gitarre ein Zuhause hat

a0707817835_16-2.jpg

Die neue EP von Father Midnight ist da. Das ging schnell — ein Glück. 

Schon wieder Father Midnight, diesmal in: Wie das Leben spielt. Durch Zufälle bedingt bringen die drei Berliner Jungs keine zwei Monate nach der letzten schon die nächste EP. Name: had it coming. Der Korrektheit halber allerdings müsste man vom Plattencover zitieren. Father Midnight Had It Coming. Philipp Stolterfoht — Sänger, Gitarrist und Lyrizist des Trios — nämlich sagt, der Titel solle auch immer eine kleine Geschichte erzählen, wie schon bei der letzten Publikation Father Midnight Lost His Shit. Die Cover-Artworks sind selbst gestaltet, Bassist Jochen Stückrath und Philipp collagierten jeweils.

Nun also die neue EP mit neuem Material. Das hört klingt alles sehr eingespielt als Ganzes, keiner als wäre er ein Lückenfüller, sondern wohl erwählt. Ein Sound, der an Früheres erinnert, das höchstens aber als Inspirationsquelle diente, den Staub abgeschüttelt, ein ganz neuer Klang. Der Twang der Fender Jazzmaster unverkennbar. Für die Aufnahmen nutzte die Band DDR-Nachbauten von Verstärkern aus den Sixties, arbeitete dann zwar digital, für den finalen Sound aber noch mit Tape Recordern. Dafür zogen sich die drei in ein Haus in Brandenburg zurück, um ungestört vom Trubel der Großstadt fertig zu produzieren. Am Ende stehen vier Lieder, die Sound und Geist vergangener Tage transportieren, ohne die Zeit ihrer Entstehung zu verleugnen. Sehnsucht an Gewesenes wird überdeckt von der Freude, solche Töne frisch zu erleben.

Tom Shaked, seit Jahreswechsel der Drummer von Father Midnight, ist zum ersten Mal auf einem ihrer Records zu hören und fügt sich ganz wunderbar in den Klang ein, gibt den Takt an und lässt Luft für Philipps Kopfstimme, die, so sagt er selbst, mehr Kontrolle ermöglicht, auch wenn er auf der neuen EP hier und da mit tieferen Stimmlagen experimentiert. Schon bekannt von Lost His Shit, diesmal aber noch entschlossener umgesetzt sind die teilweise langen Soli. Father Midnight haben den Mut dazu, nehmen sich Zeit für ausgedehnte Gitarrenparts. Eine lang verloren geglaubte Kunst. Allein dafür gebührt ihnen alle Ehre im immer erlesener werdenden Kreis der Gitarrenmusik-Fans.

Das Bassy, ein Berliner Club in dem sie schon spielten, schloss gerade erst für immer die Türen. Solche Hiobsbotschaften halten sie aber nicht auf, die Antwort ist eine kreischende Klampfe und die Flucht nach vorne. Die nächste Veröffentlichung steht auch schon ins Haus: Am 20. Juli erscheint eine Split mit der Band Ryl — Auftritt in der Kantine am Berghain inklusive. Vielleicht übertönt die Gitarre an diesem Abend dann kurz die Bassboxen des Technoclubs. Nicht nur wegen der Insolvenz des legendären Gitarrenbauers Gibson das bitter nötige Lebenszeichen massivhölzerner Saiteninstrumente.

Der Song „Words“ von der neuen EP:  

Affig nicht, aber arktisch

Arctic_monkeys1
Da war die Indie-Welt noch in Ordnung. Auf dem neuen Album aber scheint das einstige Feuerwerk kühler Seriosität gewichen zu sein.

Punk’s not dead! Was da mal stimmte, kann man von Indie Rock nicht behaupten. Lange als letzte Instanz des Genres beschworen, wollten (oder mussten?) sich nun auch die Arctic Monkeys neu erfinden: Die neue Platte „Tranquility Base Hotel & Casino“ macht ihrem Namen alle Ehre, ruhig ist es geworden. Und nicht unbedingt auf die gute Weise.  

Elf neue Songs, auf die die Welt fünf Jahre wartete. Wohl eher mehr als weniger sehnsüchtig. Viel wurde vorher spekuliert, Frontmann Alex Turner entwickelte sich zuletzt schnell in eine neue Richtung, machte mit Miles Kane zusammen als „Last Shadow Puppets“ andere, aber durchaus gefällige Musik. Drummer Matt Helders war mit Iggy Pop und Josh Homme auf „Post Pop Depression“-Tour, der Rest widmete sich wohl auch familiären Dingen, die Schraddelbubis von einst sind Männer geworden, einige auch Väter.

Klar, da ändert sich vieles, am Ende wohl auch die Musik. Als Alex Turner nach der Bekanntgabe des sechsten Studioalbums wieder vermehrt in der Öffentlichkeit war, zeigte er sich mit langem, nach hinten gegeltem oder viel mehr pomadigem Haar und: Bart. Mittlerweile gibt es gar mehrere Petitionen pro Rasur. Aber spätestens da war klar, dass die Zeiten von „Mardy Bum“ und „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ endgültig Geschichte sind.

Das neue Album verschweigt keineswegs Turner’s musikalisches Genie, diesmal hat er viel mit dem Piano gearbeitet, wie er detailliert dem wenigstens in seiner Printausgabe scheidenden „Intro“-Magazin schildert. Das gibt dem Album eine gewisse Dramaturgie, wenngleich das Wundervolle dieses Instruments oft blass bleibt trotz hervorragenden Spiels. Irgendwie will der neue Weg sich nirgendwo Zuhause fühlen, was per se nichts Schlechtes ist, in diesem Fall aber kein Soundtrack zu irgendeiner Stimmung ist und das untergräbt fast den Urgedanken jeder Musik.

Reinhören sollte man trotzdem, „Golden Trunks“ hat ein fettes Riff parat, das aus einem Bond-Theme stammen könnte, von dem man sich nur mehr wünschen kann. Und „The Ultracheese“ lässt das Klavier endlich mal Klavier sein. Mehr zum Album in der Audioreview unter dem Text oder auf Spotify. Und bald auch an dieser Stelle mehr zu den Arctic Monkeys, wenn sie in Berlin gespielt haben.


  • Arctic Monkeys: „Tranquility Base Hotel & Casino“, erschienen bei Domino Records  
  • 22.05. Columbiahalle, Berlin
  • 23.05. Columbiahalle, Berlin  
  • 24.06. Hurricane Festival, Scheesel  
  • Mehr Tourdaten und Tickets

 

Father, where have you been?

10749914_1513853312214082_8268765550647216071_o

Was der Musik in der letzten Dekade gefehlt hat? Die Frage trieb so manchen um, doch das Warten hat ein Ende, die Antwort ist gefunden: Father Midnight.  

Wo Rock’n’Roll ist, sind Sex und Drogen selten weit. Eine wahre Lendenfreude und Aufruf zum Exzess ist die EP „Lost His Shit“ von Father Midnight. Die drei Jungs aus Berlin zeigen testosterongeladen, wie gute Rockmusik auch mit nur einer Gitarre funktioniert. Dabei halten sie jedem Vergleich mit historischen Granden des Genres stand, schon weil sie ihn hinfällig machen. Wenn sie loslegen, möchte man am liebsten seinen nackten Körper an einem anderen reiben und der Vollendung der Ästhetik solch einer Situation halber im Zuge des Rausches einander vor die Füße kotzen. In der einen Hand ein Bier, in der anderen eine Flasche Whiskey. Kippe im Mund, Bier ins Gesicht.

Zur Einstimmung auf dieses Stück Musikgeschichte — das ist es, das wird es, da sind wir uns ganz sicher — wollen wir diese ein bisschen mitschreiben und haben „Lost his Shit“ in einer Audioreview besprochen. Hört auf Spotify oder direkt hier rein:


Father Midnight auf Bandcamp

 

The Deconstruction der Eels

eels-the-deconstruction

Oder auch: Schnarchen in 15 Songs

„Life is hard and so am I.
You’d better give me something so I don’t die.“

Mit diesen Worten starteten die Eels vor über 20 Jahren ihr wohl bestes Album Beautiful Freak.  Inzwischen scheinen sie recht viel vom falschen „Something“ bekommen zu haben und dennoch ein hartes Leben zu führen. Denn  „The Deconstruction“ ist eine melancholische Schlaftablette, die verschwurbelnd, verkomplizierend und überproduziert keinen Aal mehr aus seiner Höhle locken kann.

Ähnlich gut wie der Wortwitz mit dem Aal (englisch: Eel) sind übrigens auch die Texte einiger der deutlich zu lang geratenen Songs auf „The Deconstruction“. Glaubt ihr nicht? Bitteschön:

I love that you’re my best friend and my wife
And I love our little family and our life

Was es sonst noch so zu „The Deconstruction“ von den Eels zu sagen gibt und ob die ganze Redaktion das so sieht, hört ihr in dieser aktuellen Audio Review von „Konzeptfreiheit bespricht“. Direkt im Player unter diesen Zeilen, oder auf Spotify.


Eels live 2018:

  • 25.06. München, TonHalle
  • 26.06. Köln, E-Werk
  • 28.06. Berlin, Tempodrom
  • 29.06. Hamburg, Mehr!Theater

 

Von den Fratellis nichts Neues

3085038519_e381fcd205_o

Review zum Hören: „In Your Own Sweet Time“ von den Fratellis

Wie viel Teenagerschweiß die Fratellis mit ihren Indiehüpfhymnen bereits vergossen haben, lässt sich nur schwer einschätzen. Mit ihren ersten beiden Alben haben die „Gebrüder“ (das bedeutet der Bandname nämlich ins Deutsche übersetzt) aber anscheinend sämtliche Asse ausgespielt, die sie in ihren engen Indiehemdsärmeln verstecken konnten. Nach den Scheiben „Costello Music“ und „Here We Stand“ kam nämlich: gar nichts mehr. Und so geht es auch mit den neuen Tracks auf „In Your Own Sweet Time“ weiter. Was genau da schief lief und ob man die ehemaligen Helden trotzdem noch gern haben, das kann erfahrt ihr in dieser liebevollen Audiofolge von „Konzeptfreiheit bespricht“.


  • The Fratellis: „In Your Own Sweet Time“, erschienen bei Cooking Vinyl
  • bislang keine Tourtermine für Deutschland

Schall ohne Rauch

The_Wake_Woods_–_Metal_Monday_2016_03

The Wake Woods spielen im Berliner Musik & Frieden. Ein neues Album im Gepäck, eine Menge Gitarren und noch mehr Energie. Laut war es. Und gut.  

Schade, dass man im Musik & Frieden in Berlin-Kreuzberg nicht rauchen darf. Der ehemalige Magnet-Club an der Oberbaumbrücke ist nämlich eine exzellente Location für kleinere Konzerte. Leider ist die Bar unterbesetzt mit wenig freundlichem Personal, verständlich, wenn man zu zweit einem größeren Ansturm gerecht werden soll. Da kriegt man schon mal schlechte Laune.

Zum Glück gibt es die Baumhaus-Bar ein Stockwerk weiter oben. Die ist während eines Konzertes nicht nur angenehm leer, hier darf auch geraucht werden und die fähigen Barkeeper machen ziemlich gute Drinks, empfehlen auch mal was und die Auswahl ist solide. Aber zurück vor die Bühne: Die Akustik überzeugt hier meist, so auch heute, als The Wake Woods spielen.

So gut, dass man die Lautstärke überhört  

Das Berliner Quartett hat gerade die zweite Platte „Blow Up Your Radio“ veröffentlicht und ist jetzt auf Tour. Schnell wird klar: Es braucht auch 2018 nicht mehr als zwei Gitarren, Schlagzeug und einen bassspielenden Schreihals, um gute Musik zu machen. Dass der Auftritt ohrenbetäubend ist, merkt man erst im Nachhinein, wenn die Ohren pfeifen. Die vier aber machen ihre Sache — will heißen: spielen ihre Instrumente so gut, dass man die Lautstärke glatt überhört.

Vital und mit unendlicher Verve rocken sie auf der Bühne, zeigen, dass die Zeit halbausschweifender Gitarrensoli noch nicht vorbei ist. Die Melodien sind einfach wie eingängig, gäbe es mehr gute Radiosender, wäre ihre Musik wohl absolut radiotauglich. Sänger Ingo Siara gibt die Rampensau, kommuniziert gut mit dem Publikum, das zumindest in den ersten Reihen definitiv jünger ist als die Jungs selbst, wenngleich sich weiter hinten auch mancher Gast mit grau meliertem Haupthaar findet.

Es wird gesoffen, geraucht und zerstört  

Zur Mitte des Auftritts wird dann eine Praline angekündigt, Ram Jams „Black Betty“. Das spielen sie so gut, dass man fast vergisst, dass nicht 1977 ist. Nicht umsonst waren The Wake Woods Vorband von Deep Purple. Sie haben einfach Bock auf Rock’n’Roll, das sieht man auch im Video zur albumbetitelnden Single „Blow Up Your Radio“: In schrillen Outfits wird gesoffen, geraucht, zerstört und nicht zuletzt ziemlich gute Musik gemacht.

Das machen sie auch auf der Bühne des Musik & Frieden, leider ohne Kippe, aber mit Zugabe. Dann ist nach etwa anderthalb Stunden musikalischer Verausgabung Feierabend, auch für die geplagten Barkeeper. Denn alles begibt sich hoch ins Baumhaus. Und raucht.

  • The Wake Woods: „Blow Up Your Radio“, erschienen bei Jayfish Records  
  • 17.03.18 Winterbach – Strandbar 51
  • 13.04.18 Hamburg – Marias Ballroom  
  • 14.04.18 Stralsund – Knuts Bar  
  • Mehr Tourdaten und Tickets