Von den Fratellis nichts Neues

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Review zum Hören: „In Your Own Sweet Time“ von den Fratellis

Wie viel Teenagerschweiß die Fratellis mit ihren Indiehüpfhymnen bereits vergossen haben, lässt sich nur schwer einschätzen. Mit ihren ersten beiden Alben haben die „Gebrüder“ (das bedeutet der Bandname nämlich ins Deutsche übersetzt) aber anscheinend sämtliche Asse ausgespielt, die sie in ihren engen Indiehemdsärmeln verstecken konnten. Nach den Scheiben „Costello Music“ und „Here We Stand“ kam nämlich: gar nichts mehr. Und so geht es auch mit den neuen Tracks auf „In Your Own Sweet Time“ weiter. Was genau da schief lief und ob man die ehemaligen Helden trotzdem noch gern haben, das kann erfahrt ihr in dieser liebevollen Audiofolge von „Konzeptfreiheit bespricht“.


  • The Fratellis: „In Your Own Sweet Time“, erschienen bei Cooking Vinyl
  • bislang keine Tourtermine für Deutschland

Neunmal high und einmal Reue

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Nach langem Warten präsentieren Franz Ferdinand ihr neues Album: Seit dem 09. Februar ist „Always Ascending“ erhältlich.

Rock’n’Roll wurde in den Vereinigten Staaten erfunden. Allzu lang dauerte es aber nicht, bis die Insel zwischen Nordsee und Atlantischem Ozean, das Vereinigte Königreich, zum Kreissaal jedweder legendären Geburt des Genres mutierte. Zu diesen Kindern gehören auch Franz Ferdinand, auf deren eigenen Nachwuchs die Welt lange hat warten müssen. In diesem noch jungen Jahr ist es aber so weit: Die Schotten präsentieren ihr neues Album „Always Ascending“.

Die titelgebende Single kann man schon seit vergangenem Oktober belauschen, ein Ausblick auf den eingeschlagenen Weg gibt sie wohl, wenn die ersten Pianoschläge ertönen und die entstandene Irritation dann von Alex Kapranos gewaltiger Stimme aufgelöst wird. Der Song ist ein Höhenflug, ein High, der Reue zumindest lyrisch nur am Rande formuliert.

Schottisches Raufboldentum und Trinkfestigkeit

Mit ihrem Erstlingswerk von 2004 schafften es Franz Ferdinand sich nicht nur international, sondern auch in den Staaten Gehör zu verschaffen. Das Album war die Initialzündung für die Entstehung einer ganzen Front indierockender Bands im Königreich. Class of 05, benannt nach dem Jahr der größten Sternstunden und den meist schülerhaften Akteuren, sollte diese neue, pluralistischere Phase heißen. Und Franz Ferdinand waren irgendwie und irgendwo die musikalisch-moralische Instanz dieser Epoche.

Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Jungs überpünktlich zum Durchbruch mindestens an der Dreißig kratzten und alle schlechten und postpubertären Angewohnheiten, abgesehen von dem den Schotten eigenen Raufboldentum und immer währender Trinkfestigkeit vielleicht, mehr oder weniger abgelegt hatten. Ganz sicher war es aber auch einfach schon immer ihrer wirklich außergewöhnlichen Musik geschuldet.

Erfolgsverwöhnt und ernüchternd: Elektronische Musik auf dem Vormarsch  

Mit der Single ‚Take Me Out‘ vom ersten Studioalbum schafften sie gleich auch den Durchbruch auf dem für europäische Bands mittlerweile in jeder Hinsicht schwierigen US-Markt. Eine nicht minder erfolgreiche Platte folgte der ersten im Herbst 2005. Vier weitere Jahre später war die Situation dann schon eine ganz andere: Elektronische Musik auf dem Vormarsch, nicht nur in Berlin, nicht nur in Manchester, auch in Glasgow, Geburtsort der Band.

Man hielt am bewährten Konzept fest, traf damit sicher den Geschmack ganz eingefleischter Fans, nicht aber den Zeitgeist. Und irgendwie stellte der gewählte Mittelweg niemanden so ganz zufrieden. Anhänger der ersten Stunde enttäuscht ob der hier und da neuen Sounds, Avantgardisten vergrault mit Halbherzigkeit. Wieder vier Jahre später, 2013, ein letzter Versuch, mit dem altbewährten Rezept erfolgreich zu sein.

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“, diesem, Einstein zumindest zugeschriebenen Zitat zufolge, war das Album blanker Wahnsinn, und nicht auf die gute Weise. In den aller meisten Fällen impliziert Indie-Musik gemeinsames Erwachsenwerden von Band und Fans, Erfolg nicht zuletzt auch bei Mädchen und gerade deshalb auch Identifikation für die Jungs.

Einflüsse für das neue Material? McEwan’s Export und Kokain

Franz Ferdinand hatten ihrer Fanbase gegenüber aber einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung. Sie wurden nicht erwachsen, sie waren es schon. Nicht nur deshalb wurde es dann auch ruhig. Es folgte 2015 die von langer Hand geplante und FFS genannte Kooperation mit den US-amerikanischen Sparks. Erste Gehversuche, zeitgemäße Beats zu etablieren. Große Teile des Publikums nahmen das eher verärgert auf, das Erwachsenwerden verlief eben nicht parallel.

Nun, fünf Jahre nach dem letzten echten Album, drei nach der schwierigen Kooperation und zwei nach dem medial quasi nicht stattgefundenen Release des Donald-Trump-Pamphlets ‚Demagogue‘ bringen die Schotten eben „Always Ascending“. Es umfasst zehn Tracks, für die ein neuer Produzent engagiert wurde, es gab Personalwechsel, man wollte sich neu erfinden, sperrte sich dafür in einer abgelegenen Hütte ein. Es brauchte eine wahrhaftige Renaissance.

Mitgründer Nick McCarthy, der mehr Zeit für Familie und andere Projekte wollte, verließ die Band, für ihn übernahm Julian Corrie Gitarre und Keyboard im Studio. Einflüsse für das neue Material? „Mir fällt eigentlich nur Tarka Daal, McEwans Export und Kokain ein… vielleicht sollten wir lieber nicht davon sprechen.“ sagt Drummer Paul Thomson.

Also alles wie immer. Wie immer? Nein, sie wollten neu und sie kreierten neu: Seit geraumer Zeit tun sich Bands dieses Genres schwer mit dem Spagat zwischen rebellierender Jugend und klarer Linie, zwischen Rock und radiotauglich. Der gelingt den Schotten aber besonders gut mit „Feel The Love Go“, eine wahre Indie-Dance-Hymne. Würden die ganzen Clubs dieser Richtung nicht gerade ihre Türen für immer schließen, dies wäre ein neuer für lange Nächte.

Der Puls bleibt immer auf Schlagzahl  

„Paper Cages“ hingegen könnte das heimliche Schmankerl für eingefleischte Fans sein. Jeder Takt erinnert an frühe Werke, ohne je abgestanden zu wirken. Frisch gemacht und bereit für 2018 könnte man sagen. Die schnellen Rhythmuswechsel in „Glimps Of Love“ vereinen Postpunk-Elemente mit experimentellen Effekten, dazu einen eingängigen Refrain. Der Song kaschiert aber an mancher Stelle auch die melodischen Qualitäten der Band.

„Lazy Boy“ hingegen weckt Erinnerungen an alte Tage, funkbetonte Akkordfolgen, eingängige Riffs in der Bridge und ein schmissiger Refrain werden im Club wie im Stadion zu biergeschwängertem Mitsingen einladen. Der heimliche Superstar der LP aber ist „The Academy Award“. Der teilweise akustisch eingespielte Song mag den Blutdruck vorübergehend senken, der Puls bleibt ob der Stimme und der mit- bis zerreißenden Melodie aber immer auf Schlagzahl.

Dieser fünfte Song von „Always Ascending“ kann lyrisch als Kritik an der zunehmenden technikinduzierten Verrohung der Gesellschaft und gleichzeitig als verzweifelte Ode an die Menschheit verstanden werden: „Through liquid crystal we look at the world“, wir betrachten die Welt auf einem LCD-Bildschirm. Sänger Alex Kapranos trägt sie mit größter Elastizität im Bariton vor. Was bleibt von dieser lang ersehnten Platte, ist eine äußerst professionelle und doch emotionale Gratwanderung zwischen Class of 05 und 2018. Öffnet man sich den neuen Tönen, hört man ein wirklich gelungenes, facettenreiches Album, das jedes mal noch ein kleines bisschen besser wird. 2005 ist lange vorbei!

  • Franz Ferdinand: „Always Ascending“, erscheint bei Domino Records  
  • 01.03.2018 Hamburg – Mehr! Theater
  • 05.03.2018 Köln – Palladium
  • 07.03.2018 Berlin – Tempodrom
  • 12.03.2018 München – Tonhalle

James will doch nur spielen

James ist Singer-Songwriter, stammt aus einer Kleinstadt in Schottland, hat stets eine Zigarette im Mund und einen Drink in der Hand. Heute tritt er in der Lagari-Bar in Neukölln auf. Arbeiten nennt er das aber nicht.

„Routine is the lazy boys‘ hell“, singt der Mann mit den langen Haaren ins Mikrofon. Er heißt James Michael Rodgers, ist 26 Jahre alt, Schotte, und hat eine Stimme, so durchdringend, dass man denkt, die Luft vibriert. Man konnte sie schon vor dem Auftritt hören. Nicht auf der Bühne, sondern aus allen Ecken der Bar. Denn James scheint mit jedem hier bekannt zu sein, und bei wem das noch nicht der Fall ist, den lernt er eben kennen. Alkohol hilft dabei.

Betrunkene, die in Berlins Kneipen wirre Geschichten erzählen, sind keine Seltenheit. Dazu gehört James aber nicht: Er hat heute eine offene Bühne organisiert, spricht mit den Teilnehmern, sammelt in einem Hut Geld für sie und ruft störende Besucher zur Räson. Er ist dabei allerdings selbst so laut, dass man der Musik nicht mehr folgen kann. Sein Auftritt ist der letzte für diesen Abend, es ist bereits nach eins. Die meisten Gäste sind gegangen, ebenso die anderen Künstler. Viel erwartet man nicht, die vorherigen Beiträge des Abends geben keinen Anlass dazu.

Als hätte er Schleifpapier gegessen

Und auch James ist heute nicht in Form. Die vorherige Nacht hat er durchgemacht, in einer der Berliner Kneipen, die nie schließen. Er hat nicht geglaubt, dass es das wirklich gibt, wollte nur mal nachsehen und ist dann dort versackt. Viele billige Schnäpse, noch mehr Zigaretten – seine Stimme klingt, als hätte er Schleifpapier gegessen. Im Gespräch mit James bleibt jedes zweite Wort unverstanden, was nicht nur an seiner Heiserkeit liegt. Der 26-Jährige spricht Englisch mit genuscheltem schottischen Akzent und trotz zwei Jahren in Berlin kein Wort Deutsch.

Anfang 2015 ist er von Glasgow nach Schöneberg gezogen, der Onkel seiner Freundin besitzt hier eine Einzimmerwohnung, die die beiden für 400 Euro mieten. Anders als die meisten Songwriter finanziert sich James nur durch Musik. Beim Busking, wie das Auf-der-Straße-Musizieren auch genannt wird, verdient James an den besten Tagen 20 Euro die Stunde. Sehr viel länger darf ein Auftritt für ihn auch nicht dauern. Denn das laute Singen, das genauso zu seinen Songs gehört wie die schnellen Gitarrenriffs, ist anstrengend.

Davon ist jetzt aber noch nichts zu merken. Schon bei den ersten Tönen bereut es keiner der Anwesenden, geblieben zu sein. Auf der Bühne steht nicht der Kerl mit Alkoholproblem, sondern einer, der was zu sagen hat. Wegen des Akzents ist zwar nicht viel vom Text verständlich, aber die Zeilen, die ankommen, gehen direkt ins Herz. Mal winselt seine Stimme “Feasting on your soul, soul, soul“, ein anderes Mal schmettert sie einen Refrain: „It ́s a shame to be alive“.

Bis zum Haus mit Kindern ist es noch weit

Nach sechs Songs steigt James durchgeschwitzt und nun gänzlich ohne Stimme vom Podest. Ein Glas Whiskey steht schon bereit, James schnappt es im Gehen und rennt wie ein Staffelläufer weiter zum Ausgang. Draußen kramt er Drehzeug aus der Hosentasche. Er hat zwar während des Auftritts viel geraucht, aber die Zigarette danach ist doch immer die beste. Über 60 solcher Konzerte hat er im letzten Jahr gegeben, die Straßenmusik nicht mitgezählt.

Er träumt davon, einmal ein Haus im Grünen zu haben. Mit eigenem Studio, Katze, Hund und Kindern. „Und alle paar Monate auf Tour“. Draußen, vor der kleinen Kaschemme in Neukölln, ist das weit weg. Ohne die paar Tage, die seine Freundin wöchentlich in einem Café jobbt, kämen sie erst gar nicht über die Runden.

Er könnte mehr verdienen, wenn er statt eigener Lieder Coversongs spielte. Vor angesoffenen Touristen, die drei Mal hintereinander „Wonderwall“ grölen wollen. Dazu sagt James aber: Das wäre kein Musikmachen mehr. Das wäre Arbeiten. „Und ein Arbeiter bin ich nicht. Ich bin Musiker.“