Kratzig-kuschelige Kotze

Mit Audio-Review im Player

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Review zum Hören: 

Isolation Berlin sind mit ihrem zweiten Album zurück und Sänger Tobias Bamborschke überzeugt wieder als tragisch-komischer, hoffnungslos romantischer Lyriker.

Seit Mitternacht ist es da: „Vergifte dich“, das neue, elf Tracks umfassende Album von Isolation Berlin. Tobias Bamborschke, der dreckige Lyriker und Sänger der Band, zeigt wieder sein Talent hoffnungslos verzweifelt selbstbemitleidende und traurig bis eklige Texte in eingängige Musik zu packen.

Ruhige Töne aus elektrischen und akustischen Gitarren laden zu wachen Träumen ein, atomsphärisch bewegt man sich zwischen der kratzig-kuscheligen Wolldecke von der Oma und und einem gefrorenen Kotzfleck, auf dem man ausrutscht und dann auf dem harten Boden der Berliner Tatsachen landet. Stets klanglich umschmeichelt tut man sich beim Hören auch immer wieder weh.

Als hätten die vier Jungs das Einmaleins des Albumaufbaus auswendig gelernt, eröffnen sie gleich mit einem absoluten Knaller: Von „Serotonin“ hat man schon vor dem ersten Refrain einen Ohrwurm. Gleich danach wird es etwas experimenteller mit dem Titelsong „Vergifte dich“, der auf charmante Weise an die amateurhafte Punkmusik Berlins in der Achtzigern erinnert.

Endlich mal wieder ein Konzeptalbum  

Die Platte beschreibt die entschlossene Verwirrtheit von Spätmittzwanzigern in Berlin, diesem Ort der mehr Sumpf ist als Stadt. „Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben“ erinnert am ehesten an die früheren Stücke, leugnet aber ebenso wenig wie der Rest der Songs die künstlerische Entwicklung der Gruppe, die sie so gut und gerne verstecken.

„Antimaterie“ spricht den Hörer oder vielmehr die Hörerin direkt an und ist an jeden und jede da draußen eine Liebeserklärung. Aber eben nur an diese eine. Man hört all den Stücken gerne zu, auch weil man nicht das Gefühl hat, Musik zu hören, sondern auf einer unbezogenen, schäbigen Matratze zu liegen und Geschichten erzählt zu bekommen.

Außerdem hört sich „Vergifte dich“ an wie das erste Konzeptalbum seit langem, die Reihenfolge macht irgendeinen unergründlichen Sinn,  so eingängig funktionieren die Songs, wenn man sie alle hintereinander und immer wieder hört. Am besten jetzt.

  • Isolation Berlin: „Vergifte dich“, erschienen bei Staatsakt  
  • 15.03.18 Potsdam – Waschhaus  
  • 07.04.18 Zwickau – Alter Gasometer  
  • 12.05.18 Berlin – Astra Kulturhaus  
  • Mehr Tourdaten und Tickets  

Rotwein lädt zum Sitzen ein

Am 25. Januar spielte Iron & Wine in Berlin. Tolle Stimme, toller Gig  – so man denn zu zweit und wankelmütig ist.

Iron & Wine, das ist Musik zum Kuscheln. Die man hört, wenn man zu zweit im Bett liegt. Oder alleine, an einem kalten, regnerischen Tag. Gitarrenmusik irgendwo, im Ensemble aber eher orchestral. Nichts für Exzesse, eher was für ein Glas Rotwein. Höchstens zwei.

Iron & Wine, das ist vor allem Sam Beam, ein gut aussehender US-Amerikaner mit Rauschebart. Egal mit wem er spielt oder auftritt, denn allein ist er nie, bleibt er wohl das musikalische Mastermind hinter den zahlreichen Songs.

Nun kam er also nach Berlin auf großer Europatournee, brachte einen Cellisten, eine Pianistin, eine Percussionistin und einen Kontrabassisten Schrägstrich Gitarristen mit in Huxley’s neue Welt an der Hasenheide. Ihn selbst an der Gitarre nicht zu vergessen. Es gibt ein umfangreiches Werk zu präsentieren, wenn auch nicht alle Songs von professionellen Studioalben kommen, so ist das Repertoire mehr als abendfüllend.

Das Huxley’s kennt man eher aus feucht-klebrigen, biergeschwängerten Nächten, in denen sich kalter und frischer Rauch zu harmonischen Schwaden formieren. Bei Iron & Wine ist das anders. Über der Bühne hängen zahlreiche, wattene Wolken, von den Boden-LEDs eindrucksvoll angestrahlt, davor eine unendliche zivilisierte Meute aus schmusenden Pärchen und zart kreischenden Frauen mittleren Alters, die wirken, als würden sie Sam Beim die Kleider am liebsten mit den Zähnen vom Leibe reißen. Ohne, dass das jemals unangenehm wirken könnte.

Die Stimme ist eine Wucht

Das Konzert dann ist irgendwo eine Wucht. Die Stimme  – eine Wucht. Selten allein gezeigt, wunderbar kombiniert mit ebenjener der Pianistin, entsteht dieses orchestrale, fast theaterhafte Schau- und Klangspiel, das einen vergessen lässt, dass man ohne Begleitung ist oder in Tieferes verschwinden kann. Wenn die Songs sich auch sehr ähneln, so sehr, dass der Laie sie kaum unterscheiden kann, so ist es doch Genusswerk.

Einzig die fast zwei Stunden auf der Bühne ermüden doch irgendwann. Zwischendrin verschwindet das Ensemble, der großartige Sam Beam bleibt allein zurück auf der Bühne, performt solo. Macht Witze. Die gut ankommen. Dann ist die Band zurück mit aufgeklebten Rauschebärten, spielt ein letztes Encore in perfektionistischer Manier. Und dann sind sie weg. Nur das halbvolle Glas Rotwein auf dem Verstärker steht noch da. Eigentlich ein Konzert zum Sitzen.

  • Iron & Wine spielen in Europa außerdem noch in der Schweiz, in Österreich und Italien  

James will doch nur spielen

James ist Singer-Songwriter, stammt aus einer Kleinstadt in Schottland, hat stets eine Zigarette im Mund und einen Drink in der Hand. Heute tritt er in der Lagari-Bar in Neukölln auf. Arbeiten nennt er das aber nicht.

„Routine is the lazy boys‘ hell“, singt der Mann mit den langen Haaren ins Mikrofon. Er heißt James Michael Rodgers, ist 26 Jahre alt, Schotte, und hat eine Stimme, so durchdringend, dass man denkt, die Luft vibriert. Man konnte sie schon vor dem Auftritt hören. Nicht auf der Bühne, sondern aus allen Ecken der Bar. Denn James scheint mit jedem hier bekannt zu sein, und bei wem das noch nicht der Fall ist, den lernt er eben kennen. Alkohol hilft dabei.

Betrunkene, die in Berlins Kneipen wirre Geschichten erzählen, sind keine Seltenheit. Dazu gehört James aber nicht: Er hat heute eine offene Bühne organisiert, spricht mit den Teilnehmern, sammelt in einem Hut Geld für sie und ruft störende Besucher zur Räson. Er ist dabei allerdings selbst so laut, dass man der Musik nicht mehr folgen kann. Sein Auftritt ist der letzte für diesen Abend, es ist bereits nach eins. Die meisten Gäste sind gegangen, ebenso die anderen Künstler. Viel erwartet man nicht, die vorherigen Beiträge des Abends geben keinen Anlass dazu.

Als hätte er Schleifpapier gegessen

Und auch James ist heute nicht in Form. Die vorherige Nacht hat er durchgemacht, in einer der Berliner Kneipen, die nie schließen. Er hat nicht geglaubt, dass es das wirklich gibt, wollte nur mal nachsehen und ist dann dort versackt. Viele billige Schnäpse, noch mehr Zigaretten – seine Stimme klingt, als hätte er Schleifpapier gegessen. Im Gespräch mit James bleibt jedes zweite Wort unverstanden, was nicht nur an seiner Heiserkeit liegt. Der 26-Jährige spricht Englisch mit genuscheltem schottischen Akzent und trotz zwei Jahren in Berlin kein Wort Deutsch.

Anfang 2015 ist er von Glasgow nach Schöneberg gezogen, der Onkel seiner Freundin besitzt hier eine Einzimmerwohnung, die die beiden für 400 Euro mieten. Anders als die meisten Songwriter finanziert sich James nur durch Musik. Beim Busking, wie das Auf-der-Straße-Musizieren auch genannt wird, verdient James an den besten Tagen 20 Euro die Stunde. Sehr viel länger darf ein Auftritt für ihn auch nicht dauern. Denn das laute Singen, das genauso zu seinen Songs gehört wie die schnellen Gitarrenriffs, ist anstrengend.

Davon ist jetzt aber noch nichts zu merken. Schon bei den ersten Tönen bereut es keiner der Anwesenden, geblieben zu sein. Auf der Bühne steht nicht der Kerl mit Alkoholproblem, sondern einer, der was zu sagen hat. Wegen des Akzents ist zwar nicht viel vom Text verständlich, aber die Zeilen, die ankommen, gehen direkt ins Herz. Mal winselt seine Stimme “Feasting on your soul, soul, soul“, ein anderes Mal schmettert sie einen Refrain: „It ́s a shame to be alive“.

Bis zum Haus mit Kindern ist es noch weit

Nach sechs Songs steigt James durchgeschwitzt und nun gänzlich ohne Stimme vom Podest. Ein Glas Whiskey steht schon bereit, James schnappt es im Gehen und rennt wie ein Staffelläufer weiter zum Ausgang. Draußen kramt er Drehzeug aus der Hosentasche. Er hat zwar während des Auftritts viel geraucht, aber die Zigarette danach ist doch immer die beste. Über 60 solcher Konzerte hat er im letzten Jahr gegeben, die Straßenmusik nicht mitgezählt.

Er träumt davon, einmal ein Haus im Grünen zu haben. Mit eigenem Studio, Katze, Hund und Kindern. „Und alle paar Monate auf Tour“. Draußen, vor der kleinen Kaschemme in Neukölln, ist das weit weg. Ohne die paar Tage, die seine Freundin wöchentlich in einem Café jobbt, kämen sie erst gar nicht über die Runden.

Er könnte mehr verdienen, wenn er statt eigener Lieder Coversongs spielte. Vor angesoffenen Touristen, die drei Mal hintereinander „Wonderwall“ grölen wollen. Dazu sagt James aber: Das wäre kein Musikmachen mehr. Das wäre Arbeiten. „Und ein Arbeiter bin ich nicht. Ich bin Musiker.“